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Missionarin auf Zeit 27.05.08 Seite drucken

Zweite Heimat Arusha

Schwestern zu unserer lieben Frau
© privat
Katrin Sijbom mit den Missionsschwestern.

Katrin Sijbom verbrachte ein Jahr in Tansania

Osnabrück - Auf dem Erinnerungsfoto aus Tansania fällt Katrin sofort auf: Groß und weizenblond zwischen ihren zierlichen dunkelhäutigen Gastgeberinnen – den Missionsschwestern des Ordens Unserer lieben Frau. Ein Jahr lang lebte und arbeitete die damals 19-Jährige in Arusha - eine Stadt im Norden des ostafrikanischen Landes.

Eine Zeit, die die Politikstudentin auf keinen Fall missen will, wie sie bei einem Diavortrag im Jugendzentrum des Katholikentags erzählt. „Ich möchte Euch das Land näher bringen, so wie ich es erlebt habe“, stellt die Missionarin auf Zeit (MaZ) zu Beginn klar. Also keine gesicherten Daten und Fakten. Dafür beeindruckende Bilder und Hautnah-Erlebnisse. Tansania ist eines der ärmsten Länder der Erde. Die Menschen verdienen durchschnittlich 280 US-Dollar im Jahr.

Kinder in Tansania
© Katrin Sijbom
Strahlen trotz Armut - Kinder in Tansania

Viele leben von dem, was sie verkaufen können: Selbstgemachtes, Secondhand-Waren oder auch Fundstücke von der  Mülldeponie. Der Alltag spielt sich auf der Straße vor dem Haus ab, dort treffen sich Nachbarn und Freunde, dort wechseln Waren ihren Besitzer.

Frauen haben in Tansania wenig zu melden

In den ersten Monaten ihres Aufenthalts arbeitet Katrin in einem Frauenzentrum. „Die Frauen in Tansania haben wenig zu melden“, erklärt sie. „Sie bekommen früh Kinder, haben selten eine Berufsausbildung und ihr Lebensumfeld beschränkt sich auf Haus und Nachbarschaft.“ Die Missionsschwestern versuchen ihnen in Workshops und Fortbildungskursen Selbstbewusstsein und berufliche Perspektiven zu vermitteln.

Zu den Aufgaben der jungen Freiwilligen gehört auch ein Massai-Projekt. Einmal in der Woche begibt sich Katrin gemeinsam mit einer Schwester auf einen langen Fußmarsch in den Busch. Der Massai-Stamm lebt dort noch sehr traditionell. Männer kümmern sich um das Vieh, Frauen sind für Haushalt und Kinder, Feldarbeit und Wasserholen zuständig.

Menschen in Tansania
© Katrin Sijbom
Fortbildung für die Frauen des Dorfes.

„Die Menschen leben in Lehmhütten mitten in einer kargen Landschaft und versuchen mit viel Erfindergeist etwas aus dem Nichts zu zaubern“, erzählt Katrin. Eine Küche besteht hier aus drei Steinen und einem Topf, der mit Resten von Maiskolben befeuert wird. Schuhe sind aus alten Autoreifen gefertigt. Die Schulkinder des Dorfes werden unter einem Baum unterrichtet und schreiben mit Zweigen in den Staub.

Eigenhändig ein Schulgebäude gebaut

Um ihnen einen Dach über dem Kopf zu geben bauen die Missionsschwestern und deutsche Jugendliche eines sozialpädagogischen Projekts ein kleines Schulgebäude. „Alle halfen mit bloßen Händen – auch die Massai - und nach einigen Wochen stand das Haus“, erinnert sich Katrin. „Okay, es passt überhaupt nicht in die Landschaft“, räumt sie ein und zeigt ein Bild von einem westlich anmutenden Steinbau mit Giebeldach. Aber es erfüllt seinen Zweck! Umso mehr, weil ein eingebauter Wassertank nun die Trinkwasserversorgung des Dorfes erleichtert.

In der zweiten Jahreshälfte arbeitet Katrin in einer Dorfschule nahe Ashura und unterrichtet drei- bis vierjährige Vorschulkinder. „Die erste Zeit war schwierig“, erinnert sich die lebhafte MaZlerin. „Es gab so gut wie keine Schulmaterialien und wir mussten alles selbst organisieren und anfertigen.“

Schulklasse Tansania
© Katrin Sijbom
Der Rohrstock gehört hier noch zum Schulalltag.

Vor allem die Erziehungsmittel der einheimischen Lehrer bereiten der jungen Deutschen Probleme. „In Tansania wird noch ganz selbstverständlich der Rohrstock eingesetzt“, berichtet sie. Auch wenn ihr der Anblick wehtat, dagegen tun konnte Katrin nichts: „Du kannst da nicht hingehen und erwarten, dass sich deinetwegen die Lebensweise ändert“, macht sie klar. „Man muss die Kultur akzeptieren und mit gutem Beispiel vorangehen.“ In ihrem Fall hieß das: Gespräche statt Schläge und regelmäßige Besuche bei den Familien.

Aids ist ein großes Problem in Tansania

„Ich habe jeden Tag ein anderes Kind nach Hause begleitet“, erzählt Katrin. Dabei erfährt sie viel Freundlichkeit und Offenheit, sieht aber auch viel Leid. „Ein großes Problem in Tansania ist Aids“, erklärt die 21-Jährige. Durch den HIV-Virus stirbt eine ganze Eltern-Generation aus. Viele Großeltern versuchen sich und ihre Enkel mit Mühe über Wasser zu halten. „Ich habe zum Beispiel eine alte Frau kennen gelernt, die sich selbst kaum versorgen kann und nun sieben verwaiste Urenkel durchbringen muss.“ 

Trotz allem Elend verlieren die Menschen in Tansania nicht die Lebensfreude. „Vielleicht liegt es daran, dass es zwar ums Überleben geht, aber nicht ums Geld“, sagt Katrin, die sich – zurück in Deutschland – erst wieder an den hohen Stellenwert der Euros gewöhnen muss.

Katrin Sijbom
© privat
Katrin Sijbom in Tansania

Dennoch spürt die junge Frau in Tansania, dass sie den Menschen wie eine Verheißung aus einer besseren Welt vorkommt. Auch wenn sie sich an die Lebensweise anpasst, bleibt sie doch lange die reiche Europäerin. „Ich musste immer wieder zeigen, dass ich nicht als Geldquelle da war, sondern Teil der Gemeinschaft“, erinnert sie sich an die Anfänge.

Auch wenn es schwierig ist, für eine weiße Frau, Katrin lässt sich nicht unterkriegen. Sie beweist, dass sie auch auf lehmigen Straßen laufen oder auf der Ladefläche eines Pickups fahren kann. Sie zeigt keine Berührungsängste, lernt Kisuaheli, findet schließlich Freunde und in Ashura/Tansania eine zweite Heimat.

Von Janina Mogendorf
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