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Das einsame Gänseblümchen

Gänseblümchen
© KNA

Manchmal muss man den Mut haben sich mit seinen Ängsten anderen anzuvertrauen

Es ist Sonntag. Laura, Lukas und ihre Eltern besuchen den Familiengottesdienst. Zu Beginn singen alle das Lied "Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es ja allein". Dann verteilt Oliver, der Gemeindereferent, Gänseblümchen an die Kinder und Eltern und sagt: "Ich erzähle euch nun die Geschichte vom einsamen Gänseblümchen. Sie passt nämlich gut zu dem Lied, das wir gerade gesungen haben." Oliver beginnt zu erzählen:

Es war einmal ein Gänseblümchen. Jeden Morgen, wenn die anderen Blumen auf der Wiese ihre Köpfchen der Sonne entgegen streckten, hielt es ängstlich seinen Blütenkelch geschlossen. "Wenn mich jemand abpflückt, ist es aus mit mir", dachte es. Doch bald wurde es dem Gänseblümchen entsetzlich langweilig. "Öffne doch einfach deine Knospe!", riefen die anderen Blumen. Aber das Gänseblümchen traute sich nicht.

"Alle freuen sich über den Sonnenschein"

Mit der Zeit wurde es richtig neidisch auf die anderen Blumen. Denn sie erzählten von den Bienen, die sie jeden Tag besuchten und Nektar abholten. Sie sprachen von der warmen Sonne, von den Vögeln und den Kindern, die auf der Wiese spielten. Da kam ein bunter Schmetterling und landete auf der Knospe des Gänseblümchens. "Öffne deinen Blütenkelch! Es ist so schön auf der Wiese. Und alle freuen sich über den warmen Sonnenschein", flüsterte er dem Gänseblümchen zu. Doch es half nichts. Das Gänseblümchen hielt seinen Blütenkelch geschlossen.

So verging der Sommer. Der Herbst zog ins Land. Die Blätter fielen von den Bäumen, die Blumen waren alle verblüht. Unser Gänseblümchen hielt es nicht mehr länger in seiner Knospe aus. Es wollte die Sonne spüren, mit den anderen Blumen lachen, sich an den Bienen freuen und dem Gezwitscher der Vögel lauschen. Vorsichtig öffnete es seine Knospe und blinzelte ins Freie.

Doch wie erschrak das Gänseblümchen! Denn auf der Wiese war alles wie ausgestorben. Keine Kinder, keine Bienen, Schmetterlinge und Vögel. Der Himmel war dunkel. Es stürmte, und dicke Hagelkörner prasselten herab. Das Gänseblümchen wurde erschlagen und weit fortgeweht. Auch die anderen Blumen starben. Doch ihre Samen fielen in die Erde. Im nächsten Frühjahr wuchsen daraus neue Blumen. Sie öffneten ihre Knospen und streckten ihre Blütenkelche der Sonne entgegen. Das Gänseblümchen aber, das sich den ganzen Sommer in seiner Knospe versteckt hatte, blieb tot.

Nur gemeinsam sind wir stark

Nach einer kleinen Pause meint Oliver: "Uns ergeht es auch zuweilen wie dem Gänseblümchen in der Geschichte. Wenn wir Probleme haben, ziehen wir uns wie eine Schnecke in ihr Häuschen zurück und können die schönen Dinge um uns herum nicht mehr sehen. Gott möchte aber, dass wir uns dem Leben öffnen und mutig nach vorne schauen. Damit wir unsere Probleme nicht allein bewältigen müssen, hat er uns Menschen gegeben, die uns helfen: Eltern, Geschwister, Freunde, Verwandte, Klassenkameraden, Lehrerinnen und Lehrer.

Wer glaubt, ohne andere auszukommen, wird wie das Gänseblümchen einsam bleiben. Die anderen Blumen in unserer Geschichte lebten und starben gemeinsam, weil sie sich rechtzeitig geöffnet hatten. Und ihre Samen trugen im nächsten Frühjahr Früchte. Das kleine Gänseblümchen jedoch lebte und starb einsam. Es hatte vor lauter Sorge um sein Leben das wahre Leben verloren."

Von Margret Nußbaum
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