Nur sentimentaler Kitsch?

Die Herz-Jesu- Verehrung wurde von Beginn an von mehreren Seiten bekämpft
Die Herz-Jesu-Verehrung wurde von Beginn an von zwei Seiten bekämpft: den radikal asketischen Jansenisten auf der einen und den Aufklärern auf der anderen Seite.Selbst die Staatsgewalt wurde gegen die Verehrer des Herzens Jesu aufgeboten. So wurde etwa der Conservator der Wiener Sternwarte wegen Verbreitung von Schriften über diese Andacht zu 500 Gulden Strafe verurteilt; Canonicus Fast in Wien musste aus demselben Grund ins Gefängnis. Während der französischen Revolution galt in mehreren Fällen die Verehrung eines Herz-Jesu-Bildes als Verbrechen, das sogar mit dem Tode bestraft wurde. Auch Minister Pombal von Portugal gehörte zu den Bekämpfern der Herz-Jesu-Verehrung.
Beitrag zur Milieubildung
Der Herz-Jesu-Kult leiste als "religiöser Kitt" einen wesentlichen Beitrag zur Milieubildung, so sagen die Kritiker heute. Norbert Busch sieht in der Mentalität von Herz-Jesu die für den Katholizismus des 19. Jahrhunderts zentralen drei Verhaltensdispositionen repräsentiert: "Depressivität", "Defensivität" und "Antimodernität".
Das leidende Herz Jesu zeigte "wie bedrohlich, ja feindlich sich die gesellschaftlichen Verhältnisse aus katholischer Perspektive darstellten" und bezeugte damit eine "depressive Wahrnehmung von Wirklichkeit". Das Herz Jesu war aber auch als "Arche", "Burg", "Hafen" "Ausdruck einer Defensivmentalität", es vermittelte den "Gläubigen Rückzug in eine hermetische Glaubenswelt", gesellschaftlich in ihr "Sozialmilieu".
Antimoderne Ausrichtung
Der Herz-Jesu-Kult mit seiner antimodernen Ausrichtung schlösse die Verurteilung und Verdammung "sämtliche(r) Wert- und Zielvorstellungen der Moderne" ein, sei gegen Aufklärung und Revolution, gegen Wissenschaft und Rationalismus gerichtet. In der religiösen Praxis manifestiere sich dieser Protest in "einem intensiven Wunderglauben".
Als im revolutionären Frankreich bekannt wurde, dass König Ludwig der XVI. vor seiner Hinrichtung Frankreich dem Herzen Jesu geweiht habe, wurde das Herz-Jesu-Bild zum Symbol der monarchistischen Gegenrevolution. Die Bauern trugen als Zeichen der Kirchen- und Königstreue ein Herz-Jesu-Emblem. Seine Liebe erwiderten sie durch ihren Aufstand.
Die revolutionäre Regierung verbot Kult und Bild; in Nantes wurde eine Familie, die Herz-Jesu-Bilder verteilt hatte, durch das Fallbeil hingerichtet. Und nach der Ermordung Marats wurde zu seinem Herzen eine Litanei gebetet; die falsche antirevolutionäre gleichsam durch die richtige revolutionäre Herzverehrung ersetzt.
Nichtkatholiken stehen der Herz-Jesu-Frömmigkeit bis heute gewöhnlich ablehnend gegenüber. Allerdings bietet sie durch ihre Ausrichtung auf Christus auch ökumenische Anknüpfungspunkte.
