Wie Papst und Weihnachten zusammen

Vorfreude und Winterstimmung in Australien
Sydney - «Es ist so kalt hier», klagt Amanda. «Ich habe noch nie eine solche Kälte erlebt.» Die 18-Jährige kommt von den Salomonen-Inseln und gehört zu einer der ersten Pilgergruppen, die zum Weltjugendtag (WJT) in Sydney eingetroffen sind. Juli ist down under tiefster Winter; derzeit liegen die Höchsttemperaturen um 16 Grad. Wegen des ständig wehenden Windes liegt die gefühlte Temperatur noch deutlich darunter.Amandas Begeisterung für den Weltjugendtag beeinträchtigt das Wetter freilich nicht: «Ich freue mich riesig darauf, andere junge Leute aus aller Welt zu treffen und mit ihnen zusammen dieses tolle spirituelle Fest zu erleben.» Amanda ist zusammen mit einer Gruppe junger Katholiken aus Australien, Papua-Neuguinea, Vanuatu und den Salomonen am Mittwoch in Sydney eingetroffen.
Zuvor waren die 20 Südsee-Insulaner einige Tage bei einer Partnergemeinde im australischen Brisbane. Den Pilgern aus den von Armut, Elend und sozialen Unruhen geplagten Ländern im Südpazifik haben australische Patres und Brüder der Maristen die teure Reise nach Sydney ermöglicht. «Wir aus den reichen Ländern haben die Pflicht, den Armen zu helfen», sagt Bruder Neville.
Insgesamt 125.000 ausländische Pilger werden zu dem kirchlichen Großereignis erwartet - und nach und nach trudeln sie alle in Australien ein. Bevor sie Sydneys Straßen bevölkern, verbringen die meisten Gäste einige «Tage in der Diözese», wie ein zentraler Programmpunkt des WJT heißt. Das gibt den Pilgern aus aller Welt die Gelegenheit, die Sitten, Gebräuche und Menschen des Gastgeberlandes kennenzulernen.
Die rund 6.000 Pilger aus Deutschland sind in ganz Australien zu finden, bevor sie am Sonntag nach Sydney kommen: Die Freiburger haben die Outback-Metropole Alice Springs gewählt, um sich mit Australien vertraut zu machen; die Mainzer erleben die Welt der Aborigines im tropischen Darwin im Norden Australiens; die Hamburger dürfen im gleichfalls tropischen Cairns das Naturwunder «Großes Barrier-Riff» erleben.
In den Blue Mountains, etwa 200 Kilometer von Sydney entfernt, verbringen junge Polen, Litauer und Letten die «Tage in der Diözese» und können sich auf zwei Überraschungen gefasst machen: Schnee und Weihnachten. Denn erstens kann es im Winter in den Blauen Bergen durchaus schneien - auch, wenn die weiße Pracht nie lange liegen bleibt. Und zweitens überfällt die Aussies bei der Kälte im Juli eine Weihnachtsstimmung, die im Dezember, also im australischen Hochsommer, nicht so recht aufkommen will.
Deshalb ist vor allem in den Blauen Bergen der Brauch «Christmas in July» verbreitet: Weihnachten im Juli. Geschäfte dekorieren ihre Schaufenster weihnachtlich, Hotels laden zu Weihnachtswochenenden ein, und Restaurants bieten Weihnachtsmenus an. Das kommt nicht bei jedem gut an. Peter Lang etwa, Priester der deutschen katholischen Gemeinde in Sydney, kann Weihnachten im Juli nichts abgewinnen: «Da bleibt doch nur noch das äußere Beiwerk des Weihnachtsfestes übrig.
Die Geburt unseres Herrn hat nichts mit warmem oder kaltem Wetter zu tun.»
Dennoch ist der Brauch in seiner Gemeinde durchaus beliebt. «Das zeigt, wie sehr wir alle vom Brauchtum unserer Kindheit und Jugend geprägt sind», sagt Lang langmütig und hat noch eine ganz praktische Erklärung für die Weihnachtsgefühle im Juli: «Im Hochsommer hat man eben keine Lust auf Glühwein, Weihnachtsmarkt oder Kerzenanzünden.»
Von Michael Lenz (KNA)
