Meisterblätter

Zeichnungen von Ernst Ludwig Kirchner
Mit der historischen Distanz werden bestimmte Phänomene begreifbarer. Der Expressionismus ist ein solches Phänomen, das uns Aufschluss über das Verhältnis des Menschen (des Künstlers) zur Natur – und zwar in einer ganz bestimmten geschichtlichen Ausprägung - gibt. Studierbar wird dieses Phänomen aktuell an den sehr bedacht von Magdalena M. Moeller zusammengestellten Zeichnungen von Ernst Ludwig Kirchner.Kirchner gründete zusammen mit Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff in Dresden die Künstlergemeinschaft „Brücke“, der zeitweise auch Emil Nolde, Max Pechstein und Otto Mueller angehörten. Dieser Zusammenschluss, der bis 1913 hielt, machte im Wesentlichen den deutschen Expressionismus aus. Die Lieblingsmotive von Kirchner waren Akte, Natur- und Stadtlandschaften, wie sie im jetzt erschienenen Band allein aus den Beständen des Berliner Brücke-Museums versammelt sind.
Auslöser für den typischen expressionistischen Charakter der Zeichnungen waren aber nicht oberflächliche Veränderungen der Zeichentechnik, sondern eine erkenntnistheoretische Überzeugung: Die Wirklichkeit wird nicht mehr so dargestellt, wie sie „ist“, sondern wie der Mensch, das Subjekt, sie begreift – zum Ausdruck bringt. Der kunstgeschichtliche Entwicklungsprozess von der Steinzeitzeichnung bis zum realistischen Gemälde, das eine möglichst hohe Abbildungsnähe der Wirklichkeit versucht, ist damit beendet. Die naive Sicht der Welt aus dem Blickwinkel des Südsee-Indianers ist dem Expressionisten Kirchner näher als ein Gemälde Gustave Courbets.
Gleichzeitig spiegelt das Südsee-Motiv auch unmittelbar die Sehnsucht der expressionistischen Künstler des frühen 20. Jahrhunderts nach einem zivilisatorisch befreiten Gesellschaftszustand wider. „Vivat – die Südsee“ – das geflügelte Schlagwort der Zeit erhoffte sich die Rückkehr in eine einfache, von den Bedingungen der paradiesischen Natur ausgeformten Welt, an der sich der einzelne Mensch noch nicht schuldig gemacht hat. Der Künstler reflektiert diese Sehnsucht in seinem Schaffen. Und indem diese Sehnsucht immer in seine Arbeit mit einfließt, stellt er Wirklichkeit nicht mehr eins zu eins dar, sondern verändert sie.
Der durch die Sinne erfahrbaren Wirklichkeit wird insofern etwas Subjektives, Unverwechselbares hinzugefügt. Diese erkenntnistheoretische Dimension des Expressionismus lässt sich anhand des vorliegenden Bandes sehr eindrucksvoll nachvollziehen. Der Vorteil liegt hier in der Konzentration auf die Zeichnungen, an denen sich sogar Strichveränderungen im Laufe der Lebensjahre Kirchners nachvollziehen lassen. 1911 siedelt Ernst Ludwig Kirchner nach Berlin über. Inzwischen hat sich sein Stil so verändert, dass für die Manifestation der subjektiven Erfahrung von Wirklichkeit das Naturmotiv nicht mehr notwendig erforderlich ist. Der erkenntnistheoretische gebildete Blick des Künstlers entwirft so eine neue Interpretation der Großstadt als Kulisse der Entfremdung.
Es verwundert nicht, dass der Expressionismus immer wieder „aktuell“ ist (ähnlich wie es Goethes „zeitlosen“ Werken angedichtet wird). Die Neuen Wilden nahmen den Gedanken der menschlichen Befreiung angesichts der gesellschaftlichen und akademischen Zwänge eines kultivierten (wirtschaftlichen) Fortschrittsglaubens der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts auf. Auch hier keine Spur von Realismus. Dafür sinnliche, starke, heftige Malerei.
Expressionismus drückt den Versuch des Subjekts aus, einer zunehmend entfremdeten Welt zu entfliehen – und sie wenigstens im künstlerischen Schaffensprozess einzuholen. Dennoch ist der Expressionismus verhaftet in seiner Zeit, im beginnenden 20. Jahrhundert, das noch mit der Pariser Weltausstellung 1900 die Entwicklung der Technik ohne ernsthafte Begrenzungen sah. Das Undenkbare wurde greifbar. Der Mensch wurde zum Schöpfer einer neuen Welt, zum Gott – steht damit außer sich: ein Zustand, dem die expressionistische Weltsicht diametral entgegensteht.
Erlaubt sind künstlerische Rückgriffe, subjektive Rezeptionen, wie sie auch von den Neuen Wilden vollzogen wurden, immer als Aktualisierungen des Themas. Unsere jetzige Zeit, in der uns Klimaveränderungen, Energieprobleme und globalisierte Wirtschaft das Ausgeliefertsein des Einzelnen lehren, wäre reif für eine ebenfalls aktualisierte Neuauflage solcher künstlerischen Strömungen, die schon lange auch von kirchlichen Sammlungen als geschätzte Anreicherung der Bestände an mittelalterlichen Heiligenbildern gesucht wird.
Von Matthias-Johannes Fischer
Information
Ernst Ludwig Kirchner – Meisterblätter.
Herausgegeben von Magdalena M. Moeller, mit Beiträgen von Wolfgang Henze, Katharina Henkel und Hanna Strzoda. 204 Seiten mit 100 Farbtafeln, Preis 19 €, der Katalog ist im Hirmer-Verlag erschienen.
