Vom Brevier zur Stunden- oder Tagzeitenliturgie

Mit der Begriffsänderung sollte auch eine Öffnung einhergehen
Aus den alten Schwarzweißfilmen von Don Camillo und Peppone mit dem unvergesslichen Fernandel als schlagkräftigem Dorfpfarrer Camillo Tarocci ist es dem ein oder anderen sicherlich noch vertraut: das Brevierbeten des mit seiner schwarzen Soutane und dem Birett bekleideten Pfarrers.In sein kleines schwarzes Gebetbuch vertieft, murmelt der Priester seine meist unverständlichen und langatmigen Gebete vor sich hin und denkt dabei wohl ziemlich oft an ganz andere Dinge. Das legt zumindest Don Camillo nahe. Aber soviel mag an dem Bild jedenfalls richtig sein. Brevier und Priester galten und gelten zumeist heute noch als unverrückbare Einheit. Bis heute besteht für jeden Kleriker die so genannte Brevierpflicht, das heißt dieses offizielle Gebet der Kirche auch zu vollziehen.
Dabei ist das Brevierbeten im Grunde genommen eine alte klösterliche Tradition, die die römische Kirche allen Priestern und Ordensklerikern erst im 16. Jahrhundert zur Pflicht machte.
Brevier kommt vom lateinischen „brevis“ (kurz), was so viel wie „Kurzform“ heißt. Es waren ursprünglich damit die Gebetbücher gemeint, die die Mitglieder eines Klosters für unterwegs mitnahmen, weil sie auch dort zu bestimmten Zeiten ihre vorgeschriebenen Gebete verrichten sollten.
Weil sie die meisten aber auswendig wussten, wurde beispielsweise nur der Anfang eines Psalms in diesem Buch angegeben, was viel Zeit, Material, Aufwand und Mühe für die Kopisten der Reisebreviere ersparte. (Denn die Breviere wurden ja zu dieser Zeit handschriftlich hergestellt).
Ein radikaler Schnitt
Im Laufe der Jahre kamen viele neue Heilige hinzu und immer weniger Priester kannten die Gebete auswendig. Dank Buchdruckerkunst wurde aus der Kurzform ein richtig dickes Buch, das nur noch mit Hilfe des Dünndruckpapiers zu handhaben war.Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) entschloss man sich zu einem radikalen Schnitt. Wichtiger als der private Vollzug des Breviergebetes war nun der gemeinschaftliche Auftrag, im Namen Jesu Christi und der Gemeinde zu beten. Auch der zeitgerechte Vollzug der so genannten "einzelnen Tagzeiten" wurde hervorgehoben. Der Umfang der Gebete verkürzte sich, die ganze Gemeinde war eingeladen, sich an den Gebetszeiten zu beteiligen.
Diese Neubesinnung schlug sich auch im Namen nieder: aus dem Brevier wurde die Tagzeitenliturgie oder das Stundengebet (Stundenliturgie) – Liturgia Horarum. Auch kein einfacher Begriff, aber Zeichen eines Neuanfangs.
