Moderne Schreckensgestalten

Rede von Literaturkritiker Professor Dr. Martin Lüdke
Es scheint mir ein guter, in Amerika und, das hoffe ich mit Blick auf unseren Preisträger, auch Australien besonders gut gepflegter Brauch, gerade ernsthafte Überlegungen mit einem Scherz zu beginnen. Mir ist leider nur keiner eingefallen, der, wie der Hinkefuß zum Teufel, zu dieser anrührend/bewegenden und dabei nie sentimentalen Geschichte auch nur einigermaßen passen würde. Deshalb möchte ich Mr. Bauers Motto noch ein eigenes voranstellen, und zwar von Gottfried Benn:„Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden /
woher das Sanfte und das Gute kommt /
und ich weiß es auch jetzt noch nicht /
und muß nun gehen.“
Michael Gerard Bauer hat seinem Roman „Running Man“ einige Verse von Henry David Thoreau vorangestellt:
„Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, sind
Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was in uns liegt.
Und wenn wir das, was in uns liegt, in die Welt tragen,
geschehen Wunder.“
Man könnte diese Verse als knappe Zusammenfassung des Buches lesen. Nur das Wort „Wunder“ bleibt noch zu klären.
Ich darf Sie deshalb bitten, mir, auf einem kurzen Umweg, zu folgen, durch die Hintertür nämlich in den Keller. Dort trieb, wie wir auch aus dem älteren deutschen Liedgut wissen, manch Wesen sein Un-wesen. Die fortschreitende Elektrifizierung und, endlich, die Ankunft der Neonröhre im Untergeschoss brachte nicht nur Licht ins vormals Dunkle, sondern auch die Aufklärung des so genannten Aberglaubens, zumindest ein gutes Stück voran.
„Das Bucklichte Männlein“, von Walter Benjamin noch in seiner „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ beschworen, es verbreitet unter heutigen Kindern wohl kaum noch Angst und Schrecken. „Will ich in mein Keller gehen, / Will mein Weinlein zapfen, / Steht ein bucklicht Männlein da, / Thut mir’n Krug wegschnappen“. Das bucklicht Männlein, das uns unser Essen vom Teller stahl und buchstäblich unser Porzellan zerschlug, war für Benjamin noch Inbild allen Missgeschicks.
Für aktuelle Alpträume gibt es keine taugliche Gestalt mehr ab. Aber damit hat sich das Phänomen nicht in Luft aufgelöst. Noch immer treiben solche Wesen, wie wir jetzt, in dem preisenswerten Roman sehr schön nachlesen können, ihr Unwesen und verängstigen nicht nur Kinder.
Gestatten Sie mir darum, dass ich nun, in einem zweiten Anlauf, mit der Tür ins Haus falle. The „Running Man“, die Titelfigur von Bauers Buch, ist eine solche unheimliche Gestalt. Sie verfolgt, vermeintlich, den kleinen Joseph, unseren großen Helden. Nicht nur in Josephs (Alp-)Träumen verkörpert dieser Mann die Angst des Kindes.
Auch Tom Leyton, dem ehemaligen Lehrer, der mit schweren psychischen Schäden aus dem Vietnam-Krieg zurückgekommen war und seither, in sich verschlossen, von einer liebevollen Schwester versorgt, dennoch völlig versteinert sein einsames Leben führt, auch diesem Tom Leyton haftet etwas Geheimnisvoll-Schreckenerregendes an. Joseph hat Angst vor diesem Mann. Und der Mann, Tom Leyton selbst, was ist mit dem?
Das Problem, das sich hier stellt, lässt sich problemlos auf den Begriff bringen. Es handelt sich um eine „traumatische Neurose“, worunter die Psychologen ein akutes oder chronisches Fehlverhalten verstehen, das, schreiben Redlich/Freedman, „bei einer bis dahin relativ gesunden Persönlichkeit intensive Angst ausgelöst hatte“.
In der subakuten Phase versuchen die Patienten meist, noch nachträglich mit dem Trauma fertig zu werden. Dazu gehören auch Angstträume. Gelingt ihnen das nicht, dann gleitet, heißt es in einem entsprechenden Lehrbuch, der Patient in die chronische Phase und damit in eine parasitäre Existenz ab. Damit dürfte das Krankheitsbild von Tom Leyton und auch des „Running Man“ selbst, Simon Jamieson, zwar hinreichend exakt beschrieben sein. Aber, ehrlich, wie wenig ist doch damit gesagt?
Michael Bauer, 1955 in Brisbane, Australien geboren, hat nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften und Literatur als Lehrer an einer katholischen Schule gearbeitet, und, so hat er durchsickern lassen, in seiner Freizeit geschrieben. Er lebt mit seiner Familie in einem Vorort von Brisbane, in Ashgrove, dem Schauplatz dieses auch in Australien bereits äußerst erfolgreichen Erstlings.
Jede Familie besitzt dort ihr eigenes Haus, meist inmitten von größeren Gärten. Man kennt sich, lebt zum Teil schon seit Generationen dort. Geraldine Mossop zum Beispiel seit zweiundfünfzig Jahren, sie kennt alle und alles und spricht auch gerne darüber. Der Vater unseres Helden, des 14-jährigen Joseph, meinte deshalb einmal treffend, man sollte sie besser „Gossip“ nennen.
Ihr ist es aber zu verdanken, dass die Handlung in Gang kommt. Sie warnt nämlich Joseph Mutter vor dem Kontakt zu Tom Leyton, der seit dreißig Jahren, völlig zurückgezogen, im Nachbarhaus lebt. Verärgert über die Einmischung der Nachbarin verkündet Joseph trotzig: „Ich glaube schon“. Er wird ihn also zeichnen, diesen gefährlich-geheimnisvollen Tom.
Ebenso sensibel wie genau beschreibt Bauer den Prozess einer wechselseitigen Annäherung. Nicht nur Joseph hat Angst vor dem verschlossenen Mann, dessen Augen erloschen sind, auch Tom scheint Angst vor dem Jungen zu haben. Quälend, für beide, scheint ihr Zusammensein. In seiner Not, um überhaupt etwas zu sagen, fragt der Junge nach den Seidenraupen, die Tom in einer Schachtel vor sich hat.
Ein Gedicht über Seidenraupen hängt an der sonst schmucklosen Wand. Die Bücherregale sind leer geräumt. Seit langem habe er es, sagt Tom, dem fragenden Joseph, aufgegeben zu lesen. Tom schenkt Joseph das Gedicht. „Ein Leben lang in Schachteln.“ Später wird er die Seidenraupen zum „Bild des Lebens“ er-klären. „Sie spiegeln wieder, was das Leben im Grunde ist.“ „Sie werden geboren, sie leben, sie sterben. Ihr Leben hat keinen Sinn, keine Bedeutung.“
Zu diesem Zeitpunkt wusste Joseph bereits, was Tom in Vietnam erlebt und erlitten, aber nie bewältigt hatte. Es war ein kleiner Junge gewesen, der Toms Einheit in eine Falle lockte. Alle, bis auf Tom, kamen dabei ums Leben. Er wurde in ein Lazarett eingeliefert und dann nach Hause geschickt. „Wegen ihrer Verletzungen?“, fragte Joseph arglos. „Nein, entgegnete Tom leidenschaftslos. Wegen versuchter Tötung des Militärkaplans.“ Im Lazarett habe er nämlich den Verlust seiner „Ahnungslosigkeit“ erkannt: „Es gibt keinen Gott, das weiß ich seit jeher … Aber Teufel gibt es … viele Teufel. Das habe ich in Vietnam begriffen.“
Vielleicht sollte man hier die Beschreibung des Handlungsfortgangs kurz unterbrechen und eine Überlegung des Philosophen Adorno aus seiner „Negativen Dialektik“ (S. 363) einfügen. „Von aller Schmach, die mit Grund der Theologie widerfuhr, ist die Ärgste das Freudengeheul, in welches die positiven Religionen über die Verzweiflung der Ungläubigen ausbrechen. Nachgerade stimmen sie bei jeder Gottesleugnung ihr Tedeum an, weil sie wenigstens Gottes Namen gebraucht.“
Adornos Bemerkung sollte Bauers Roman vor einer übereilten theologischen Vereinnahmung schützen. Tom Leytons Verzweiflung über die Nichtexistenz Gottes und seine Annahme satanischer Energien passt auch nicht in die gegenwärtige Diskussion, die Jürgen Habermas mit seiner Friedenspreisrede „Glauben und Wissen“ (2001), angestoßen und in einigen Gesprächen mit dem damaligen Kardinal Ratzinger weiter geführt hat. „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“, nennen Michael Reder und der Jesuit Josef Schmidt, im Rückgriff auf Habermas, ihr Resümee dieser Debatte.
Aber hier geht es nicht um eine Leerstelle, die uns von der Aufklärung beschert wurde. Das bucklicht Männlein mag, wie die Kohle und die Einweckgläser, aus unseren Kellern verschwunden sein. Die Gestalten, die uns, Kindern oder Erwachsenen gleichviel, Angst einjagen und Schrecken bereiten, gibt es nach wie vor. Für Joseph mit seinem „Running Man“, für Tom Leyton mit seinen traumatischen Erinnerungen an jenen Tag, an dem er dem angeblich Hilfe suchenden kleinen vietnamesischen Jungen gefolgt war.
Später gesteht Tom sogar, dass er, als er damals aus seiner Ohnmacht erwachte, noch sein Gewehr in den Armen haltend, den kleinen Jungen plötzlich wieder vor sich sah: „Um seinen Hals hatte er eine Kette mit einer Münze daran. Es war eine Münze aus dem Jahr 1948. Das weiß ich, weil es Terry Hoffmans Glücksbringer war … aus seinem Geburtsjahr.“
Der Junge lief nicht weg, „aber er tanzte“, schien es Tom. Trommeln waren zu hören, schien es Tom. Aber da waren „keine Trommeln“. Hilflos sah Joseph nun, „wie Tom Leyton“, beim Versuch, ihm zu erzählen, was damals geschehen war, „zu zittern begann, wie er vor und zurück schaukelte“ – und offenbar immer wieder das Bild vor sich sah, bis es endlich aus ihm herausbrach: „Ich war es … Ich hab ihn erschossen … diesen Jungen.“
Hier tut sich keine Leerstelle auf. Hier geht es um Schuld. Tom, der australische Soldat, hat vielleicht einen kleinen Teufel, ganz sicher aber einen wehrlosen kleinen Jungen erschossen. Und daran leidet er seit über dreißig Jahren. Bis ein anderer Junge kommt, das Nachbarskind Joseph, das ihn für die Schule zeichnen soll.
Joseph gelingt es, Tom mit Hilfe der Seidenraupen aus seiner Schachtel herauslocken, wieder zum Sprechen zu bringen, und mehr noch: zum Bekennen seiner Schuld. Und damit, ja, wozu eigentlich? Ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass sich in dem Jungen eine Kraft zeigt, die über ihn hinausweist. Ich weiß nicht, ob man das theologisch deuten muss. Ich glaube aber, dass man es theologisch deuten kann.
Caroline Leyton sagt bei der Beerdigung ihres Bruders: „Ich glaubte schon, ich hätte meinen Bruder für immer verloren. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben, ihn je wiederzusehen. Doch ich hatte mich getäuscht. Im Laufe der letzten beiden Monate ist er endgültig nach Hause gekommen. Mein Freund und Nachbar Joseph Davidson war es, der Tom gefunden und mir zurückgegeben hat.“
Mit der Beerdigung Toms beginnt der Roman. Und damit endet er auch. Als Tom starb, da hatte ihn Joseph gefragt: „Mr Leyton? Was ist mit Ihnen.“ „Nichts … was dir Sorgen machen muss, sagte er. (…), nur … ein … Blitz von Freude.“ Die sich, wenn ich dieses Fazit ziehen darf, überträgt – die Freude. Joseph gab, unmittelbar vor dessen Tod, Tom Leyton das Leben zurück.
Birgitt Kollmann, eine Übersetzerin, die unter anderem Joyce Carol Oates übersetzt hat, gibt uns jetzt die Möglichkeit, „Running Man“ auf deutsch zu lesen, und zwar in einer bewundernswerten Übersetzung. Sie hat die richtige Sprache gefunden, und, was weit schwieriger ist, auch den richtigen Ton. Dafür erhält sie, wie ich finde, sehr zu Recht, einen Sonderpreis.
