Christliche Hoffnung gegen weltliche Heilslehren

Papst Benedikt XVI. veröffentlicht die zweite Enzyklika seines Pontifikats
Vatikanstadt - Wieder mal hat Papst Benedikt XVI. alle überrascht. Als zweite Enzyklika legte er nicht, wie erwartet, ein großes Lehrschreiben zur Globalisierung und ihren Herausforderungen für die katholische Soziallehre vor. Vielmehr suchte er die geistesgeschichtliche Auseinandersetzung mit neuzeitlichen Ideologien: mit ihren Zukunftsverheißungen und Fortschrittskonzepten, die Gott ausklammern; mit attraktiven, wenn auch unvollkommenen Theorien für eine bessere Welt, mit dem Atheismus. Ihnen stellt er die christliche Hoffnung entgegen, ein "Zentralwort" des biblischen Glaubens, ein Kennzeichen und eine Grunddimension des Christentums. Hoffnung sei eine neue Freiheit und damit auch eine Antwort auf die übermächtigen, von politischen Systemen durchgesetzten Ideologien und die von ihnen hinterlassene Leere.Nach seiner ersten Enzyklika über die Gottes- und Nächstenliebe (Deus caritas est) macht Benedikt XVI. jetzt die zweite Göttliche Tugend, die Hoffnung, zum Thema. Und Beobachter spekulieren bereits über ein Lehrschreiben zur dritten Tugend, dem Glauben. "Spe salvi" - auf Hoffnung hin sich wir gerettet - lautet jetzt der Titel nach den lateinischen Anfangsworten. Auf anspruchsvollem philosophischem, biblischem, theologischem Niveau setzt der Papst sich mit den Versuchen auseinander, die Hoffnung auf das Reich Gottes durch die Hoffnung auf ein Reich des Menschen abzulösen.
Bacon, die Französische Revolution, Kant und Engels, ausführlicher Karl Marx, bis zu Horkheimer und Adorno: Detailliert und kritisch geht der frühere Theologie-Professor auf die Vordenker von Fortschritt, Vernunft und Freiheit ein - und kommt damit auch auf ein Thema zurück, was ihn schon als Theologieprofessor umgetrieben hat. Marx habe eine klare und präzise Analyse gesellschaftlicher Missstände und auch den Weg zur Revolution aufgezeigt, lobt er Papst. Aber er habe nicht gesagt, wie es weitergehen solle. Das materialistische marxsche Konzept vom Paradies auf Erden scheitere an der Freiheit des Menschen, die immer auch die Entscheidung zum Bösen sein könne.
Aufruf zu Neuorientierung
Die Papst-Enzyklika versteht sich als Aufruf zu einer Neuorientierung, auch zu einer Selbstkritik im Dialog der Welt und ihres Fortschrittglaubens mit dem Christentum und seiner Hoffnungsgestalt. Selbstkritisch richtet sich Benedikt XVI. aber auch an das Christentum selbst. Es habe sich angesichts säkularer Fortschritte und der Errungenschaften von Freiheit und Vernunft zu rasch in einen Heilsindividualismus abdrängen lassen. Damit habe es "die Größe seines Auftrags nicht genügend erkannt". Zwar leiste die Kirche nach wie vor hervorragende Bildungs- und Sozialarbeit, engagiere sich vorbildlich für Schwache und Ausgegrenzte. Effiziente Strukturen seien nützlich, aber eben nicht alles, wiederholt der Papst ein schon in der ersten Enzyklika geäußertes Anliegen.
In der Darstellung der christlichen Hoffnung greift Benedikt XVI. breit auf die biblische Exegese zurück, zitiert die Kirchenväter, vor allem den von ihm geschätzten Augustinus. Er verweist auf den zeitweise in kirchliche Ungnade gefallenen Theologen Henri de Lubac. Konkret stellt er auch moderne Zeugen der Hoffnung vor, die in der Grausamkeit von Sklaverei, von kommunistischer Verfolgung und Gulag ihre Hoffnung aus Glauben und Gebet geschöpft haben. Eine Hoffnung wider alle Hoffnung, auch unter den furchtbarsten Bedingungen, wie er am Beispiel der sudanesischen Sklavin Bakhita, dem vietnamesischen Märtyrer Paul Le-Bao-Thin (gestorben 1857) und dem Zeitgenossen Kardinal Nguyen Van Thuan (1928-2002) erläutert.
Auf hohem akademischem Niveau - noch anspruchsvoller als in seiner ersten Enzyklika oder im jüngsten Jesus-Buch - ist Benedikt XVI. in die Diskussion mit modernen Zeit-Entwürfen eingetreten. Wie in einer Vorlesung wendet sich der Papst-Professor an seine Leser, doziert und zitiert, benutzt mitunter auch die Ich-Form. Die Hoffnungs-Enzyklika richtet sich damit in erster Linie an Bischöfe, Priester und Ordensleute, an kirchliches Leitungspersonal sowie an die Kirchenbasis - auch wenn sie theologische und philosophische Grundkenntnisse voraussetzt. Sie ist nicht an "alle Menschen guten Willens" adressiert wie frühere Enzykliken. Allerdings erhofft sich der Vatikan von dem Lehrschreiben durchaus Einfluss auf die öffentliche Debatte.
