Leerer Magen, freudiges Gesicht

In den deutschen Klöstern fasten Mönche und Nonnen maßvoll und beschwingt
Pünktlich nach Aschermittwoch schnüren viele Deutsche den Gürtel enger. Das hat weniger was mit tatsächlicher Not zu tun, sondern damit, dass sie sich für die Fastenzeit bis Ostern vorgenommen haben, auf Überflüssiges zu verzichten. In den meisten Fällen sind das überflüssige Pfunde. Allgemein gelten Fasten und Essensverzicht als zwei Seiten derselben Medaille. Was sagen aber diejenigen, die sich mit dem Thema naturgemäß auskennen: Wie fasten die rund 30.000 Ordensmänner und -frauen in den knapp 5.600 Klöstern in Deutschland?Hinter Deutschlands Klostermauern, von der Nordsee bis zu den Alpen, halten es Mönche und Nonnen damit ganz unterschiedlich. "Das ist hier so breitgestreut wie außerhalb der Klostermauern", meint Benediktiner-Schwester Philippa Rath aus der Abtei Sankt Hildegard bei Bingen am Rhein. Neben den besonderen Fastenpsalmen und Bußhymnen, die in den Klöstern in den Gebetsliturgien zur Fastenzeit angestimmt werden, manifestiert sich das Fasten im Allgemeinen nur auf den monastischen Speisezetteln. In Bingen wird an vier Tagen in der Woche kein Fleisch essen. Doch Schwester Philippa warnt vor "übertriebenen asketischen Klimmzügen". Hungerfasten sei schließlich nicht für jedermann gleichermaßen sinnvoll. Sie formuliert das Fasten-Credo, das einem in den meisten Klöstern entgegenhallt: "Nichts übertreiben - alles in Maßen".
Darum hatte der Ordensgründer, der heilige Benedikt, den Mönchen und Nonnen aufgetragen, dass alle individuellen Fastenvorhaben mit der Äbtissin oder dem Abt abzusprechen sind. "Er kannte die Fallstricke des Fastens und hat besonders vor dem geistlichen Hochmut gewarnt", so die Nonne. Auch die Klosterpatronin, die heilige Hildegard von Bingen, hatte davon abgeraten, das Fasten zu sportlich zu nehmen. Deshalb empfahl sie, niemals länger als zehn Tage streng zu fasten. "Andernfalls beginnt der geistige Höhenflug, bei dem man auf die anderen herabschaut, die diese Disziplin nicht an den Tag legen", weiß Schwester Philippa. "Und darum geht es beim Fasten nun wirklich nicht."
Entzugserscheinungen? Das ist auch gut so!
Die ehemalige Journalistin will in der Fastenzeit aufs Zeitunglesen verzichten. "Das ist meine große Leidenschaft, ich liebe ich schon den Geruch einer frisch gedruckten Zeitung", schwärmt sie und gibt zu: "Natürlich habe ich dann Entzugserscheinungen - aber das ist auch gut so, denn sonst wäre es ja kein Opfer".
Um die Zeitungen müssen sich die Mönche im Württembergischen Wald nicht sorgen. Ganz von der Welt zurückgezogen, werden die 32 Mönche der Kartause Marienau bei Wurzach die 40 Tage bis Ostern fasten. Die Kartäuser gehören zu den strengsten Orden in der katholischen Welt. Ihr Wahlspruch lautet: "Das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht". Wer hier eintritt, schließt mit der Außenwelt ab.
Charakteristisch für die Kartäuser ist ihr Schweigen. In Deutschlands einziger Kartause leben die Mönche abgeschieden, jeder für sich, und kommen allein zum dreimaligen Gebet zusammen. Für das mitternächtliche Gebet unterbrechen sie ihren Schlaf. Die Patres frühstücken nie und ernähren sich streng vegetarisch. Kein Wunder, dass Prior Werenfried Schröer sagt: "Das Leben ist schon Buße genug, daher fasten wir hier nicht außergewöhnlich".
Rund sieben Monate halten die Kartäuser Fastenzeit. Diese bedeutet für die Mönche keine warme Mahlzeit am Tag.
Die Kartäuser fasten zwar nicht außergewöhnlich, dafür aber viel: Rund sieben Monate halten sie die sogenannte Große monastische Fastenzeit. Diese dauert vom 15. September, dem Hochfest Kreuzerhöhung, bis Ostern und bedeutet für die Mönche keine warme Mahlzeit am Tag. Intensiver wird noch im Advent und in den 40 Tagen vor Ostern gefastet. Dann gibt es nur eine Mahlzeit am Mittag und diese eine halbe Stunde später als sonst. Auf leerem Magen, ohne Frühstück, macht eine halbe Stunde viel aus. Vor Ostern verzichten die Mönche neben dem Fleisch auch auf Milchspeisen.
Individuelle Fastenvorhaben der Mönche "sind strengstens untersagt", betont der Prior. Außerordentliche Bußübungen seien laut Klosterregel nicht erlaubt. Gerüchte über Selbstgeißelungen kann der Pater daher nicht verstehen: "Es ist unfassbar, was über uns so alles geschrieben wird".
Damit die Kapuzinermönche im Frankfurter Kloster Liebfrauen ihre Stille haben können, wird in der Fastenzeit früher aufgestanden. Sie leben mitten in der Fußgängerzone, und tagsüber dröhnt die Stadt hinter die Mauern das Klosters, das der Regel des heiligen Franziskus folgt. Frühmorgens und abends gibt es spezielle Stillezeiten für die Mönche. "Da leert sich auch die Stadt, und wir haben unsere Ruhe", sagt Pater Romuald Hülsken, Leiter der Brüdergemeinschaft und Frankfurter Cityseelsorger.
Eine Woche "Null-Fasten"
Die elf Frankfurter Kapuziner stehen mitten Leben, leiten eine Pfarrgemeinde und einen Obdachlosentreff. Die Mönche teilen ihre Fastenbräuche mit interessierten Städtern. Dazu gehört eine Woche "Null-Fasten". Der Komplettverzicht aufs Essen kommt an: Zwischen 100 bis 150 Teilnehmer erwarten die Mönche auch in diesem Jahr. Vom Bäcker bis zum Bänker - in der Gemeinde inmitten der Fußgängerzone ist alles dabei. "Ich kann dieses Total-Fasten aber nicht mitmachen: Da bau ich total ab, und das ist nicht Sinn der Sache", meint Pater Romuald. "Jeder preise Gott so, wie er mag", ist sein Motto.
Während die Mönche gemeinsam in der Fastenzeit auf Alkohol und üppiges Essen verzichten wollen, wird das Essen im Franziskustreff, wo rund 200 Obdachlose mit Mahlzeiten versorgt werden, heruntergefahren. "Unsere Gäste im Treff sind sowieso schon knapp gestellt, und Alkohol wird generell nicht ausgeschenkt", so der Pater.
An Alkoholverzicht kann auf dem "Heiligen Berg" in Andechs, einem der bedeutendsten und ältesten Wallfahrtsorte Bayerns, nicht gedacht werden. Die dortigen Benediktiner bringen es seit über 150 Jahren fertig, ihr einstiges Fastengebräu, Andechser Doppelbock, das ganze Jahr auszuschenken. Mit über 100.000 Litern ist das Starkbier der Exportschlager des umtriebigen Klosters. Einzig Karfreitag bleibt das beliebte Bräustüberl für Ausflügler geschlossen. "An diesem Tag soll einfach Ruhe herrschen am Heiligen Berg", betont Abt Johannes Eckert. Der Verzicht auf Umsatz und Gewinn an solchen Tagen stärke die Glaubwürdigkeit als Kloster. Aber Abt Johannes ist kein Kind von Traurigkeit. Jesus habe nicht gewollt, dass man beim Fasten ein "finsteres Gesicht" macht: "Das Fasten soll den Menschen nicht ungenießbarer, sondern liebenswürdiger und freudiger machen".
