Weihnachten: Ein Abenteuer des Menschseins

Predigt von Weihbischof Georgens im Speyrer Dom
Speyer - Weihnachten hat für mich nichts mit Sicherheit und Geborgenheit zu tun. Eher mit einem Abenteuer: dem Abenteuer des Menschseins.Der Evangelist Lukas drückt dieses Abenteuer in seiner Weihnachtsgeschichte auf denkbar einfache Weise aus: "Und Maria gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe."
So elementar beginnt Menschsein: Wir wurden geboren. Man blickte uns - wenn wir Glück hatten - freundlich an und berührte uns zärtlich, schützte uns vor Kälte und Schmutz, legte uns in die Arme unserer Mutter. So bekamen wir, auf Liebe und Fürsorge angewiesene Menschenkinder, unseren ganz eigenen kleinen Platz - mitten in der großen weiten Welt. Für die große weite Welt waren wir niemand. Und doch waren wir für jemanden, für Vater und Mutter, die Welt.
Weihnachten war - als ich noch ein Kind war - so schön. Natürlich wegen der Geschenke, der Lichter, der Lieder, der familiären Nähe. Doch schön ist Weihnachten vor allem, weil sich im Kind in der Krippe unser eigenes Kindsein, unser eigener erster Anfang noch einmal spiegelt.
Als Kind war ich zum Wachsen fähig. Ich verlangte Nahrung und bekam zu essen. Ich musste behütet und umsorgt werden und konnte doch nach und nach selbständig werden. Ich durfte die ersten Schritte aus Sicherheit und Geborgenheit in die Unsicherheit machen, entdeckte eigene Welten und lernte eigene Wege zu gehen. Ich suchte einen Platz in den Herzen derer, in deren Welt ich getreten war, und fand ihn. Und die, denen ich am Anfang meines Lebens anvertraut war, haben einen Platz in meinem Herzen gefunden.
Wenn Gott zur Welt kommt, erinnert mich dies an das Abenteuer des Menschseins. Ja, es ist wirklich ein Abenteuer, Mensch zu sein: einen Weg zu finden zwischen Glück und Unglück, zwischen Vertrauen und Verzweiflung, zwischen Liebe und Hass, zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, zwischen wunderbaren Ideen und perversen Phantasien, zwischen Hilfsbereitschaft und Terror.
II.
Die Krippe, ein Futtertrog für das Vieh, und kein Platz in der Herberge... So deutet Lukas in seiner Geschichte von der Geburt Jesu die Gefährdungen des Menschseins an. Und es stimmt: Mensch sein, Mensch werden ist ein wechselvolles, riskantes Spiel. Im Kind von Bethlehem geht mir auf: Gott selbst hat sich ohne Abstriche, ohne Verklärungen auf dieses riskante Abenteuer "Menschsein" eingelassen.
Und wenn von Anfang an dem Menschen eine Freiheit anvertraut ist, die ihm Raum gibt für Großes im Guten wie im Bösen, ist Gott selbst dieses Risiko eingegangen, damit der Mensch keine Marionette ist. Genau dieses Mensch-Sein, das auch zum Widerspruch und zum "Nein" zu Gott fähig ist, ist es Gott wert, selbst Mensch zu werden. Und er hält dieses Leben eines Menschen aus bis zum bitteren Ende. Es ist Gott, der im Kind, in einer Krippe und in einem stinkenden Stall zur Welt kommt. Vorbehaltlos setzt sich Gott dem Menschsein aus und hält es aus.
Obwohl ich um die Größe, Erhabenheit und Herrlichkeit Gottes weiß, sagt Weihnachten mir ebenso unzweifelhaft: Dieser Gott, an den ich glaube, ist kein unnahbarer Despot im Himmel. Im Kind in der Krippe kommt er mir und uns allen nahe. Menschgeworden geht er die schwierigen Wege mit uns. Er steht Seite an Seite die Konflikte und Dissonanzen des Lebens mit uns durch. Er riskiert das Abenteuer Menschsein.
Ich brauche nur in den Evangelien das Leben des Jesus von Nazareth Schritt für Schritt nachzulesen: Von der Krippe bis zum Kreuz begegnet mir in diesem Leben Gottes riskiertes Menschsein.
III.
"Sein Leben war das eines Menschen", so bekannten die ersten Christen, wie es uns im Hymnus des Philipperbriefes überliefert ist. Im Blick auf das Kind in der Krippe geht mir auf, was Menschsein von Gott her meint und wie Menschsein mir und anderen gut tut. Der Weg Jesu mitten unter uns macht mir klar:
Ich brauche nicht so überanstrengt und verbissen um mein eigenes Ich zu kämpfen. Gott selbst hat in Jesus Christus die Anstrengung, ein Mensch zu sein auf sich genommen. Er weiß genau um das, was wir nötig haben. Darum zählen meine offenen Hände, um mich von ihm beschenken zu lassen - und meine geöffneten Hände, um von ihm beschenkt seine Güte weiter zu schenken.
Ein Zweites: Ich muss nicht erst gut sein, um geliebt zu werden. Weil ich schon längst geliebt bin, bin ich gut. Ja, selbst wenn etwas in meinem Leben misslingt, habe ich teil am Leben Gottes, der bedingungslos, ohne "Wenn und Aber" liebt. Gott zwingt nicht und drängt sich nicht auf. Er wartet, bis ich mich vorbehaltlos seiner Liebe öffne.
Und schließlich: Als von Gott geliebter Mensch muss ich nicht mehr hassen, nicht einmal mich selbst. In der Menschwerdung Gottes ahne ich, dass Frieden möglich ist, mit mir selbst und mit anderen. In seinem Leben hat Jesus das Lied weitergespielt, das die Engel bei seiner Geburt intoniert haben: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen, die Gott liebt." Wer Jesus begegnet ist, konnte spüren: Alle Menschen gehören ausnahmslos ein und derselben Familie an. Deshalb weiß ich: Weder die übertriebene Verherrlichung des eigenen Ich noch das Schüren von Gefühlen der Feindseligkeit gegenüber Menschen anderer Nationalität, Rasse, Hautfarbe oder Religion kann ein Familienmerkmal derer sein, die Gott zum Vater haben.
Im Blick auf das Kind von Bethlehem entscheidet sich, was Menschsein wirklich bedeutet und sein kann. Jetzt begreife ich: Es lohnt sich, Mensch zu sein, Mensch zu werden - mit allen Risiken. Abenteuer Menschsein: "Mach's wie Gott, werde Mensch" (F. Kamphaus). Amen.
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