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Die kleine Raupe

Raupe auf Blatt
© KNA

Alles braucht seine Zeit

Die kleine Raupe und ihre Schwester kriechen am Bach entlang. Sie möchten zum Waldrand. Denn dort stehen die herrlichsten Brennnesseln. Brennnesselblätter sind das Leibgericht der kleinen Raupe. Doch der Weg zum Waldrand ist weit.

Wo ist die Eisscholle?

Zuerst kommen die beiden Raupenkinder an der großen Trauerweide vorbei. Ihre Zweige reichen fast bis ins Wasser. „Wo ist die kleine Eisscholle?“, fragt die kleine Raupe. „Sie war gestern noch hier. Und nun ist sie verschwunden.“ Die große Raupenschwester erklärt: „Die Sonne hat das Eis zum Schmelzen gebracht. Und die vielen Wassertropfen, aus denen die Eisscholle bestand, fließen nun mit den anderen Wassertropfen den Bach hinunter.“

Ein Küken schlüpft aus dem Ei

Die beiden kriechen weiter. Sie kommen zum Bauernhof und hören schon von weitem das Gackern der Hühner. Im Hühnerstall sitzt eine Henne auf ihren Eiern. Einige Eier liegen neben ihr im Stroh. Da hört die kleine Raupe plötzlich ein Knistern. „Schau mal, das Ei bekommt Risse!“, ruft sie aufgeregt. Tatsächlich. Die Eierschale bröckelt auf. Das Küken im Ei schlägt mit seinem Eizahn die Schale auf. Es pickt sie in zwei Hälften und klettert hinaus. „Ist das Küken süß!“, ruft die kleine Raupe. Und dann fragt sie ihre Schwester: „Was passiert denn jetzt mit der Eierschale?“ Die große Schwester erklärt: „Die Schale wird nicht mehr gebraucht. Sie hat das Küken fest umschlossen, als es noch wachsen musste. Jetzt ist es dem Küken im Ei zu eng geworden. Und es hat sich einen Weg nach draußen gesucht.“

Aus der Raupe wird ein Schmetterling

Die kleine Raupe und ihre Schwester kriechen weiter. Da kommen sie endlich zum Waldrand. „Brennnesseln! Saftige grüne Brennnesseln!“, ruft die kleine Raupe. Sie freut sich auf den Festschmaus. Da sagt die große Schwester plötzlich: „Schau mal, da hängt die Puppe von einer Raupe!“ Die kleine Raupe staunt. Sie möchte wissen, was aus der Raupe geworden ist. Und ihre Schwester erklärt: „Sie hat so viel gefressen, dass sie immer dicker wurde. Dann hat sie feine Fäden aus sich herausgespritzt und sich ganz fest darin eingewickelt.“ „Sieht aus wie ein Sack“, meint die kleine Raupe. „Aber warum hat sie das getan?“ Die große Raupenschwester erzählt: „Alle Raupen machen das. Auch du und ich werden uns eines Tages in eine solche Puppe verwandeln.“ „Was?!“, ruft die kleine Raupe entsetzt. „Niemals! Das ist doch langweilig, den ganzen Tag in einem Sack zu hängen!“ Die große Schwester lacht. Dann erzählt sie: „Auch wir beide sind einmal aus einem Ei geschlüpft, so wie das Küken. Dann sind wir immer größer geworden. Und wir werden immer noch größer und dicker, bis wir so dick sind wie die Raupe in der Puppe. Wir spritzen feine Fäden aus uns heraus und wickeln uns darin ein. Dann sehen wir wie diese Puppe aus. Doch innen passiert etwas ganz Wunderbares mit uns. Wir verwandeln uns zu einem neuen Leben. Eines Tages reißt die Haut der Puppe auf, und heraus kommt ein wunderschöner Schmetterling. Wir fühlen uns leicht und frei. Und wir breiten unsere Flügel aus und schweben davon.“

Alles braucht seine Zeit

„Und die Puppe?“, möchte die kleine Raupe wissen. „Schwebt die auch davon?“ „Nein, sie wird nicht mehr gebraucht“, antwortet die große Schwester. Da seufzt die kleine Raupe voller Sehnsucht: „Wie gern wäre ich schon jetzt ein Schmetterling!“ Die große Schwester denkt nach. „Das geht nicht, sagt sie weise, „denn alles in der Natur braucht seine Zeit – das Leben, das Sterben und die Verwandlung zu neuem Leben.“

Margret Nußbaum

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