Leitfaden zur Auswahl von Kinderbibeln

Anregungen der Expertin Anneli Baum-Resch
Die gute oder gar beste Kinderbibel gibt es nicht. Kinder brauchen vielfältige Bibelbearbeitungen, je nach Alter, Lesegewohnheiten, auch je nach dem wie vertraut sie mit religiösen Traditionen sind. Kinderbibeln können auch für verschiedene Situationen gedacht sein: eher zum Allein-Lesen oder eher zum gemeinsamen Lesen, sie können auch ein Gespräch zwischen dem Kind und einer erwachsenen Begleit-Person im Blick haben - all das wirkt sich darauf aus, wie die biblischen Texte übersetzt werden. Trotz all dieser Verschiedenheiten können einige Qualitätsmerkmale benannt werden.Grundsätzliche Fragen, wenn eine Kinderbibel begutachtet werden soll:
Nimmt die Bearbeitung den biblischen Text ernst, das heißt benutzt sie ihn nicht nach Gutdünken für spannende, bunte, abenteuerliche Geschichten?
Nimmt sie das lesende Kind ernst, das heißt, hat sie seine vermutete Lebenssituation im Blick, will sie nicht verdeckt erziehen, ermahnen oder sonstige undurchsichtige Zwecke verfolgen?
Ob eine Kinderbibel in dieser Weise verantwortlich vorgeht, das kann sich anhand folgender Fragen und Kriterien erschließen:
1. Der erste Eindruck: Äußere Aufmachung und Gestaltung
Lässt der Titel schon Rückschlüsse darauf zu, ob es sich eher um ein Glaubens- oder ein Unterhaltungsbuch handelt? Umfang, Umschlaggestaltung, Stil der Illustrationen - sind sie sorgfältig gemacht, ästhetisch ansprechend - oder eher klischeehaft? Ist eine individuelle "Handschrift" zu erkennen?
Gibt es ein Vorwort, und an wen wendet es sich? Welche Informationen enthält es? (Wünschenswert: angezieltes Alter, Begründung für Auswahl der Texte, Konzept des Buches, gedachte Lesesituation...) Wie ist das Layout, die Text-Bild-Verteilung? (Rückschlüsse auf das angezielte Alter und auf das jeweilige Bibelverständnis)
Inhaltsverzeichnis: Welche Texte sind enthalten, wie werden sie angekündigt (reißerische oder eher bibelnahe Überschriften)? Gibt es zu den biblischen Texten Hinführungen, Erläuterungen, Verständnishilfen? Helfen die Informationen, den biblischen Text und seine Botschaft zu erschließen?
Wird suggeriert, alles sei "genau so passiert", oder gibt es vorsichtige Hinweise auf die Fiktionalität der Texte? (alternative Formulierung: ...Hinweise darauf, dass in der Bibel gläubige Menschen von Erfahrungen erzählen)
Geht die Bibelbearbeitung theologisch bzw. exegetisch verantwortungsvoll vor? (Vergleich mit dem Originaltext!) - oder transportiert sie überkommene Klischees, setzt sie andere, falsche Akzente (etwa bei der Geschichte von Adam und Eva)?
Geben die ausgewählten Texte den Reichtum der biblischen Überlieferung wieder (Psalmen, Lieder, Gebete, Prophetentexte - oder ist die Textauswahl einseitig (z. B. Schwerpunkt auf unterhaltsamen oder "Einschlaf-Geschichten")?
Stimmt das Verhältnis von Texten des AT zu denen des NT mit der Gewichtung des Originals überein? Sind auch Geschichten von Frauen berücksichtigt?
Will die sprachliche Gestaltung eher spannend und witzig sein (ausschmückend) oder versucht sie, die biblische Botschaft in eine anschauliche, prägnante, sorgfältige Sprache zu bringen, die Kinder anspricht?
Tipp: einen persönlich wichtigen Bibeltext, eine "Lieblingsstelle" suchen und in verschiedenen Kinderbibeln dessen Bearbeitung überprüfen!
3. Das Gottesbild
Wie wird von Gott erzählt? Scheint der Autor, die Autorin Bescheid zu wissen über Gott, wird "von oben" erzählt, oder aus der Perspektive der erlebenden Menschen?
Was wird erzählt? Ist Gott ein "Macher" - oder, bei aller Nähe, ein Geheimnis? Gibt es einen "lieblichen" Gott oder kommt die Vielfalt der biblischen Gottesbilder, wenigstens ansatzweise, zum Vorschein?
Werden Grenzerfahrungen von Menschen mit Gott (Verlassenheit, Leid, Schuld, Tod) verschwiegen bzw. verharmlost - oder haben auch die dunklen Seiten des Lebens (und Gottes) Platz?
4. Jesus-Darstellungen
Wird deutlich, was das Besondere an Jesus war bzw. für Christinnen und Christen ist, d. h. scheint etwas von seiner Botschaft auf?
Wird aus dem Text und den Bildern deutlich, dass Jesus Jude war?
Wie wird von Wundern erzählt? Sind sie erkennbar als Zeichen für Jesu Botschaft vom kommenden Reich Gottes - oder spektakuläre Zauber-events bzw. naturwissenschaftlich erklärbar?
Wie wird Jesus im Bild dargestellt - streng oder einladend, rundbäckig-kindlich oder als erwachsener Mann, starr oder lebendig...?
5. Illustrationen
Welche Funktion haben die Bilder, das heißt was wollen sie erreichen (Informationen vermitteln, zum Lesen motivieren, zum meditativen Betrachten einladen, innere Bilder wecken, zur Auseinandersetzung provozieren...)?
Wiederholt die Illustration nur das in den Worten schon Gesagte - oder bietet sie Eigenständiges, macht sie ein Angebot zur Interpretation des Textes? Welche Szenen werden zum Illustrieren ausgewählt - welcher Schwerpunkt wird damit für die Geschichte gesetzt? Wollen die Bilder vordergründig Spannung erzeugen oder bringen sie den Text durch symbolhafte Darstellung zum Sprechen?
All diese Kriterien sollten im Zusammenhang stehen mit dem konkreten Kind, für das die Bibel ausgewählt wird; es kann helfen, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, was für ein Kind das ist, wo seine Vorlieben und Interessen liegen, ob und was es sonst gerne liest.
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