Die Samariter aus dem Türkenviertel

Lukas bekommt Hilfe, mit der er nicht gerechnet hat
"Mama, heute haben wir im Religionsunterricht über den barmherzigen Samariter gesprochen!“, ruft Lukas, als er aus der Schule heimkommt. "Ein Gesetzeslehrer wollte Jesus testen und fragte ihn: ‚Wer ist mein Nächster?’ Und da hat Jesus ihm die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt. Und stell dir vor, Mama, der Priester und der Levit haben dem armen verletzten Mann nicht geholfen. Die sind einfach an ihm vorbeigegangen. Die waren vielleicht gemein!"Die Mutter erklärt: "Nach dem Gesetz damals durften der Priester und der Levit – das war ein Tempeldiener – nicht helfen. Sie hätten sich dabei vielleicht mit Blut beschmutzt und den Gottesdienst deshalb nicht mehr feiern können. Denn ein Gebot lautete damals: Niemand darf mit blutbefleckten Händen vor Gott treten. In ihrem Gehorsam waren sie so blind, dass sie ungerührt an dem verletzten Mann vorbeigingen. Die Samariter hatten damals kein gutes Ansehen, und die Juden rümpften über sie die Nase. Und ausgerechnet ein Samariter half dem Verletzten. Deshalb hat Jesus mit seiner Geschichte den Gesetzeslehrer auch so beeindruckt."

Lukas hat einen Fahrradunfall
Nach dem Mittagessen möchte Lukas mit seinem Fahrrad zu Erkan fahren. Der türkische Junge ist erst seit einem Monat in Lukas Klasse. Stefan, ein Klassenkamerad, hatte Lukas gewarnt: "Der Erkan wohnt in dem Türkenviertel. Da würde ich an deiner Stelle nicht hinfahren. Die mögen dort keine Deutschen. Am Ende wirst du noch von den großen türkischen Jungs verprügelt!"
Lukas sagt seiner Mama nicht, wohin er möchte. Nachher verbietet sie ihm noch, ins Türkenviertel zu fahren. Schnell radelt er los. Doch obwohl Erkan ihm den Weg beschrieben hat, verfährt sich Lukas. Beim Radfahren zieht er den Zettel mit der Wegbeschreibung aus der Hosentasche. Und da passiert es: Er fährt gegen einen Bordstein und stürzt. Das ist ja eine Bescherung! Die Knie sind aufgeschlagen und bluten. Und der Fahrradlenker ist total verzogen. Mit dem Rad kann Lukas auf keinen Fall mehr fahren.
Und zu allem Überfluss weiß er nicht, wo er ist. Lukas bekommt es mit der Angst zu tun. Was ist, wenn Stefan Recht hat und ihn die großen türkischen Jungs nun verprügeln? Aus dem Bürogebäude gegenüber kommen ein Mann und eine Frau. Sie tragen Aktenkoffer und sind fein angezogen. Obwohl die beiden Lukas sehen, kümmern sie sich nicht um ihn und gehen weiter. Und viele Autos fahren achtlos an Lukas vorbei. Niemand hält an, steigt aus und hilft dem Jungen.
Jede Menge Helfer
Da kommen drei große Jungen auf ihn zu. Lukas kauert sich ängstlich zusammen und beginnt zu weinen. "Komm, wir bringen dich zu meinen Eltern. Die können dir bestimmt helfen", sagt einer der Jungen. Behutsam hilft er Lukas, wieder auf die Beine zu kommen und stützt ihn beim Gehen. Die beiden anderen Jungen tragen das Fahrrad.
Vor einem kleinen Gemüseladen machen sie Halt. Da kommt eine Frau mit langem Rock und Kopftuch und ruft entsetzt: "Du blutest! Tut es sehr weh?" "Das ist unsere Mama", sagt der Junge, auf den Lukas sich stützt. Die Mutter läuft ins Geschäft und kommt gleich darauf mit Verbandszeug zurück. Ihr Mann kommt auch heraus. "Dein Fahrrad ist kaputt? Vielleicht kann ich es reparieren", sagt er freundlich und schiebt das Fahrrad in den Hof. Die Frau wäscht Lukas Wunden sauber, klebt auf jedes Knie ein Pflaster und gibt ihm etwas zu trinken. Mittlerweile hat Lukas erfahren, wie die drei Söhne des türkischen Ehepaares heißen: Ali, Mustafa und Adnan.
"Wo wolltest du eigentlich hin?", fragt Ali. "Zu meinem Freund Erkan. Er muss hier irgendwo wohnen. Aber ich habe den Weg nicht gefunden", antwortet Lukas. "Ich weiß, wo Erkan wohnt", sagt Adnan. "Es ist nur eine Straße weiter. Ich bring dich zu ihm." Mittlerweile hat der Vater auch das Lenkrad wieder gerade gebogen. "Du kannst wieder Fahrrad fahren. Alles ist in Ordnung", ruft er stolz.
Lukas bedankt sich und verspricht: "Ich erzähle meiner Mama, wie nett ihr seid. Und bestimmt kauft sie ab jetzt unser Gemüse nicht mehr im Supermarkt, sondern bei euch."
Am Abend kann Lukas nicht anders. Er erzählt seiner Mama, was passiert ist. Sie schimpft nicht, sondern sagt nur: "Ich hätte es dir bestimmt nicht verboten. Aber versprich mir, von nun an immer Bescheid zu sagen, wohin du fährst." Lukas nickt und drückt seine Mama ganz fest. Die Mutter überlegt eine Weile und sagt: "Da hast du ja heute eine richtige Samariter-Geschichte erlebt. Und eines verspreche ich dir: Ich werde ab jetzt unser Gemüse bei Alis, Mustafas und Adnans Eltern kaufen."
zum Anfang