logo

Interview Bild: ©  Seite drucken

"Brasilianische Kinder sind fröhlicher"

Lena Schulte-Uebbing mit einem kleinen Brasilianer
© Lena Schulte-Uebbing

Lena Schulte-Uebbing arbeitete ein Jahr in São Paulo

Lena Schulte-Uebbing, 20, studiert Kommunikationswissenschaft und Soziologie an der Uni Münster. Sie hat von August 2006 bis August 2007 ein Auslandsjahr in Brasilien in der integrativen katholischen Einrichtung "Educandário Dom Duarte" absolviert. Im katholisch.de – Interview erzählt sie, warum jeder Jugendliche so eine Erfahrung machen sollte.

kathlisch.de: Frau Schulte-Uebbing, wo waren Sie tätig?

Schulte-Uebbing: Ich war in einer integrativen Einrichtung in einem ärmeren Viertel in São Paulo tätig. Dort habe ich in einem Kinderheim, in der Großküche und in der Wäscherei gearbeitet.

katholisch.de: Was waren Ihre Aufgabenbereiche?

Schulte-Uebbing: Im Kinderheim habe ich in den ersten Monaten, in denen ich die Sprache noch nicht sprechen konnte, mit den Kindern Fußball oder Murmeln gespielt. Ich habe die Kleinen ins Bett gebracht, sie geduscht, die Einrichtung aufgeräumt, Betten bezogen und beim Kochen geholfen. Nach ein paar Monaten, als es mit der Sprache besser funktionierte, habe ich sie zur Schule oder zum Arzt gebracht und ihnen bei den Hausaufgaben geholfen. In der Wäscherei bestand der Alltag aus: Kleider in die Maschine schmeißen, wieder rausholen und fein säuberlich zusammenlegen. Das war eine sehr eintönige Angelegenheit. In der Küche habe ich morgens Brötchen geschmiert, das Mittagessen vorbereitet, bei der Essensausgabe für 600 Kinder und Erwachsene geholfen und zum Beispiel auch mal 20 Knollen Knoblauch geschnitten. Es war also ein typischer Großküchenbetrieb.

katholisch.de: Welche Arbeit hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Schulte-Uebbing: Am spannendsten war es natürlich bei den Kindern. Der Rest war ganz interessant, aber recht eintönig, wobei ich sagen muss, dass ich auch nicht acht Stunden mit den Kindern hätte arbeiten können. Der Großküchen- und Wäschereibetrieb waren eine gute Abwechslung, da es dort ruhiger war und man sich ein wenig mit den Erwachsenen unterhalten konnte.

katholisch.de: Wie haben die neuen Arbeitskollegen Sie aufgenommen?

Schulte-Uebbing: Wir hatten am Anfang das Gefühl, den Leuten sei es peinlich, uns Arbeiten aufzutragen, weil wir dafür nicht bezahlt werden, weil wir so jung sind und weil wir aus einem Erste-Welt-Land kommen. Das war für uns frustrierend, weil wir ja helfen wollten.

katholisch.de: Was sind die größten Unterschiede zwischen einem Land wie Brasilien und Deutschland?

Schulte-Uebbing: Mir sind Unterschiede vor allem bei den Kindern aufgefallen, da ich in Deutschland auch schon für das Kinder- und Jugendhaus bei der Schüler-Hausaufgabenhilfe gearbeitet habe. Die Kinder in Brasilien sind sehr viel zugänglicher und umarmen einen sofort, springen auf den Schoß und wollen einen überall hinzerren. Sie wirken fröhlicher und geben sich mit viel weniger zufrieden.

katholisch.de: Und die Erwachsenen?

Schulte-Uebbing: Die Brasilianer an sich waren sehr zugänglich, freundlich und offen und wirkten lebensfroher als die Deutschen. Allerdings sind in Brasilien geregelte Abläufe ein Fremdwort. Es läuft alles etwas chaotischer als in Deutschland und Unpünktlichkeit ist an der Tagesordnung. Besonders krass ist auch der Kontrast zwischen arm und reich, gerade in einer Stadt wie São Paulo. Dort sieht man die Obdachlosen auf den Straßen sitzen, während über ihnen die Reichen mit ihren Hubschraubern von Dach zu Dach fliegen.

katholisch.de: Hatten Sie während Ihres Auslandsaufenthaltes ein besonders positives Schlüsselerlebnis?

Schulte-Uebbing: Ein positives Erlebnis war Weihnachten. Da wir nicht zuhause bei unseren Familien waren, wussten wir nicht, wo wir feiern konnten. Wir haben etwa fünf Einladungen von Familien bekommen, die uns bei ihrem Weihnachtsfest dabei haben wollten. Wir verbrachten das Weihnachtsfest letztlich bei einer Erzieherin, die eine richtige Party mit Buffet vorbereitet hatte. Brasilianer sehen Weihnachten eher als eine große Feier statt als besinnliches Fest. Und Einladungen gelten als selbstverständlich.

katholisch.de: Haben Sie im Laufe Ihres Aufenthaltes Ihre Einstellung zu bestimmten Dingen verändert?

Schulte-Uebbing: Man schätzt den Luxus, den man als Europäer hat, mehr als früher. Außerdem regt man sich nicht mehr so oft über Kleinigkeiten des Alltags auf, weil man weiß, dass die Probleme in einem Land wie Brasilien weit größer sind. Ich bin zufriedener geworden mit dem, was ich habe.

katholisch.de: Welche Tipps können Sie Jugendlichen geben, die ebenfalls einen Freiwilligendienst absolvieren möchten?

Schulte-Uebbing: Ich kann den Leuten auf jeden Fall raten, sich vor dem Reiseantritt genau darüber im Klaren zu sein, was sie machen wollen und können. Wichtig ist auch, genau zu wissen, wie lange man im Ausland bleiben möchte. In einem Land wie Brasilien, in dem man sich erst an die Sprache und die Lebensweise gewöhnen muss, würde ich mindestens ein Jahr bleiben. Zur Planung sollte man ein gutes Jahr veranschlagen, weil die meisten Deadlines für Bewerbungen auch etwa ein Jahr vor Antritt des Freiwilligendienstes sind. Das Wichtigste ist aber: Es einfach machen! Die Erfahrung eines Auslandsaufenthaltes ist ein schönes Gefühl, dass man ständig mit sich herumträgt.

zum Anfang zum Anfang
Das Internetportal der Katholischen Kirche in Deutschland
© Katholisch.de 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Katholisch.de-Redaktion