Von Seidenraupen und Kinderträumen

Gerard Bauer, Preisträger des Jahres 2008, im Gespräch mit katholisch.de
Michael Gerard Bauer, Autor des Buches "The Running Man" hat den "Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis" des Jahres 2008 erhalten. Im katholisch.de-Interview spricht er über Kindheitserinnerungen, Vorurteile und Träume, die sich erfüllen.katholisch.de: Herr Bauer, Ihre Geschichte "The Running Man" ist nach der Veröffentlichung in Australien mit Preisen überhäuft worden. Und nun vier Jahre später eine Auszeichnung der Katholischen Kirche in Deutschland. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Bauer: Den "Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis" zu erhalten ist eine große Ehre und sehr aufregend für mich. Es ist der erste Preis, den ich für eines meiner Bücher außerhalb Australiens erhalte. Ich bin relativ neu im Schreibfach und habe erst im Jahr 2000 aufgehört, Vollzeit zu unterrichten. Daher ist der Gedanke, dass Menschen in einem anderen Land mein Buch lesen und es so gut finden, dass sie mich mit einem so prestigeträchtigen Preis bedenken absolut unglaublich. Die Tatsache, dass einige meiner Vorfahren vor vielen Jahren aus Deutschland nach Australien kamen macht erst recht zu etwas ganz Besonderem.
katholisch.de: Haben Sie eine spezielle Bindung an Kirche und Religion?
Bauer: Ich denke, es ist wichtig, eine spirituelle Dimension in seinem Leben zu haben, und ich bin stolz auf die Auszeichnung der katholischen Kirche. Vor allem, weil der Preis als Anerkennung für Bücher vergeben wird, die Werte vermitteln, an die ich glaube. Ich bin in einem katholischen Umfeld aufgewachsen, habe katholische Schulen besucht und in katholischen Schulen unterrichtet. Meine Religion ist sehr persönlich und wichtig für mich, und war mir über die Jahre große Unterstützung und Trost. Obwohl die Geschichte keine speziell religiöse Botschaft verbreitet, handelt sie von Mitleid und dem Bedürfnis nach Liebe - beides zentrale katholische Werte.
katholisch.de: Viele Lehrer lesen Ihr Buch mit ihren Schulklassen. Sie sind selbst Lehrer. Welche Motivation hatten Sie, ein Buch über die besondere Freundschaft zwischen einem alten Mann und einem Jugendlichen zu schreiben?
Bauer: Die Geschichte entstand aus Kindheitserinnerungen an den Brisbaner Vorort Ashgrove, wo ich aufgewachsen bin. Abgesehen vom Charakter des "Running Man" basiert die Geschichte nicht auf lebenden Vorbildern. Ich denke, die Motivation, diese Geschichte zu schreiben, entwickelte sich aus dem Glauben, dass wir nur sehr wenig über die Menschen um uns herum wissen. Ich wollte aufzeigen wie falsch und gefährlich es ist, Menschen zu bewerten, abzustempeln oder in eine Schublade zu stecken.
katholisch.de: An wen richteten Sie Ihre Geschichte? Haben Sie sie für ihre Schüler geschrieben?
Bauer: Ich habe das Buch nicht für meine Schüler oder irgendjemand im Besonderen geschrieben. Eigentlich habe ich es nur für mich selbst geschrieben. Ich wollte unbedingt die Geschichte zu Papier bringen, die schon so lange in meinem Kopf herumschwirrte, weil ich sie für wichtig und kraftvoll hielt und sie mir viel bedeutete. Natürlich träumte ich davon, das Buch zu veröffentlichen und die Geschichte mit anderen Menschen zu teilen. Aber ich glaubte, dass es ein Wunder brauchen würde, um diesen Traum wahr zu machen. Als es soweit war habe ich das Manuskript als Geschichte für junge Erwachsene eingereicht. Dennoch habe ich versucht, ein Buch zu schreiben, das ich selbst lesen würde. Deshalb hoffe ich, dass Menschen jeden Alters Gefallen daran finden.
katholisch.de: Was soll "Running Man" Ihren Lesern mit auf den Weg geben?
Bauer: Ich hoffe, dass alle, die das Buch lesen, darüber nachdenken, wie oft wir Menschen nur wegen ihres Aussehens, ihres Hintergrundes oder ihrer Kultur verurteilen. Ich hoffe, dass es Leser dazu ermutigt, nach der gemeinsamen Menschlichkeit zu suchen, die zwischen allen Menschen existiert statt sich vor Unterschieden zu fürchten. Und obwohl das Buch von schlimmen persönlichen Tragödien handelt, hoffe ich, dass es Hoffnung und Optimismus verbreitet und den Glauben an die Belastbarkeit des menschlichen Geistes und die heilende Kraft der Liebe vermittelt.
katholisch.de: In Ihrer Geschichte kommen Sie immer wieder auf das Motiv der Seidenraupe zurück...
Bauer: Die Geschichte entwickelte sich aus meiner Erinnerung an meine Kindheit, als ich als kleiner Junge in dem Maulbeerbaum in unserem Garten nach Seidenraupen suchte. In dem Buch übergebe ich meine Kindheitserinnerung an den Vietnam-Veteran Tom Leyton. Ein Mann, der wegen seiner schrecklichen Erlebnisse an nichts mehr glauben kann, noch nicht einmal an sich selbst. Eines meiner Lieblingsgedichte "Die Seidenraupen" von Douglas Stewart spielte auch eine große Rolle bei der Entwicklung der Handlung. Es erzählt von Seidenraupen, die "ihr Leben lang in einer Box leben" und so tief träumen, dass "weder Wind noch Wort sie finden können". Von dort aus entwickelte sich die Idee von Tom Leyton. Ich stellte mir einen Mann vor, der wie eine Seidenraupe ist. Der sein Leben versteckt in einer Kiste lebt, eingeschlossen in einem Traum - oder in Toms Fall einem Alptraum - zu tief, als dass jemand zu ihm durchdringen könnte. Ich fragte mich, wer dieser Mann sein könnte und warum er so lebte. Während ich mir die möglichen Antworten vorstellte, entwickelte sich die Geschichte. Das Seidenraupen-Gedicht hing neben mir an meiner Pinnwand und eine Box mit Seidenraupen stand auf meinem Schreibtisch, während ich "Running Man" schrieb.
katholisch.de: In Ihrer Geschichte verwandelt sich Tom Leyton durch die Begegnung mit dem Schüler Joseph. Spielt Verwandlung auch in Ihrem eigenen Leben eine Rolle?
Bauer: Ich denke, als Lehrer muss man daran glauben, dass Menschen sich ändern können. Und ich habe einige wunderbare Verwandlungen in meiner Zeit als Lehrer miterlebt. Wenn es um mein eigenes Leben geht, bin ich den Weg vom Vollzeit-Lehrer zum Vollzeit-Autor gegangen und das innerhalb weniger Jahre - etwas, von dem ich immer dachte, es sei ein unerfüllbarer Traum. Mein Leben hat sich definitiv erstaunlich gewandelt und ich bin sehr dankbar dafür.
