Pfingsten auf den Azoren

Auf den Inseln im Atlantik hat jedes Dorf hat seine eigene Heilig-Geist-Kapelle
Unseren Freunden hatten wir erzählt, dass wir Pfingsten auf den Azoren verlebt hatten. "Azoren? Die Azoren kennen wir nur vom Wetterbericht, wenn der Meteorologe von einem Hoch über den Azoren berichtet und uns gutes Wetter verspricht."Schade, sie würden sich dort bestimmt auch wohl fühlen, genau wie wir auf der Insel Faial. Das ist eine der neun Inseln, die zum Azoren-Archipel gehört, das etwa 1.600 Kilometer vom europäischen Festland weit draußen im Atlantik in Richtung Amerika liegt. Es ist unser immergrünes, von der Natur begünstigtes Ferienparadies geworden, wo wir mehrmals im Jahr einige Wochen verbringen.
Geschäftige Vorbereitung
So auch Pfingsten des vergangenen Jahres. Alljährlich wird dort das Heilig-Geist-Fest, die Festa do Espirito Santo als Höhepunkt der religiösen Feste auf den Azoren gefeiert. Schon einige Tage vor dem Fest stellt sich in den sonst so ruhigen und beschaulichen Dörfern eine gewisse Unruhe ein. Ochsen werden geschlachtet, Frauen backen die Massa Sovada, das süße Festtagsmaisbrot. Straßen und Plätze werden mit bunten Bändern, Lichtern und Flaggen geschmückt. Die Imperios, die hübschen kleinen, liebevoll von den Ortsbewohnern gepflegten Heilig-Geist-Kapellen, tragen auf dem Giebel oder über dem Eingang die Symbole des Heiligen Geistes: Taube, Zepter und Krone. Sie sind frisch herausgeputzt. Man spürt das nahende Fest.
Nach dem Hochamt
Pfingstsonntag nach dem überlangen Hochamt: Fast alle Dorfbewohner sind in festlicher Kleidung erschienen. Unter Böllerschüssen und der Mitwirkung einer Blaskapelle, den Filarmonicas, zieht eine Prozession durch die geschmückten Straßen. Sie steuert eines der Imperios an, von denen es mehrere im Dorf gibt an. Die Insignien, Krone und Zepter, die je nach Dorf verschieden, entweder von Kindern auf Kissen und silbernen Tabletts oder von ausgewählten Dorfbewohnern auf dem Kopf getragen werden, werden hier abgelegt und aufbewahrt. Die Prozessionsteilnehmer danken für den Beistand des Heiligen Geistes in Not und Bedrängnis im letzten Jahr und erbitten ihn auch für die Zukunft.
Das Heilig-Geist-Menü
In manchen Dörfern werden nun Fleisch, Brot und Wein an die Haushalte verteilt, Wohlhabende müssen bezahlen, Arme bekommen es umsonst, da das Fest karitativen Charakter hat. In anderen Dörfern marschiert man nun in den kleinen Saal neben dem Imperio, wo für geladene Gäste und für nicht so reich Bemittelte ein langer Tisch gedeckt ist. Es wird hier die Heilig-Geist-Suppe, die Sopa do Espirito Santo gereicht, eine schmackhafte Eintopfsuppe. Sie wird bereitet mit Rindfleisch, Kartoffeln und Gemüse. Dazu gibt es gebratenes Fleisch, das süße Brot, oft auch süßen Reis und den süffigen Rotwein von der Nachbarinsel Pico. Man erzählte uns, dass auf der Nachbarinsel Pico die Frauen das Massa-Sovada-Brot ringförmig backen, es zu Brotbergen schichten und auf dem Kopf zur Kirche tragen, wo es durch den Priester geweiht und dann später an die Anwesenden verteilt wird.
Filarmonicas spielen zum Tanz auf
Auf dem Festplatz gibt es Essen und Trinken für jedermann. Wir als Gäste sind gern gesehen. Da für uns das Gespräch mit den Einheimischen wegen unserer schlechten Portugiesisch- Kenntnisse schwierig ist, unterhalten wir uns auf Englisch mit Emigranten aus Nordamerika, die eigens zu den Feierlichkeiten angereist sind, ihren Heimatort besuchen und sich finanziell an der Feier beteiligen. Wir gehen satt und zufrieden spät am Abend heim, nachdem die Filarmonicas zum Tanz aufgespielt haben. Ähnlich wie bei unseren Volksfesten runden Böller, Ausgelassenheit, Tanz und ein kleines Feuerwerk den Festtag ab. Am Ende des Festes werden von den Irmandades, den Bruderschaften, die Verantwortlichen für die Ausrichtung des Festes im kommenden Jahr bestimmt. Sie sind für den Festzug und die Armenspeisung verantwortlich. Sie bestimmen auch, wer die Insignien und die Krone tragen darf.
Weltlich-festlicher Höhepunkt
Die Amtskirche würde sich am liebsten von dieser Art Frömmigkeit bei den Festas do Spirito Santo distanzieren, aber auf den Azoren ist das Heilig-Geist-Fest, ähnlich unserer Kirmes oder Kerb, ein weltlich-festlicher Höhepunkt im Jahr. Nicht nur für das Volk, sondern auch vom Volk selbst organisiert. Wie entstand nun dieses Fest? Elisabeth von Aragon, die Frau des portugiesischen Königs Dom Dinis, war im 13. Jahrhundert durch ihre Nächstenliebe und Barmherzigkeit bekannt. Sie soll einem Armen für einen Tag symbolisch die Königskrone aufgesetzt und ihn bewirtet haben. Die Franziskaner haben daraus den Heilig-Geist-Kult entwickelt und auf den Azoren eingeführt. Dort fiel er auf fruchtbaren Boden, gab es doch dort keinen großen Reichtum, dafür aber viele Naturkatastrophen, Erdbeben und Vulkanausbrüche.
Erdbeben und Vulkanausbrüche
Die dörflichen Heilig-Geist-Kapellen sind das ganze Jahr über sozialer Treffpunkt in der örtlichen Gemeinschaft. Das Volk braucht die Hilfe des Hl. Geistes und der Lokalheiligen. Zu ihnen wird gefleht, um Naturkatastrophen, besonders die gefürchteten Erdbeben und Vulkanausbrüche fern zu halten oder deren schlimmste Folgen zu verhindern oder zu lindern. Viele Legenden künden heute noch von den Wundern des Spirito Santo und der Heiligen. (Der Vulkan Capelinhos auf der Insel Faial zerstörte im Jahre 1958 viel Land und zwang viele Menschen aus den dabei zerstörten Dörfern zur Auswanderung nach Amerika. Das letzte Erdbeben auf der Insel Faial war 1998. Man beklagte acht Tote und fast 1000 zerstörte Häuser.) Die Azoreaner brauchen des Heiligen Geistes und auch unsere Hilfe.Kleinere weitere Erdbeben auf der Azoren werden nicht ausbleiben.. Wir hoffen, der Heilige Geist hilft seinem Volk, das ihn doch so gläubig verehrt, dass diese keine Schäden verursachen werden.
Ein Erfahrungbericht von Magda Hucke.
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