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Interview 10.02.08 Seite drucken

"Den Glauben vorleben"

Altabt Odilo Lechner
© Bonifatiuswerk
Odilo Lechner, Altabt der Benediktinerabtei Sankt Bonifaz in München und Andechs.

Altabt Odilo Lechner über die Bedeutung von Religion für Großelternn Eltern und Enkel

Großeltern leiden oft darunter, dass ihre erwachsenen Kinder nicht mehr mit den Enkeln am kirchlichen Leben teilhaben - manche glauben deswegen sogar, in der Erziehung etwas falsch gemacht zu haben. Wir sprachen darüber mit Odilo Lechner, Altabt der Benediktinerabtei Sankt Bonifaz in München und Andechs. Der erfahrene Seelsorger und promovierte Philosoph und Theologe gibt Anregungen, wie Großmütter und –väter sich in dieser Situation zurechtfinden und verhalten können.

katholisch.de: Was kann Großeltern entlasten, die nicht nachvollziehen können, das ihre Kinder mit den Enkeln nicht in die Kirche gehen?

Odilo Lechner: Großmütter und –väter sollten den Tatsachen ins Auge sehen: Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg. Jeder steht dabei auch unter dem Einfluss seiner Umwelt und seiner Zeit. Großeltern sollten deshalb Entscheidungen, Entwicklungen, Wege der Kinder und der Enkelkinder annehmen. Darüber hinaus müssen sie sich damit abfinden, dass Menschen heute unter anderen Bedingungen in Kirche und Welt leben, als die ältere Generation es selbst noch erlebt hat.

katholisch.de: Welche Veränderungen haben stattgefunden?

Lechner: Die meisten Großeltern sind noch in einem intakten christlichen Milieu aufgewachsen. Viele Vorstellungen und Verhaltensweisen wurden ohne größere Vorbehalte von Generation zu Generation weitergegeben. Das hat sich grundlegend geändert. Wir leben in einer Welt zahlreicher weltanschaulicher Angebote. Es ist nicht mehr selbstverständlich, die Vorstellungen der eigenen Eltern zu übernehmen. Für die Sinndeutung des Lebens hat die Kirche kein Monopol mehr. Sie steht, solange ich mich nicht ganz persönlich für sie entschieden habe, lediglich neben vielen anderen Anbietern. Die Jagd nach dem jeweils Neuesten unterdrückt die Sehnsucht nach dem Bleibenden und Ewigen. Und sie lässt Bräuche und Riten, die auf dieses Bleibende hinweisen, als veraltet erscheinen. Aber trotz allem: Die Sehnsucht nach etwas Bleibendem, nach einem sinnvollen Leben, ist geblieben. Sie ist gerade heute unter jungen Menschen verstärkt spürbar. Die Antworten freilich können nicht mehr einfach übernommen, sondern müssen in Freiheit gefunden werden.

katholisch.de: Dürfen Großeltern Einfluss nehmen, wenn die Eltern auf die religiöse Erziehung ihrer Kinder keinen Wert legen?

Lechner: Ja, denn Kinder haben ein Recht, von Gott zu erfahren und eine Orientierung in der Frage nach dem Sinn des Lebens zu erhalten. Das soll allerdings ohne jede Polemik gegenüber den Eltern geschehen, ohne einen Hinweis darauf, was diese falsch machen. Aber selbstverständlich dürfen Großeltern ihr religiöses Leben in gewohnter Weise weiterleben und auf Fragen der Kinder antworten. Wichtig ist allerdings der gegenseitige Respekt von Großeltern und Eltern. Die Enkelkinder sollten dabei durchaus mitbekommen, dass Menschen, die sich achten und lieben, durchaus verschiedene Auffassungen haben und diese gegenseitig respektieren. So lernen sie irgendwann, sich selbst ein Urteil zu bilden.

katholisch.de: Macht ein religiöses Vorleben der Großeltern denn überhaupt Sinn, wenn die Eltern der Enkelkinder nicht dahinter stehen?

Lechner: Kinder sollen Erfahrungen mit dem religiösen Leben machen können. Denn diese sind wichtig - auch wenn sie sich im weiteren Leben nicht fortsetzen. Ein Same ist damit gesät, doch der Erfolg natürlich nicht berechenbar. Wir Seelsorger erleben aber immer wieder: Menschen, die sehr weit entfernt waren von aller kirchlichen Praxis, tragen doch eine Erinnerung an den Glauben der Eltern oder Großeltern in sich. In einer Krise erinnern sie sich dieser Vertrauensinstanz, fangen selbst wieder zu beten an oder suchen den Kontakt mit der Kirche. Eines steht jedenfalls fest: Wer in der frühen Kindheit religiös angesprochen wurde, ist besser vor Orientierungslosigkeit geschützt.

katholisch.de: Was können Großeltern in dieser Hinsicht für ihre Enkelkinder tun?

Odilo Lechner: Wenn religiöse Anregungen im Elternhause fehlen, sollte das Kind sie bei seinen Großeltern erfahren. Aber bitte nicht durch Belehrungen und Vorschriften, sondern einfach durch die selbstverständliche Teilnahme an Omas und Opas Leben. Die Enkelkinder sollen spüren: Im Leben der Großeltern spielt Gott eine Rolle. Es macht ihnen Freude zu beten. Und der Sonntag ist für sie erst dann richtig schön, wenn sie am Gottesdienst der Gemeinde teilgenommen haben. Sicher ist es nicht einfach, Kinder in den für sie vielleicht ungewohnten Sonntagsgottesdienst mitzunehmen. Aber es wäre falsch, ihnen vorzuenthalten, dass er für die Großeltern wichtig ist. Vielleicht fällt es dem Kind leichter, mit einem Buch und seinem Stofftier die Zeit während der Messe zu überstehen. Wenn das Enkelkind aber nicht mitgehen mag, sollten Großeltern niemals Druck ausüben. Da ist es besser, wenn sie sich beim Gottesdienst abwechseln. Am wichtigsten ist es, den Glauben im Alltag vorzuleben und davon zu erzählen. Dazu brauchen Großmütter und –väter keine theologische Bildung, sondern einfach nur Herzenswärme und Aufrichtigkeit.

Das Interview führte Lena Kaufmann

Buchtipp: Odilo Lechner: Damit der Glaube weitergeht. Ein Buch für Großeltern. Vier-Türme-Verlag, 119 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 16 Euro

Viele Großeltern wünschen sich, dass der Glaube weitergeht – bei ihren Kindern und Enkeln. Wie sie sich in dieser Situation verhalten können, zeigt Altabt Odilo Lechner in diesem Ratgeber. Eine Besonderheit: Im Anhang hat der erfahrene Seelsorger Gebete formuliert, die Großeltern mit ihren Enkeln sprechen können – auch wenn diese nicht gewohnt sind zu beten.

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