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Interview 04.07.08 Seite drucken

Harte Schale, süßer Kern

© KNA

Der Philosoph Robert Spaemann zum Umgang mit der alten Messe

Am 7. Juli 2007 hat Papst Benedikt XVI. mit dem Erlass «Summorum pontificum» die Feier von Gottesdiensten nach dem alten lateinischen Ritus als außerordentliche Form wieder breiter zugelassen. Der Philosoph Robert Spaemann gehört seit Jahrzehnten zu den Befürwortern dieses Ritus. Mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sprach er am Freitag in Stuttgart über die Auswirkungen des Papsterlasses.

KNA: Herr Professor Spaemann, wie erleben Sie das Interesse am alten Ritus seit der allgemeinen Wiederzulassung ?

Spaemann: Bei uns in Stuttgart hat - obwohl es dort auch Lefebvrianer gibt - der Besuch der alten Messe enorm zugenommen. Die Sonntagsmesse der Petrus-Bruderschaft wurde bis zum vorigen Sommer von etwa 120 Leuten besucht, jetzt sind es 200. Und der Altersdurchschnitt liegt unter dem eines üblichen Gemeindegottesdienstes.

KNA: Vor einem Jahr haben Sie von einer «Rückkehr zur Normalität» gesprochen. Wie sollte diese Normalität im Idealfall aussehen?

Spaemann: Die neue Form der Liturgie ist für viele Menschen inzwischen geistliche Heimat geworden und lässt sich nicht einfach wieder abschaffen. Deshalb ist das Problem nur lösbar durch zwei Formen des Ritus nebeneinander. Das wäre unter den gegebenen Voraussetzungen die Normalität. Die Weise, wie die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil durchgeführt wurde, stellte einen Bruch mit der Normalität dar. Man hat eine ganz neue Liturgie aus Elementen verschiedener alter Liturgien geschaffen.

Aber zur katholischen Liturgie gehört unabdingbar die Kontinuität des Bewusstseins, im Einklang mit den zwei Jahrtausenden der Christenheit zu sein. Auch widerspricht die «neue Messe» in zentralen Punkten den Forderungen des Konzils. Die Forderung nach «lebendiger Teilhabe» der Gläubigen wird in der alten Messe genauso verwirklicht, wie das Konzil es verlangt: Die Gläubigen sprechen und singen die ihnen zukommenden Gebete vom Kyrie bis zum Agnus Dei in gregorianischem Choral. Für uns in Deutschland war diese Forderung schon vor dem Konzil weitgehend verwirklicht.

KNA: Aber dann stehen verschiedene Riten nebeneinander.

Spaemann: In verschiedenen Regionen Osteuropas oder im Nahen Osten gibt es seit langem zwei Riten nebeneinander, ohne dass es massive Probleme gäbe. In Mailand gibt es neben dem dort geltenden ambrosianischen Ritus zwei Kirchen des römischen Ritus.

KNA: Die Kritik an der alten Form der Messe bezieht sich häufig darauf, dass Menschen die Texte nicht mehr verstehen. Warum bleibt das Latein so wichtig?

Spaemann: Das Latein als Liturgiesprache steht für die Universalität der Kirche. So wie das Englische die Geschäftswelt verbindet, so verbindet das Lateinische die Katholiken in aller Welt. Und es ist die Verbindung zur Kirche der Vergangenheit, die ja nicht eine vergangene, sondern als lebende Kirche schon bei Gott ist. Bei Lesungen und Evangelium kann man die Volkssprache verwenden. Auch das ist im Sinne des Papstes.

KNA: Diese Fremdheit ist dann Teil des Geheimnischarakters der Liturgie?

Spaemann: Die Liturgie in der Umgangssprache weckt nur die Illusion, als würden wir, was da geschieht, verstehen. Sie denken, Sie verstünden gleich alles, weil es ja in Ihrer Sprache ist. Aber wenn Sie die Texte oft hören, entsteht oft ein Gefühl der Langeweile. 

Deshalb dann die vielen Varianten von Hochgebeten. Bei der alten Messe ist es genau umgekehrt. Sie kommen rein und hören eine fremde Sprache, der Kanon wird still gesprochen. Der Priester steht, an der Spitze des Gottesvolkes, mit dem Rücken zum Volk, das heißt in gemeinsamer Gebetsrichtung mit dem Volk. Das alles ist zunächst fremd. Aber je vertrauter es wird, desto schöner wird es. Es ist wie eine Nuss mit einer harten Schale und einem süßen Kern.

KNA: Aber beten muss man doch in seiner Muttersprache.

Spaemann: Das liturgische Gebet ist etwas anderes als das persönliche, private Gebet. Es ist geradezu eine Gesetzmäßigkeit, dass Liturgiesprachen keine üblichen Umgangssprachen sind. Das Kirchenslawisch und das neutestamentliche Griechisch der Ostkirche sind keine Umgangssprache. Das Arabisch des Koran wird heute in dieser Form nirgends gesprochen. Und allmählich wird auch die Sprache der Lutherbibel zu einer Sakralsprache. Aber vor allem gilt das Beispiel Jesu. Jesus hat noch am Kreuz einen Psalm gebetet:  «Eli, Eli, lema sabachtani, Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?». Und er tat dies nicht in seiner aramäischen Muttersprache, sondern er betete auf Hebräisch den Psalm .

KNA: Ein konkretes Beispiel aus einer rheinischen Großstadt: Der Pfarrer hat die bislang bestbesuchte Werktagsmesse am Freitagabend zur Messfeier des alten Ritus erklärt. In der Gemeinde rumort es, weil diese Messfeier nicht ihre vertraute, moderne Messe ist...

Spaemann: Ohne den konkreten Fall zu kennen - natürlich kann ein Pfarrer die Leute nicht einfach nötigen. Wenn ein Pfarrer den alten Ritus regelmäßig zu einer üblichen Pfarrgottesdienstzeit feiert, kommt es darauf an, ob und wie es ihm gelingt, die Gläubigen dafür zu gewinnen. Das ist gewiss nicht unmöglich. In meiner Kindheit kam gelegentlich ein Dominikaner sonntags zur Vertretung in unsere Pfarrei. Niemand kam auf die Idee, ihm zu sagen, er müsse die römische Liturgie feiern - so blieb er beim Dominikaner-Ritus. Wir als Ministranten mussten schnell umlernen und fanden das spannend.  Die Leute empfanden das als Bereicherung. Wenn man nun einen Priester der Petrus-Bruderschaft, der regelmäßig alte Messe feiert, bittet, in einem Gemeindemesse auszuhelfen, sehe ich nicht ein, warum er das unbedingt im neuen Ritus machen sollte.

KNA: Sollte auch mal ein deutscher Bischof die alte Messe feiern?

Spaemann: Das würde ich mir sehr wünschen. Es muss ja nicht immer ein Kardinal aus Rom kommen, Kardinal Ratzinger hat schon vor Jahren mit der Petrus-Bruderschaft in Wigratzbad ein Osterhochamt gefeiert, ein feierliches Pontifikalamt im alten Ritus. Warum denn nicht einmal ein Ortsbischof? Und ich wünschte mir am Ende, dass Benedikt XVI. es auch als Papst einmal tut, damit wirklich dieses Tabu durchbrochen wird.

KNA: Wieso Tabu?

Spaemann: Es ist doch merkwürdig. Wer die alte Messe wollte, diese Leute waren doch viele Jahre die Schmuddelkinder, mit denen man nicht spielt. Die sind von gestern, die muss man lassen. Meiner Meinung nach setzt eine wirkliche Versöhnung voraus, dass die, die in der Kirche die Macht haben, wirklich von innen heraus bejahen, dass es eben auch die alte Messe gibt und nicht einfach Schadensbegrenzung betreiben.

Sie müssten sagen: Wie schön, der Kirche ist ein neuer Reichtum zugewachsen. Wir wollen das pflegen und sind dankbar, wenn Gläubige das wünschen. Auf diesen Wandel warte ich. Und auch die sogenannten Traditionalisten haben eine Bringschuld: Sie müssen bereit sein, die Demütigungen zu vergeben und zu verzeihen, die ihnen in den vergangenen 20 Jahren zuteil wurden.

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