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Der vorletzte Wille

Intensivstation
© KNA

Altenpflegerin hält Seminare zum Thema Patientenverfügung

Der 20-jährige Sven ist nach einem schweren Unfall nicht mehr aufgewacht. Seit Monaten liegt er da - künstlich beatmet, künstlich ernährt. Er reagiert nicht auf Ansprache, nicht auf Berührungen. Es kann Jahre dauern, bis er wieder zu sich kommt - wenn überhaupt.

„So dahinvegetieren ist schrecklich – da wäre ich doch lieber tot!”, meint ein Bekannter und spricht aus, was viele denken. Hilflos daliegen, überall Schläuche, nur noch von Apparaten abhängig sein, das können sich nur wenige Menschen vorstellen.

Wäre es demnach nicht das Beste, Sven sterben zu lassen? Vielleicht. Aber wäre es auch sein Wille? Er kann sich nicht äußern. Und eine Patientenverfügung, die seinen Willen dokumentieren würde, gibt es nicht. Patientenverfügung – seit Jahren löst das Thema öffentliche Diskussionen aus. Der Begriff taucht immer wieder in den Medien auf. Jeder hat schon davon gehört. Aber nur wenige Menschen halten ihre Wünsche für eine medizinische Behandlung,  passive Sterbehilfe oder Sterbebegleitung schriftlich fest.

Seminare zum Ausfüllen der Patientenverfügung

Dabei ist das Interesse durchaus da, so die Erfahrung von Margarete Seufert. Die examinierte Altenpflegerin hält im Evangelischen Bildungszentrum Würzburg Seminare zum Thema. Zu ihr kommen ältere Menschen mit Alzheimer im Anfangsstadium, die sich fragen, ob ihr dokumentierter Wille überhaupt vom Arzt beachtet wird. Aber auch junge Leute, wie die Studentin, die ihre Oma dazu bewegen will, endlich eine Patientenverfügung zu schreiben oder die Rechtsanwältin, die angesichts einer Entscheidung über Leben und Tod über die Paragrafen hinausblicken will. Margarete Seufert steht Rede und Antwort und erklärt, wie man eine Patientenverfügung verfasst.

Die Sorgen der Menschen gehen in zwei Richtungen, weiß Dr. Heribert Joha, Oberarzt der Palliativstation im Juliusspital Würzburg. Zum einen wollen sie sicher sein, dass im Krankheitsfall alles Mögliche für sie getan wird. Zum anderen fürchten sie „Halbgötter in Weiß”, die ihre Patienten um jeden Preis am Leben erhalten wollen und ihnen einen würdevollen Tod versagen. Intensivmedizin kann die Dauer eines Lebens um viele Jahre verlängern. Über die Qualität sagt das jedoch nichts aus. Eine zwiespältige Situation, meint Joha.

Die große Verbindlichkeit, die Patientenverfügungen mit dem neuen Gesetz vom September 2009 bekommen haben, macht die Sache nicht leichter. Seitdem gelten alle schriftlichen Verfügungen unabhängig von Stadium und Art der Erkrankung. Umso größer die Unsicherheit, die beim Ausfüllen des Formulars entstehen kann.

Elf Jahre zum Ausfüllen gebraucht

Margarete Seufert kennt die Schwierigkeit aus eigener Erfahrung. In der Theorie weiß die Seminarleiterin alles über Patientenverfügungen. Für ihre eigene hat sie jedoch elf Jahre gebraucht. Einen Anstoß gab der plötzliche Tod ihrer Mutter nach einem Schlaganfall. „Sie war eine attraktive Frau und hätte niemals gelähmt und völlig abhängig weiterleben wollen“, ist sie sicher. Für sich selbst konnte die 52-Jährige diese Frage allerdings lange nicht abschließend beantworten.

So meinte sie noch vor Jahren angesichts zweier junger Menschen, die nach Selbstmordversuchen im Wachkoma lagen: „Der Herrgott hat sie hier gelassen. Man muss ausharren, bis er einen zu sich holt.” Später verfügte Margarete Seufert jedoch in ihrer eigenen Patientenverfügung, das sie selbst in einem ähnlichen Fall nicht länger als drei Monate künstlich ernährt werden will. Ihrem Glauben widerspreche dies nicht. Vielmehr findet die Altenpflegerin, dass die Intensivmedizin zu weit eingreift: „Der Mensch spielt Gott!“

Die Endlichkeit des Lebens akzeptieren – Krankenhauspfarrer Bernhard Stühler ermahnt täglich dazu. Die christliche Glaubensgewissheit helfe dabei. Doch der Tod sei meist ein Tabu, obwohl doch auch Teil des Lebens sei. Diese Erfahrung hat auch Margarete Seufert gemacht. „Du? Jetzt schon?” fragten Bekannte und Familie erstaunt, als sie ihre Patientenverfügung im Januar 2004 geschrieben hatte.

Auf das Sterben vorbereiten

Tatsächlich kann es jeden Tag soweit sein. Und was - wenn wie bei Sven - der Wille des Patienten nicht mehr auszumachen ist? Besonders bei Komapatienten sei das problematisch, sagt Joha. „Der Sterbeprozess ist noch nicht eingetreten, und dann fragt man sich: Wann soll ich die Geräte abschalten?”, beschreibt er die belastende Situation für Angehörige und Ärzte.

Eine Patientenverfügung nehme der Familie in solchen Fällen das Gefühl, ein Todesurteil sprechen zu müssen. „Die Situation ist immer noch schwierig. Aber die Angehörigen haben den Willen des Patienten schwarz auf weiß”, so Joha. Gerade deshalb hat Margarete Seufert bereits mit ihren beiden Kindern ausführlich über ihre Vorstellung vom Lebensende gesprochen. „So nehme ich mein Selbstbestimmungsrecht wahr”, findet sie. Es sei nicht gut, die Verantwortung auf andere Menschen abzuschieben.

Denn wann der Fall der Fälle eintritt, wie und wo wir sterben, das weiß niemand. Nur dass wir sterben müssen, wissen wir bestimmt – gut also, wenn wir darauf vorbereitet sind.

Von Nadine Ortmanns

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