„Das Recht auf Leben ist von Beginn an zu achten“

katholisch.de sprach mit Prof. Dr. Schockenhoff, der Mitglied des Deutschen Ethikrates ist
Der Bundestag entscheidet am 11. April 2008 über eine mögliche Liberalisierung des Stammzellengesetzes. Das 2002 verabschiedete Gesetz schreibt vor, dass deutsche Forscher nur mit embryonalen Stammzellen experimentieren dürfen, die vor dem 1. Januar 2002 im Ausland gewonnen wurden. Katholisch.de sprach mit Prof. Dr. Schockenhoff, der für die katholische Kirche Mitglied im Deutschen Ethikat ist.katholisch.de: Die Befürworter einer Liberalisierung des Stammzellengesetzes argumentieren, dass Deutschland unter den derzeitigen rechtlichen Bedingungen den Anschluss an die Forschung verliert? Wie beurteilen Sie diese Argumentation?
Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff: Die internationale Forschung ist gerade in jüngster Zeit durch überraschende Entwicklungen bestimmt. Die entscheidenden Durchbrüche sind nicht auf dem Gebiet der embryonalen Stammzellen gelungen, sondern bei der Reprogrammierung ausgebildeter Körperzellen, die in einen pluripotenten Anfangsstatus versetzt wurden. Es gibt internationale Forschungsteams, die bislang mit embryonalen Stammzellen gearbeitet haben und jetzt ankündigen, sich in Zukunft verstärkt der adulten Stammzellenforschung zuzuwenden, weil sie dort die größeren Potenziale sehen. Die Aussage, dass Deutschland den Anschluss an die Forschung verliert, wenn der Stichtag nicht verlegt wird, ist deshalb kein überzeugendes Argument.
Außerdem sind mit bereits vorhandenen embryonalen Stammzelllinien viele Forschungen möglich.
katholisch.de: Was spricht aus der Perspektive der katholischen Morallehre gegen die Forschung an embryonalen Stammzellen?
Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff: Die Freiheit der Wissenschaften ist grundsätzlich ein hohes Gut, das sich aber im Rahmen unserer Verfassung mit anderen Gütern messen lassen muss. Die Freiheit der Wissenschaft stößt da an eine Grenze, wo das Recht auf Leben eines Embryos berührt ist. Menschliches Leben ist kein Forschungsmaterial, das nach Belieben eingesetzt werden kann. Auch die Hochrangigkeit der Forschungsziele gibt nicht das Recht eine Schranke zu überschreiten, die von der Moral und der Verfassung her gezogen ist.
katholisch.de: Die zentrale Frage in der Diskussion lautet: „Wann ist der Mensch ein Mensch“? Wann beginnt nach Ihrem Verständnis menschliches Leben?
Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff: Es ist eine gesicherte Aussage der gegenwärtigen Entwicklungsbiologie, dass mit dem Abschluss des Befruchtungsprozesses ein neues Lebewesen von der Art des Menschen entsteht. Es handelt sich nicht um einen Zellklumpen, sondern den Beginn der Lebensgeschichte eines neuen Menschen.
Für die grundsätzlichen Rechte des Menschen spielen die Größe oder das Aussehen keine Rolle. Wir haben es von Beginn an mit einem neuen menschlichen Individuum zu tun, das sich in einem kontinuierlichen Prozess ohne Zäsuren zum erwachsenen Menschen entwickeln wird. Deshalb gibt es keine vernünftige Abstufung des Lebensschutzes, sondern das Recht auf Leben und die Menschenwürde sind von Beginn an zu achten.
katholisch.de: Bei der Stammzellen-Diskussion geht der Riss mitten durch alle Parteien. Ist es für die katholische Kirche schwieriger geworden, in der Politik Koalitionspartner zu finden?
Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff: Es gibt in allen Parteien eine offene Abstimmung, weil die Abgeordneten bei moralischen Fragen nicht dem Fraktionszwang unterliegen. Die CDU steht insgesamt nicht mehr wie früher hinter der Überzeugung des absoluten Lebensschutzes. Dafür finden wir bei den Grünen eine fast deckungsgleiche Auffassung mit den Positionen der katholischen Kirche, was die Embryonenforschung anbelangt. Auch in der SPD gibt es eine Gruppe, die der Verlegung eines Stichtages nicht zustimmt. Es gibt für die katholische Kirche dementsprechend Koalitionen jenseits der politischen Lager, die bisher als Verbündete angesehen wurden. Es hat sich weniger die zahlenmäßige Unterstützung für eine katholische Position insgesamt geändert als mehr die Zusammensetzung in den unterschiedlichen Fraktionen.
katholisch.de: Bischof Huber, der Ratsvorsitzende der EKD, hat sich für eine einmalige Verlegung des Stichtages ausgesprochen. Welche Konsequenzen hat es, wenn die katholische und die evangelische Kirche nicht mehr mit einer Stimme sprechen?
Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff: Der überraschende Kurswechsel von Bischof Huber schwächt die gemeinsame Position, die früher auch von Bischof Huber selbst vertreten wurde. Der Kurswechsel kommt überraschend. Die Begründung ist für mich nicht klar einsichtig, da auch Bischof Huber der Meinung ist, dass ein Embryo von der Befruchtung an unter dem Schutz der Menschenwürde steht. Mir bleibt unverständlich, wie man sich unter dieser Prämisse einer pragmatischen Verschiebung des Stichtages öffnen kann. Allerdings gibt es auch innerhalb der evangelischen Kirche Widerspruch zu der Haltung Bischof Hubers.
Zur Person:
Prof. Dr Eberhard Schocken- bhoff wurde 1953 in Stuttgart geboren und ist Professor für Moraltheologie in Freiburg im Breisgau. 1978 wurde er zum Priester geweiht. 1986 promovierte er bei Alfons Auer zum Doktor der Theologie. Sein Forschungs- schwerpunkt ist sind das Naturrecht, Fragen der menschlichen Freheit im Vehältnis zur göttlichen Vorsehung sowie Spezial- fragen wie beispielsweise die Stammzellforschung.
Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff: In diesem Votum spiegeln sich die unterschiedlichen Positionen, die es in der Gesellschaft, der Forschung oder in den unterschiedlichen Parteien gibt. Ich glaube allerdings nicht, dass dem Votum des Ethikrates eine große Bedeutung zugemessen wird. Die Stammzellen-Debatte ist von solcher Brisanz und so hochrangig, dass jeder Abgeordnete eine Fülle von Möglichkeiten hat, sich zu orientieren und zu einer fundierten Sichtweise zu gelangen. Dabei ist die Sichtweise des Ethikrates sicherlich eine Perspektive, aber nicht die entscheidende.
katholisch.de: Wie wird der Bundestag Mitte April entscheiden?
Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff: Ich vermute, dass es eine knappe Entscheidung gibt. Ich habe aber keinen solchen Einblick, dass ich ein genaues Ergebnis mit Sicherheit vorhersagen kann.
Katholisch.de: Herr Prof. Dr. Schockenhoff, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
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