Der Turmbau von Babel

Ein großes Bauprojekt scheitert
Noah und seine Familie suchten sich einen Platz, an dem sie leben und arbeiten konnten. Ihre vielen Kinder und Kindeskinder zogen in die Welt hinaus und bevölkerten sie, wie Gott es ihnen aufgetragen hatte. Eine Gruppe von ihnen ließ sich nach langer Wanderung in einem Tal nieder: in der Ebene Schinar, im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris im heutigen Irak. Sie beschlossen, dort zu bleiben und eine Stadt zu errichten. „Lasst uns einen Turm bauen“, schlug einer von ihnen vor. „Ja, einen hohen Turm – so hoch, wie ihn noch niemand gesehen hat“, sagte ein anderer. Und ein dritter meinte: „Der Turm soll bis zum Himmel reichen.“ Alle waren von dieser Idee begeistert. Und einer sprach aus, was alle dachten: „Wir werden ganz groß herauskommen. Mit dem Turm machen wir uns einen Namen und werden berühmt. Kein Volk wird je an unseren Ruhm heranreichen.“Gottes Zorn über den Hochmut der Menschen
Die Menschen, die das Tal bewohnten, fingen mit ihrer Arbeit an. Und sie dachten sich dabei eine ganz neue Bauweise aus. Aus Schlamm und Stroh fertigten sie Ziegel und brannten sie in der heißen Sonne. Erdpech diente als Mörtel, der die Steine zusammenhielt. Die Menschen arbeiteten wie besessen – erfüllt vom Gedanken, berühmt zu werden. Das alles gefiel Gott nicht. Er war zornig über die Menschen im Tal, über ihre Selbstüberschätzung und ihren Hochmut. Und er wollte verhindern, dass sie noch hochmütiger wurden. Bisher hatten alle Menschen die gleiche Sprache gesprochen. Das sollte sich ändern. Denn Gott beschloss, die Sprache der Menschen zu verwirren. Niemand sollte mehr verstehen, was der andere sagte.
Nur ein Haufen Steine blieb übrig
Und so kam es. Die Menschen im Tal konnten sich nicht mehr über den Weiterbau des Turmes verständigen. Sie mussten ihre Arbeit einstellen. Die Stadt im Tal trägt übrigens den Namen Babel. Das heißt Verwirrung. Dort hat Gott die Sprache der Menschen verwirrt. Und von dort zogen die Menschen, die dort lebten, in die weite Welt. Der Turm wurde nie fertig gebaut. Im Laufe der Zeit verfiel er. Und es blieb nur ein Haufen Steine übrig.
(Nacherzählt von Margret Nußbaum)
Kurz erklärt
Liebe Kinder,natürlich hatten die Menschen in Babel allen Grund stolz auf ihre neue Bauweise zu sein. Mit gebrannten Ziegeln konnten sie viel höhere Häuser bauen als vorher mit Natursteinen. Bestimmt fragt ihr euch, warum Gott den Menschen dann doch noch einen Strich durch die Rechnung macht. Vielleicht denkt die eine oder der andere von euch: „Ist Gott vielleicht launisch und missgünstig? Warum gönnt er den Menschen ihren Fortschritt denn nicht?“ Klare Antwort: Gott ist auf unserer Seite, wenn der Fortschritt dem Wohl des Menschen dient. Wenn wir forschen, um anderen ein gesünderes, menschenwürdigeres Leben zu ermöglichen. Deshalb ist der Turm von Babel für Gott nicht das Problem. Er ist zornig, weil die Menschen von Babel beim Bau ihres Turms nur an ihren Ruhm denken. Weil er genau weiß, dass ein starkes Geltungsbedürfnis immer mit Neid, Missgunst, Misstrauen und oft genug sogar Hass einhergeht.
Gott zeigt uns Grenzen auf
Gott ist zornig, weil Menschen sich für etwas Besseres halten und von oben auf andere herabschauen. Deshalb greift er ein und holt die Menschen von ihrem selbst erbauten Thron herunter. Er tut das, weil er sie liebt. Gott will den Menschen ihre Grenzen aufzeigen. Überschreiten wir diese Grenzen, endet das oft genug im Chaos. Denkt nur einmal an die Kriegs- und Krisengebiete unserer Welt, etwa im Nahen Osten. Oder an Massenunfälle auf der Autobahn, die durch Drängler und Raser verschuldet wurden. Überall dort, wo Menschen auf das Recht des Stärkeren pochen und sich rücksichtslos verhalten, ist Babel. Es ist demzufolge auch dort, wo Menschen Geschäfte auf Kosten anderer machen. Wo jeder nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Wo Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden.
Die große Sprachlosigkeit
Bestimmt fragt ihr euch auch: Wie konnte Gott die Sprache der Menschen verwirren? Sie hätten ihn doch austricksen und sich in Zeichensprache weiter unterhalten können. Doch die Sprachverwirrung hat nichts mit Wörtern oder Zeichensprache zu tun. Gemeint ist etwas ganz anderes. Der Erzähler der Geschichte vom Turmbau zu Babel wollte seinen Leserinnen und Lesern die Augen öffnen. Dafür, was passieren kann, wenn Menschen sich nur auf sich selbst, auf ihren Hochmut und ihre Machtbesessenheit verlassen. Sie verstehen sich dann irgendwann nicht mehr – auch wenn sie alle dieselbe Sprache sprechen. Das erleben wir leider täglich: Familien sind zerstritten, unter Klassenkameraden gibt es Missgunst und Eifersucht. Wir streiten und beleidigen einander - oder reden gar nicht mehr. So kommt es im wahrsten Sinne des Wortes oft zur Sprachlosigkeit. Sich verständigen: dahinter stecken also nicht nur Vokabeln und Grammatik. Es bedeutet auch, sich in einen anderen Menschen hinein versetzen zu können, spüren, was er gerade braucht und wie er sich fühlt. Wenn uns das gelingt, sind wir auf dem richtigen Weg – und entfernen uns immer weiter von Babel.
