Grünkohl, Schnaps und große Geschichte

Osnabrück ist die drittgrößte Stadt Niedersachsens
Osnabrück - Drittgrößte Stadt Niedersachsens, eine Fußball-Fahrstuhl-Mannschaft zwischen 2. und 3. Liga und ein Fluss namens Hase. Osnabrück ist auf den ersten Blick eines: Provinz. Und auch noch stolz darauf. In einer Plakatkampagne präsentierte sich Osnabrück als «Großstädtchen». Da wurde der Dom zum «Petersdömchen», die Einkaufsstraße zum «Kürfürstendämmchen» und das Theater zum «Scalalein».«Herrlich ehrlich» finden das die Macher. Tatsächlich ist im Vergleich zu Berlin, Rom oder Mailand alles etwas beschaulicher und kleiner in der Region, wo Grünkohl, Pumpernickel und Korn genossen werden und das «g» am Ende eines Wortes von manchen noch «ch» gesprochen wird. Wer in Osnabrück geboren wurde, «kommt hier wech». Aus der Stadt zwischen A1, A33 und A30, an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen, zwischen dem Wiehengebirge und dem Teutoburger Wald. Doch halt, da war doch was. Richtig: Große Geschichte.
In Kalkrise bei Osnabrück schlugen die Germanen im Jahr 9 nach Christus die Römer in die Flucht. Die Varusschlacht ist legendär und wird auch im Niedersachsenlied besungen. Friedlicher ging es mehr als 1.500 Jahre später zu. In Osnabrück wurde der Westfälische Friede verhandelt und 1648 feierlich proklamiert. Der Schlusspunkt unter 30 Jahre Krieg in Europa, woran Kinder jedes Jahr mit einem Steckenpferdritt durch die Stadt erinnern - als Symbol für den Ritt der Friedensboten, die 1648 die Botschaft vom Frieden in alle Landesteile getragen haben.
Den Titel "Friedensstadt" teilt Osnabrück mit Münster
Den Titel Friedensstadt freilich muss die um 780 angeblich von Karl dem Großen gegründete Stadt sich mit dem Westfälischen Nachbarn Münster teilen - ebenso wie den Flughafen. Ganz für sich allein haben die Osnabrücker dagegen einige berühmte Söhne der Stadt: etwa den jüdischen Maler Felix Nussbaum, den Schriftsteller Erich Maria Remarque und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff.
Aus Hannover mag sich der CDU-Politiker manchmal neidisch in seine Heimatstadt zurückwünschen, leben doch dort die zufriedensten Menschen der Republik. Das ergab zumindest eine Internet-Umfrage 2003. «Ich komm zum Glück aus Osnabrück» prangte danach auf unzähligen Aufklebern und Postkarten, die Weggezogenen stolz geschickt wurden.
Das mochte aus der Ferne wie das bescheidene Glück derer wirken, die ohne große Erwartungen sind. Und die Aufkleber und Karten dürften mittlerweile auch etwas verblasst sein. Doch gute Gründe zum Glück finden die Osnabrücker noch immer: das vom Star-Architekten Daniel Libeskind entworfene Nussbaum-Museum etwa, eine schmucke Altstadt mit kleinen Cafes und einem Sterne-Restaurant. Oder eine weniger schmucke, aber dafür shopping-freundliche Neustadt, durch die sich im Frühling die Massen zur Maiwoche - dem Stadtfest - schieben und in der närrischen Zeit zum Ossensamstag, dem größten Karnevalsereignis Norddeutschlands.
Auch an wirtschaftlicher Struktur mangelt es nicht: Der Autozulieferer Karmann fertigt in Osnabrück schicke Cabrios, Coppenrath und Wiese backt hier leckere Kuchen, und die Felix Schoeller Gruppe schickt Spezialpapier in die ganze Welt.
Wem das nicht reicht, dem bleiben «Petersdömchen», «Scalalein» und «Kurfürstendämmchen», ein VfL Osnabrück, der sich mit etwas Glück in der 2. Bundesliga hält und ein Fluss namens Hase. Der ist wenige Kilometer von Osnabrück entfernt ein Naturphänomen, teilt er sich doch natürlich in die Flüsse Hase und Else auf. Das gibt es nur wenige Male auf der Welt. Einmal in Osnabrück - zum Glück.
Von Caroline Schulke
