Die Ursprünge der Kirche

In Antakya, dem früheren Antiochien, wird Paulus ökumenisch gefeiert
Antakya - Türkei und Kirche? Ein dauerwunder Punkt in der politischen Debatte. Türkei und Christentum? Das geht überhaupt nicht zusammen, sagen viele, wenn über einen möglichen EU-Beitritt dieses Brückenlandes zwischen Europa und Asien gestritten wird. Das war freilich nicht immer so. Mit einigem Recht kann man sogar behaupten, dass die Wiege der Kirche in der Türkei steht.Tatsächlich spielt sich etwa die Hälfte der Apostelgeschichte und der Apostelbriefe im westlichen Kleinasien ab. Die sieben Gemeinden der Apokalypse; die frühen Konzilien, die das Credo des christlichen Glaubens formulierten: Nizäa, Konstantinopel, Ephesus, Chalcedon - allesamt in der heutigen Türkei. Große Kirchenväter wie Basilius oder Johannes Chrysostomus wirkten hier. Und allen voran: Petrus und Paulus.
Noch bis ins 20. Jahrhundert stellten die Christen in der Türkei eine bedeutende religiöse Minderheit von weit über einer Million Menschen. Bis heute sank ihre Zahl auf nur noch rund 100.000. Über 99 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. Doch in dem Land, das heute wegen mangelnder Religionsfreiheit in den Schlagzeilen steht, nahm die christliche Mission ihren Ausgang. "Hier sind die Ursprünge der Kirche", begeisterte sich schon Bischof Luigi Padovese, der bis zu seiner Ermordung Anfang Juni 2010 Vorsitzender der Türkischen Bischofskonferenz war. Für diese Erfahrung gab der italienische Ordensmann seine Professur in Rom auf und tauschte sie gegen das für tödliche Bischofsamt in der Diaspora.
Historischer Glücksfall
Das Apostolische Vikariat Anatolien hat seinen Sitz in Iskenderun, einer Industriestadt im heißen Südosten, unweit der Grenze zu Syrien. Die hiesigen Christen profitieren von einem historischen Glücksfall. Die heutige Provinz Hatay stand bis 1939 unter französischer, nicht unter türkischer Verwaltung. Daher hat hier das alte Nebeneinander von Muslimen, Christen und Juden aus osmanischer Zeit überlebt, das im Rest der Türkei in den 1920er und 30er Jahren beseitigt wurde.
Was das in der Praxis bedeutet, kann man alljährlich am 29. Juni im nahen Antakya erleben, dem antiken Antiochia. An der dortigen Petrusgrotte, zuletzt wegen Einsturzgefahr vorübergehend geschlossen, feiern die Christen der Region ein großes Fest: Peter und Paul - am Wirkungsort der beiden Apostel einer der wichtigsten Feiertage des Jahres.
Seine 150.000 Bewohner nennen den Ort am Fluss Orontes stolz die "wichtigste Stadt des Christentums". Denn Antiochien war das erste Zentrum der frühen Christen - nicht Jerusalem, wie man erwarten würde. Hier, in dem mondänen (und vielleicht deshalb toleranten) römischen Urlaubs- und Vergnügungsort, wirkte Paulus. Dieser antike Melting Pot war Treffpunkt der Angesagten - und damit auch ein Handelsplatz moderner religiöser Ideen. Die Apostelgeschichte erwähnt, dass die Anhänger Christi erstmals in Antiochia "Christen" genannt worden seien.
Nicht immer unproblematisch
Am Morgen von Peter und Paul feiern die Griechisch-Orthodoxen einen Gottesdienst in ihrer Kathedrale im Stadtzentrum, die auch den Namen der Apostel trägt. Hier spürt man: Die Christen gehören zur Oberschicht in Antakya. Die Behandlung der Gemeinde durch die Behörden ist zwar nicht immer unproblematisch. Aber man arrangiert sich: Zweimal täglich läuten die Glocken, zweimal ruft auch der Muezzin.
Ökumenisch - und mit behördlichem Segen - dann die Feier an der Petrusgrotte. Die Grottenkirche außerhalb der Stadt war der Überlieferung nach der Bischofssitz des Petrus - und schon seit der Antike eine Pilgerstätte. Auf engstem Raum versammeln sich auf dem Vorplatz Hunderte Menschen. Die Gewänder der kirchlichen Würdenträger spiegeln die Vielfalt der christlichen Traditionen wider, je nach Konfession ganz schwarz oder farbenprächtig.
Tatsächlich wirkt die Diaspora-Situation in der Türkei vielfach als ökumenischer Katalysator. Die andernorts scharfen Konfessionsgrenzen werden hier weicher. Liturgischer Abschluss an Peter und Paul ist am Nachmittag die Messe in der katholischen Pfarrei von Antakya. Zur Gemeinde gehören nur noch rund ein Dutzend Familien. An diesem Tag aber stehen vier Bischöfe und ein Dutzend Priester am Altar im Innenhof. "Heute sind wir eine große Gemeinde", freut sich der Pfarrer: "Das ist ja aber kein Wunder, da wir die Mutterkirche aller Kirchen weltweit sind." Da ist es wieder, dieses alte Antiochener Selbstbewusstsein.
