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Mit Schirm, Helm, Doktorhut

Prälat Jüsten und Reichstagsgebäude
© KNA, katholisch.de
Prälat Karl Jüsten

Prälat Karl Jüsten leitet das katholische Büro in Berlin

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse lobt Prälat Karl Jüsten für seine "burschikose Direktheit und Herzlichkeit, so gar nicht prälatenhaft". Und, schiebt er sicherheitshalber nach, "das meine ich positiv." Für Unions-Fraktionschef Volker Kauder ist der Leiter des Katholischen Büros bei der Bundesregierung "ein kompetenter Ratgeber und ein angenehmer Gesprächspartner".

Und seine Bündnisgrüne Amtskollegin Renate Künast packt ihren Kommentar in eine Anekdote: "Mich hat Prälat Jüsten vor Jahren vor großem Regen gerettet, als ich, aus Schloss Bellevue kommend, ohne Schirm und Fahrzeug dastand. Seitdem ist mein spontaner Kommentar zu ihm: Sie schickt der Himmel!"

Rot, Schwarz, Grün - beim Respekt für den  Geistlichen zeigt sich eine ganz große Koalition, in die sich auch Gelb rasch einfügen lassen würde. Der gebürtige Bad Honnefer duzt FDP-Chef Guido Westerwelle seit Kindertagen; die Eltern kennen sich vom Studium. Seit März 2000 Jahren leitet Jüsten die Verbindungsstelle der Kirche bei der Bundesregierung und im Hauptstadt-Berlin.

Der Kirche Gesicht und Stimme geben

Sein Ziel, sagt Jüsten, sei es, der Kirche auf dem Berliner Parkett Gesicht und Stimme zu geben. Das tut er manchmal laut und oft leise. Rüstungsexporte, die Praxis der Spätabtreibungen, Flüchtlingspolitik oder Armutsbekämpfung - kaum jemand wird da deutlicher. Und galt die Kritik bislang Rot-grün, so wird sie ebenso deutlich Schwarz-Rot ansprechen. Das kleinere Team - nach 30 Stellen in Bonn gibt es an der Spree noch 16,5 - arbeitet sachorientiert und genießt, fast komplett neu aufgestellt, in Berlin einen guten Ruf.

Und Jüsten, rheinisch-katholisch ohne Parteibuch, steht über der politischen Farbenlehre. In den vergangenen Jahren konnte man ihn beim Plaudern mit dem ehemaligen SPD-Kanzler Gerhard Schröder sehen wie mit dessen CDU-Nachfolgerin Angela Merkel. Im Vier-Augen-Gespräch kommen die Anliegen der Kirche, die er vermitteln will, so gut rüber wie in einer Ausschuss-Anhörung.

Dass es Jüsten beim dichten Takt Berliner Termine zu beachtlicher Präsenz schafft, hat auch praktische Gründe. Während Dienstwagen sich durch den zähen Stadtverkehr kämpfen, rauscht der Prälat auf dem blauen Motorroller vorbei. Schon mancher Sicherheitsbeamter wunderte sich, als unter dem roten Helm ein offiziell geladenes Gesicht auftauchte.

Den theologischen Doktorhut bekam Jüsten 1998 für eine Arbeit über "Ethik und Ethos in der Demokratie". Da setzt er sich mit den Voraussetzungen sittlich verantwortlichen Handelns in einer pluralistischen Gesellschaft auseinander. Ein feiner Zufall: Der erste, dem Jüsten im Vorwort des Buches dankt, ist der Kölner Kardinal Joachim Meisner, sein Ortsbischof; der letzte, den er zitiert, ist der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, mit einer Aussage von 1997.

Kirche braucht mehr Mut

Die Kirche brauche viel mehr Mut zu einer offensiven Darstellung ihrer grundlegenden Glaubenserkenntnis und der gesellschaftlichen Optionen, "zu größerem geistigen Wettbewerb, zu spiritueller Auseinandersetzung und zur Selbstbehauptung". Bei Lehmann studierte Jüsten vor 25 Jahren in Freiburg.

Das Spirituelle liegt ihm am Herzen, die geistliche Begleitung der politischen Akteure. In jeder Sitzungswoche feiert Jüsten Gottesdienste mit Abgeordneten. Wenn sie leise zum Unglauben oder Glauben, vielleicht auch zur Kirche finden, wenn sie Zweifel haben oder Beziehungsstress, wird aus dem politischen Prälaten der Priester. "Ich verstehe mich als Pfarrer, als Seelsorger für alle, die in der Politik aktiv sind", meint er.

Manchmal lässt sich das auch nachlesen. Gemeinsam mit seinem evangelischen Gegenüber Prälat Stephan Reimers - die beiden sind erkennbar gerne ein ökumenisches Team - brachte Jüsten vor einigen Jahren eine "Politiker-Bibel" heraus. Nachdenkliche Zeilen von 56 Abgeordneten, Parteigrößen, Ministern jenseits der schnellen Statements. Und im angeblich so säkularen Berlin taucht sein Name auch schon mal in der Autorenzeile der Lokalpresse auf: "In Gottes Namen. Wie funktioniert ein katholischer Gottesdienst?" titelte er über einem "Leitfaden für Anfänger". Die Adresse an der Hannoverschen Straße in Berlin ist sicher nicht seine letzte Station. Aber erkennbar wohl fühlt er sich dort allemal.

Von Christoph Strack (KNA)

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