Amadeus Fliegenfänger

Wie ein Spinnenmann seine Angst überwand
"Igitt! Ist die eklig!", ruft Laura und zeigt entsetzt auf eine Spinne in der Zimmerecke. Ihre Mama beruhigt sie. "Komm, wir schauen uns mal das Netz der Spinne an", schlägt sie vor. Vorsichtig kommt Laura näher. Das Netz sieht wunderschön aus. "Fast so wie das schöne Deckchen, das Uroma gehäkelt hat", meint sie. "Ja, das Spinnennetz ist ein richtiges kleines Kunstwerk", sagt Lauras Mutter. "Fast so schön wie das Netz von Amadeus Fliegenfänger.""Wer ist das denn?", möchte Laura wissen. "Ein stattlicher Spinnenmann", antwortet ihre Mama. "Meine Oma, deine Uroma also, hat mir die Geschichte früher erzählt. Und ich konnte sie nicht oft genug hören." "Bitte, Mama, erzähl mir die Geschichte von dem Spinnenmann!", bettelt Laura. Und ihre Mama beginnt zu erzählen:
In einem Haus lebte einmal eine Spinne. Sie hieß Amadeus Fliegenfänger und war ein sehr gut aussehender Spinnenmann. Kein Wunder, dass Amadeus der Schwarm vieler Spinnendamen war. Doch sein Herz schlug nur für Hermine, seine Spinnenbraut. Die beiden wollten für immer zusammen bleiben. Bald sollte die Hochzeit sein. Alle Spinnen weit und breit waren dazu eingeladen. Doch Amadeus und Hermine mussten noch fürs Hochzeitsessen sorgen. Es sollte fetten Fliegenbraten geben.
Noch mal Glück gehabt
"Niemand außer dir spinnt so große Netze", lobte Hermine ihren Bräutigam. "Außerdem bist du der beste Fliegenfänger weit und breit. Und im Keller des Bauernhofs gibt’s die meisten Fliegen. Da wäre es doch gelacht, wenn du uns nicht einen fetten Braten besorgen könntest!", sagte Hermine. "Die Ameisen werden uns helfen und die Fliegen, die du gefangen hast, durchs Kellerfenster nach draußen tragen und zu mir bringen."
Amadeus fühlte sich geschmeichelt und versprach, sein Bestes zu geben. Doch er hatte Angst. Als er nämlich neulich in einem Haus auf Fliegenjagd war, hätte ihn das fast sein Leben gekostet. "Igitt, eine Spinne!", hatte ein Junge gerufen, der gerade im Keller war, um Kartoffeln zu holen. Seine Mutter lief zu ihm und wollte Amadeus gerade mit einem Stück Papier zerquetschen, als ihm die Flucht gelang. Blitzschnell krabbelte er in ein Schlupfloch. "So ein Pech! Ich habe die Spinne nicht mehr erwischt!", rief die Mutter des Jungen.
"Uff, noch mal Glück gehabt!", seufzte Amadeus erleichtert. Er harrte in seinem Schlupfloch aus, bis es Nacht wurde. Dann krabbelte Amadeus wieder hervor und durch einen Spalt in der Kellertür ins Freie. "Nie wieder werde ich in einem Haus auf Fliegenjagd gehen", nahm er sich vor.
Ein guter Fang
Jetzt aber saß er in der Klemme. Hermine durfte nichts davon erfahren. Am Ende hätte sie ihn ausgelacht oder sich einen anderen Spinnenmann gesucht. Da nahm Amadeus seinen ganzen Mut zusammen und krabbelte durchs Kellerfenster. Hermine hatte Recht. Hier gab es so viele Fliegen wie in keinem anderen Haus. Er suchte sich zuerst einen Schlupfwinkel, in dem er sich verstecken konnte.
Doch die einzige, die schon mal in den Keller kam, war die Bauersfrau. Und die kümmerte sich nicht um Amadeus. So konnte er ungestört sein Netz bauen. Es wurde größer und größer. Stundenlang saß Amadeus in der Mitte des Netzes und wartete auf Fliegen. Plötzlich flog eine besonders dicke am Netz vorbei. Und hast-du-nicht-gesehen hatte sie sich auch schon im Netz verfangen. Es gab kein Entrinnen mehr, so sehr sie auch zappelte.
Amadeus schnürte sie mit ein paar Spinnfäden zu einem Paket zusammen. Im Nu waren die fleißigen Ameisen zur Stelle und trugen das Fliegenpaket fort. "Wir bringen sie zu eurer Wohnung unterm Haselstrauch!", riefen sie Amadeus zu. Der bedankte sich. "Bestimmt wird Hermine stolz auf mich sein!", dachte er.
Amadeus sitzt in der Falle
Amadeus hatte Glück. Er fing noch ein paar kleinere Fliegen. Dabei war er so in seiner Arbeit vertieft, dass er Lisa, das Kind der Bauersfrau, nicht bemerkte. "Eine Spinne!", rief sie begeistert. "Darauf habe ich schon lange gewartet. Nun kann ich endlich in Ruhe nachschauen, wie sie aussieht und ob sie sechs oder acht Beine hat." Und schon saß Amadeus in einem Glas. Schnell schraubte Lisa den Deckel zu.
"Nun ist alles aus!", seufzte Amadeus. "Bestimmt werde ich Hermine nie mehr wieder sehen." Lisa beobachtete den Spinnenmann im Glas. "Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht", zählte Lisa. "Eine Spinne hat also acht Beine!", rief sie. Und dann sagte sie. "Keine Angst, liebe Spinne, ich lasse dich gleich wieder frei."
Amadeus verstand die Menschensprache nicht. Er fürchtete sich sehr. Doch es dauerte nicht lange, und Lisa brachte das Glas mit Amadeus ins Freie. Sie ging bis zum Haselstrauch, hockte sich auf den Boden und öffnete den Deckel des Glases. Amadeus konnte herauskrabbeln.
Die Spinnenhochzeit
"Adieu, kleine Spinne!", rief Lisa. Flink krabbelte Amadeus unter den Blätterhaufen. Dort wartete Hermine schon sehnsüchtig auf ihn. Am nächsten Tag feierten die beiden Hochzeit – mit vielen Spinnengästen und leckerem Fliegenbraten. Und Amadeus erzählte allen Gästen die Geschichte seiner abenteuerlichen Fliegenjagd.
