Zeige mir, wo Gott ist!

Was will Gott uns sagen?
Es ist Abend. Lukas und sein Papa machen es sich auf dem Sofa gemütlich. Und jeder erzählt, was er tagsüber erlebt hat. Plötzlich fragt Lukas: "Du Papa, was macht Gott eigentlich?" Der Vater überlegt eine Weile und sagt dann: "Ich kenne eine Geschichte von Leo Tolstoi. Das ist ein russischer Schriftsteller. Seine Geschichte passt genau zu deiner Frage." Und er beginnt zu erzählen:In einem fernen Land lebte einmal ein unzufriedener, ungerechter König. Ein falsches Wort genügte, und der König geriet außer sich vor Zorn. Eines Tages ließ er seine Minister kommen und sprach: "Ich bin nun alt geworden. In all den Jahren habe ich vieles gesehen. Doch Gott ist mir immer verborgen geblieben. Darum befehle ich euch: Zeigt mir, wo Gott ist! Ich muss ihn unbedingt sehen, bevor ich sterbe." Und er drohte ihnen: "Wenn ihr mir nicht innerhalb von drei Tagen Gott zeigt, werde ich euch alle töten."
Da bekamen es die Minister mit der Angst zu tun. Verzweifelt überlegten sie, was sie tun könnten. Doch keiner von ihnen hatte eine Idee. Nach drei Tagen ließ der grausame König seine Minister zu sich kommen. Er wurde sehr zornig, als er hörte, dass sie Gott nicht gefunden hatten. Gerade wollte er den Henker rufen, um sie hinrichten zu lassen. Da kam ein Hirte vom Feld. Er hatte gehört, was der König plante. Der Hirte bat den Torwächter, ihn zum König vorzulassen. Der zögerte zuerst. Aber die Minister taten ihm Leid.
Ein mutiger Hirte
Der Hirte wurde zum König geführt. Er sagte: "Bitte erlaube mir, deinen Wunsch zu erfüllen. Ich will dir Gott zeigen. Aber du musst mir versprechen, dass die Minister am Leben bleiben." Der König wunderte sich über den Mut des Hirten und warnte ihn: "Du weißt, dass ich auch dich töten werde, wenn du Gott nicht findest."
Der Hirte aber hatte keine Angst. Er führte den König aufs Feld und bat ihn: "Schau in die Sonne!" Der König aber konnte nicht in die Sonne schauen. Denn er wurde von ihrem Glanz geblendet. Schnell schloss er die Augen und rief wütend: "Willst du, dass ich blind werde?" Da antwortete der Hirte: "Die Sonne ist nur ein schwacher Abglanz vom Licht Gottes. Wie willst du Gott sehen, wenn deine Augen schon zu schwach sind, in die Sonne zu schauen? Gott ist viel größer und strahlender als die Sonne. Du musst ihn mit den Augen des Herzens suchen."
Der König war sehr beeindruckt und fragte den Hirten: "Was war vor Gott?" Der Hirte antwortete: "Beginne zu zählen!" Der König begann: "Eins, zwei, drei ...". Der Hirte unterbrach den König und forderte ihn auf: "Beginne mit dem, was vor eins kommt!" Der König wunderte sich und sagte: "Das geht nicht. Vor eins kommt doch nichts." Der Hirte antwortete: "Du hast recht. Vor Gott gibt es nichts."
König im Hirtengewand
Da meinte der König: "Deine Antworten gefallen mir. Ich werde dir so viel Gold und Edelsteine geben, dass du nie mehr Not leiden musst. Aber beantworte mir noch eine einzige Frage: Was macht Gott?" Da schlug der Hirte vor: "Lass uns für eine Weile unsere Kleider tauschen." Der König war einverstanden. Er legte seine kostbaren Gewänder ab und gab sie dem Hirten. Er selbst zog die alten Kleider des Hirten an. Die beiden gingen zum Schloss zurück. Der Hirte setzte sich die Krone auf, griff nach dem Zepter und nahm auf dem Thron Platz.
Der König stand im abgetragenen Hirtengewand vor den Stufen des Thrones. Da sagte der Hirte: "Nun weißt du, was Gott macht. Die Kleinen macht er groß, und die Großen macht er klein." Der König schaute den Hirten dankbar an und meinte: "Du hast mir die Augen und das Herz geöffnet." Wie versprochen beschenkte der König den Hirten mit Gold und Edelsteinen. Von nun an war er ein guter Herrscher. Und das blieb er bis zu seinem Lebensende.
