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Sankt Pauli  Seite drucken

Der Apostel und der Kiez

Ein Straßenzug in Sankt Pauli mit der St. Josef im Rotlichtviertel.
© KNA
Ein Straßenzug im Rotlichtviertel von Sankt Pauli mit der St. Josef-Kirche (rechts).

Kein Gegensatz: Hamburgs Party-Viertel und Paulus passen durchaus zusammen

Hamburg – Ob auf der Reeperbahn nachts um halb eins oder an der Herbertstraße mittags um zwei - Sankt Pauli lebt, und das rund um die Uhr. Doch von seinem heiligen Namenspatron, dem Apostel Paulus, gibt es kaum eine Spur: Zwischen "Sex Paradise" und "Seventhheaven" locken himmlische Genüsse höchst irdischer Art, auch der Hamburger "Dom" auf dem Heiligengeistfeld macht seinem sakralen Namen nur bedingt Ehre. Und das 2008/09 von Papst Benedikt XVI. ausgerufene Paulusjahr - auf dem Kiez kein Thema. Oder doch?

"Ich lebe gerne auf Sankt Pauli", sagt Daria Kobahn und blickt zum Altar, wo der heilige Paulus gen Himmel weist. Mit Peepshows oder Tabledance-Bars hat die zweifache Mutter sichtlich nichts im Sinn. Zusammen mit Pfarrer Winfried Klöckner hat sie die Erstkommunionkinder auf ihren großen Tag in der katholischen Kirche Sankt Joseph vorbereitet; Adresse: Große Freiheit 43, also mittendrin statt nur dabei. "Kirche auf dem Kiez ist schön", meint der 66-jährige Pfarrer, der seine Schäfchen liebevoll "Rohware" nennt. "Die Leute machen nicht viel Aufhebens, sind offen, ehrlich, herzlich."

Für Kranke und Kaputte

Dass ausgerechnet die moderne Metropole Hamburg mit Sankt Pauli und Sankt Georg zwei sakral klingende Stadtteile hat, mutet manchen merkwürdig an. Rund 40 Prozent der knapp 1,8 Millionen Hamburger sind Christen, 182.000 von ihnen Katholiken. "Sankt Pauli und Sankt Georg waren Randbezirke außerhalb der alten Stadt", erklärt Maria Jepsen, bis 2010 evangelische Bischöfin in Hamburg. "Da lebten die Kranken und Kaputten, die die bürgerlichen Stadtteile nicht haben wollten." Bis 1833 hieß die hafennahe Amüsiermeile noch "Hamburger Berg", dann kam das einst dänische Altona zu Hamburg und erhielt den Namen der evangelischen Sankt-Pauli-Kirche.

Die katholische Sankt-Joseph-Kirche mitten im Kiez war im Zweiten Weltkrieg fast komplett zerstört, berichtet Monsignore Peter Schmidt-Eppendorf, ein Kenner der Hamburgischen Kirchengeschichte. Den Vorschlag des Senats, die wertvolle Fassade in einem anderen Areal originalgetreu wieder aufzubauen, lehnte die Gemeinde ab: "Wir gehören nach Sankt Pauli, wollen den Leuten hier beistehen und ihnen vielleicht aus dem Milieu raushelfen", so das Votum der Kiez-Katholiken. Dies praktizieren sowohl die evangelische als auch die katholische Gemeinde mit einer Fülle von sozialen Angeboten. 

Anregen zu christlicher Lebensqualität

"Der Apostel Paulus kann uns anregen, christliche Lebensqualität noch stärker zu entdecken und zu praktizieren", meint denn auch Hamburgs Erzbischof Werner Thissen. "Das möchte ich den Gemeinden im Erzbistum Hamburg mitgeben." Und so stellt das Erzbistum in einer Handreichung die Paulusgemeinden in der Erzdiözese vor und bündelt Anregungen zu den Texten des großen Apostels.

Dass dieser einst als gar nicht gottgefälliger Saulus angefangen hat, sollte nicht vergessen werden, betont Martin Paulekun, Pfarrer der evangelischen Sankt-Pauli-Kirche. 1683 habe man Paulus zum Kirchenpatron gemacht, weil er als Hüter von Moral und Ordnung galt, erklärt der 54-Jährige. "Manche meinen, er würde sich heute wegen der verlotterten Sitten im Grabe herumdrehen. Ich denke genau das Gegenteil." All die Buntheit und Unterschiedlichkeit käme dem Heiligen sehr entgegen, meint Fast-Namensvetter Paulekun. Als so genannter "Völkerapostel" würde sich Paulus hier sehr wohl fühlen, ergänzt sein katholischer Kollege Winfried Klöckner. "Schauen Sie bloß mal auf die Straße: Da haben Sie alle Völker der Welt vereint."

Von Sabine Kleyboldt (KNA)
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