Dem Kind eine Starthilfe geben

Interview mit Professor Nocke über die Kindertaufe
Professor Nocke, kennt das Neue Testament eigentlich Kindertaufen?Professor Nocke: Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Das Neue Testament hat vor allem Menschen im Blick, welche die christliche Botschaft hören, sie annehmen und in die Nachfolge Jesu eintreten. Sie lassen sich taufen und gehören dann zur Gemeinde. Es handelt sich also um Menschen, die zu einer bewussten eigenen Lebensentscheidung fähig sind. Andererseits wird aber auch erzählt, dass ganze „Häuser“ den Glauben annehmen und getauft werden. Es ist gut denkbar, dass bei einer Entscheidung des Hausvaters oder auch der Hausmutter (z.B. Lydia) Kinder und Hausangestellte gleichsam „mitgenommen“ wurden. Das würde gut zur zeitgenössischen jüdischen und auch zur hellenistischen Gesellschaftsstruktur passen, in welcher die Solidarität des Familienverbandes eine große Rolle spielte.
Immer öfter wollen Eltern es ihren Kindern überlassen, ob sie sich im mündigen Alter taufen lassen. Welche Gründe gibt es Ihrer Ansicht nach dafür?
Professor Nocke: In den letzten Generationen haben sich die gesellschaftlichen Strukturen stark gewandelt. Dementsprechend auch der Erziehungsstil: Weichenstellungen für das Leben sollen möglichst von den jungen Menschen selbst getroffen werden. Das gilt (anders als früher) sicher für die Wahl eines Partners oder einer Partnerin, und oft auch für die Wahl von Beruf, Schule, Freundeskreis und Kleidungsstil. Hinzu kommt, dass es heute nicht mehr selbstverständlich ist, Christ zu sein. Immer mehr Menschen sehen sich grundsätzlich vor die Frage gestellt, ob sie im christlichen Sinn glauben sollen. Vor diesem Hintergrund ist es plausibel, wenn auch gläubige und sogar kirchlich engagierte Eltern ihren Kindern diese wichtige Entscheidung nicht vorwegnehmen wollen. Andererseits ist zu bedenken, dass Heranwachsende für ihre eigenen Entscheidungen Vorgaben brauchen, mit denen sie sich auseinandersetzen können. Insofern wäre das Ideal einer ganz neutralen Erziehung wirklichkeitsfremd.
Kritiker halten der Kindertaufe entgegen, dass sie keine individuelle Gewissensentscheidung ist...
Professor Nocke: Das ist natürlich richtig. Wenn ein Erwachsener auf die Frage „Warum glaubst du eigentlich?“ nur die Antwort hätte, „das war bei uns so üblich“, dann bliebe das hinter dem zurück, was Glauben eigentlich sein sollte. Kinder freilich haben zunächst teil an der Wertewelt ihrer Eltern. Wenn christliche Eltern ihre Kinder taufen lassen, dann könnte dies ein sinnvolles Zeichen dafür sein, dass sie die Kinder auf ihrem Weg mitnehmen. Eine solche Taufe bedeutet allerdings etwas anderes als die Taufe eines mündigen Menschen.
Unterscheiden sich Erwachsenentaufe und Kindertaufen qualitativ?
Professor Nocke: In der Tauffeier von Erwachsenen werden diese gefragt: nach ihrem Glauben, nach ihrem Willen, als Christ oder Christin zu leben, und nach ihrem Willen zur Taufe. Erst wenn sie hierzu "Ja" gesagt haben, werden sie getauft. Die Feier hat die Grundform eines Dialogs: zwischen bekennendem Taufbewerber und taufendem Vertreter der Kirche. Das ist bei der Kindertaufe anders. Hier werden die Eltern oder vergleichbare Bezugspersonen nach ihrem Glauben usw. gefragt, aber das Kind wird nicht in den Dialog einbezogen. Das ist ein Zeichen dafür, dass hier etwas anderes geschieht.
Das ist also nicht mehr die Feier einer Glaubensentscheidung?
Professor Nocke: Jedenfalls nicht einer Glaubensentscheidung des Kindes. Eher könnte man sagen: Die Kindertaufe ist ein Sakrament des Glaubens der Eltern. Für das Kind kann die Taufe eine Starthilfe sein, vergleichbar den vielen Lebenshilfen, von denen es in den ersten Jahren lebt und die ihm ermöglichen, später das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Für viele Eltern aber ist heute die Entscheidung zur Taufe ihres Kindes eine Herausforderung, ihren eigenen Weg zu reflektieren: Sind wir so im Glauben beheimatet, dass wir unserem Kind diese Starthilfe geben können?
Immer öfter wollen auch kirchenferne Eltern ihre Kinder taufen lassen. Wie beurteilen Sie das?
Professor Nocke: Sehr viele Eltern sehen sich heute im christlichen Glauben eher nicht beheimatet. Mit solchen Eltern sollten wir das Gespräch suchen und sie fragen, ob sie die Starthilfe, die sie mit der Taufe ihren Kindern versprechen, überhaupt geben wollen. Wenn sie das ehrlicherweise verneinen, dann würde ich ihnen raten, darüber nachzudenken, ob es für sie sinnvoll ist, ihr Kind zur Taufe zu bringen. Die kirchlichen Richtlinien sehen vor der Taufe von Kindern eine Taufkatechese mit den Eltern vor, in der geklärt werden soll, ob die Eltern selbst den Weg des Glaubens gehen wollen. Wenn nicht, dann soll die Taufe aufgeschoben werden, bis das Kind selber über seinen Weg entscheiden kann.
Eltern sehen eine Taufe heute auch als unreligiöses „Geburtsfest“ …
Professor Nocke: Eine Geburt ist ein ganz besonderes Ereignis. Grund genug, den Alltag zu unterbrechen und ein Fest zu feiern. Das spüren viele. Nun kennt aber unsere Gesellschaft außerhalb der Kirchen kaum Riten für solche Feiern. Deshalb kommen manche Eltern zur Kirche und erbitten die Taufe, ohne bei der Gelegenheit die Glaubensfrage stellen zu wollen. Das kann zu Problemen führen, weil entweder die Kirche in Gefahr gerät, ihren eigenen Taufritus zu entleeren, oder die Eltern ein Spiel aufführen, hinter dem sie nicht stehen.
Wie soll die Kirche damit umgehen?
Professor Nocke: Das Bedürfnis nach einer Feier sollten wir ernst nehmen und unterstützen. Das Gespür für das Besondere und den Geschenkcharakter einer Geburt kann sogar auch öffnen für das Geheimnis Gottes. Konkret: Die Kirche sollte offene Feierformen entwickeln. Keine sakramentalen Feiern, sondern Dank- oder Segensfeiern. Wir könnten in unseren Gemeinden eine Art Segnungsgottesdienst für neugeborene Kinder entwickeln. Dabei sollte es sich nicht um eine „Taufe zweiter Klasse“ handeln. Damit dieser Eindruck nicht aufkommt, sollte die Feier ansprechend und schön gestaltet werden. Ein solcher Gottesdienst hat, verglichen mit der Taufe, ein etwas anderes Thema: Es geht nicht um Aufnahme in die Kirche, sondern um Dank und Segen für das Kind. Hier und da geschieht das heute schon. Unsere Gemeinden könnten damit einen diakonischen Auftrag erfüllen: Sie könnten Menschen helfen, das Leben zu feiern. Außerdem würden sie damit auch ihrem Verkündigungsauftrag entsprechen: Sie könnten auf diesem Wege, ohne voreilig für die Kirche zu vereinnahmen, für das Geheimnis Gottes sensibilisieren. Denn jemand, der zwar kirchenfern ist, für sein Kind aber danken und es segnen lassen will, durchstößt schon die Wolkendecke des Profanen.
Das Interview führte Nadine Ortmanns.
Professor em. Dr. Franz-Josef Nocke, geboren 1932 in Bochum, war seit 1981 Universitätsprofessor für Systematische Theologie an der Gerhard-Mercator- Universität Duisburg, von 1993 bis 1998 an der Uni Essen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt auch die Sakramententheologie.
