Mit dem Rollstuhl im Hochseilgarten

Heiner Brand und Jens Nowotny unterstützen Kinderhospizverein
Much - Das ist nur etwas für Mutige: In acht Metern Höhe soll Tim auf zwei schmalen Balken von einem Holzponton zum anderen. Nicht gehen, sondern fahren. Tim sitzt im Rollstuhl. Den lenkt der Jugendliche normalerweise mit zwei Fingern an einem Steuerknüppel, der auf dem Tisch vor ihm montiert ist.Im Hochseilgarten bei Much im Bergischen Land schiebt ihn jedoch eine Mitarbeiterin des Vereins für Spiel-, Wald- und Erlebnispädagogik, der den Park gebaut hat. Unten sichern Handball-Nationaltrainer Heiner Brand und Ex-Fußballprofi Jens Nowotny mit Seilen den Nervenkitzel. "Alles in Ordnung da oben?", rufen sie. "Geht so", lautet Tims nicht ganz entspannte Antwort.´
Bundesweit 16 Kinderhospize
Brand und Nowotny stellten sich als Botschafter des Deutschen Kinderhospizvereins vor. Dort kümmern sich rund 400 Ehrenamtliche um 370 Familien mit schwer erkrankten Kindern. Der Verein betreibt bundesweit 16 ambulante Kinderhospize. Die Kinder, die mit ihren Eltern in den Hochseilgarten kommen, sitzen im Rollstuhl.
Sie leiden an unheilbaren Muskel- und Stoffwechselkrankheiten. Nowotny hat seine eigenen drei gesunden Kinder mitgebracht. Sie spielen etwas abseits Fußball. Auf die Frage, warum er sich in den Dienst des Vereins stellt, reicht der wortlose Blick zum eigenen Nachwuchs. Dankbarkeit ist zu spüren.
Nowotny und Brand als Botschafter
Die Kinderhospizarbeit lernte er bei einem Besuch im Kinderhospiz Olpe kennen, den sein damaliger Verein Bayer Leverkusen initiiert hatte. Schon damals sei er beeindruckt gewesen. Als er jetzt bei einer Charity-Gala im Frühjahr 2007 in Köln gefragt wurde, ob er Botschafter werden wolle, sagte Nowotny spontan zu. "Mir ist es ein Anliegen zu zeigen, dass man Gutes auch in der unmittelbaren Nähe tun kann." Bei aller Aufmerksamkeit für Katastrophen und Kriege in anderen Teilen der Welt komme oft zu kurz, dass Hilfe auch hier nötig sei, so der Fußballer.
Handballweltmeister-Trainer Brand hat sich inzwischen Viktoria zugewandt. Sie will als nächstes in ihrem Rollstuhl mit Seilwinden und der Kraft starker Männer auf die Balken gehievt werden. Angst? "Nein - oder vielleicht ein bisschen", gesteht sie. Und Nowotny nimmt es diesmal wörtlich, sich in den Dienst der guten Sache zu stellen. Mit Helm auf dem Kopf und an Karabinern gesichert, erklimmt der 33-Jährige das Gerüst und überprüft Viktorias Fahrt.
Promis für mehr Aufmerksamkeit
"Mit unserer Bekanntheit können wir vor allem Aufmerksamkeit herstellen", begründet Brand sein Engagement. Auch er war bei der Kölner Veranstaltung auf den Kinderhospizverein aufmerksam geworden. Er bewundere das ehrenamtliche Engagement der Mitarbeiter und wolle seinen Teil dazu beitragen, die Öffentlichkeit für die Not der Kinder und ihrer Familien zu sensibilisieren.
"Wir freuen uns sehr, nach dem Politiker Norbert Blüm jetzt zwei Sportler für unsere Sache gewonnen zu haben", sagt Vorstandsmitglied Petra Stuttkewitz. Der frühere Bundesarbeitsminister und CDU-Politiker hatte sich beim evangelischen Kirchentag im Mai 2007 in Köln zur Kooperation bereit erklärt. "Gern hätten wir jetzt noch einen Botschafter oder eine Botschafterin aus dem Fernsehbereich", so Stuttkewitz. Jeder Prominente habe seinen eigenen Kreis. Je mehr gesellschaftliche Bereiche abgedeckt würden, desto besser.
Weltmeister-Trainer mit Höhenangst
Das Interesse am Parcour im Hochseilgarten lässt nicht nach. "Wir werden bestimmt wiederkommen", kündigen die Initiatoren an. Einige der anwesenden Familien kennen das "FIT"-Hotel schon, in dessen Garten die Anlage steht. Es handelt sich um ein integratives und barrierefreies Haus der Lebenshilfe mit behinderten Mitarbeitern. FIT steht nicht für Fitness, sondern für "Freizeit - Integration - Tagung". "Beim nächsten Mal bringe ich meine drei Enkel mit", so Brand. Er selbst will aber nicht auf den Balken. Weltmeister-Trainer müssen eben nicht schwindelfrei sein.
Von Johannes Schönwälder
