Erst mal Elternzeit nehmen?

Zur Situation der Kinderbetreung in Deutschland
Nirgendwo auf der Welt wird so viel über das Thema „Mama oder Krippe“ diskutiert und lamentiert wie in Deutschland. Seit Familienministerin Ursula von der Leben verkündete, dass bis zum Jahr 2013 bundesweit 500.000 neue Betreuungsplätze für unter Dreijährige geschaffen werden sollen, geraten sich Politiker darüber in die Haare, ob eine Mutter nicht doch besser zu Hause bei den Kindern aufgehoben wäre.Rechthaberei auf dem Rücken der Eltern
Nicht nur Politiker zerbrechen sich den Kopf über die optimale Kinderbetreuung. In der letzten Zeit ist öfter der Eindruck entstanden, dass sich vor allem prominente Mütter hierzulande in zwei feindlichen Lagern gegenüber stehen. Die einen prognostizieren Krippenkindern eine unglückliche Zukunft. Die anderen bringen ihr Baby mit einem halben Jahr selbstbewusst in die Kindertagesstätte. Beide berufen sich dabei auf das Wohl des Kindes, zitieren Studien, sammeln Argumente, schreiben Bücher, um ihren eigenen Lebensentwurf zu rechtfertigen.
Ihre Fehde tragen sie auf dem Rücken junger Eltern aus, die in einer ihrer wichtigsten Lebensphasen keine Bevormundung, sondern ehrlichen Rat brauchen. Bei der Diskussion um Krippenplätze darf jedoch eine Tatsache nicht vergessen werden: Bis zu 20 Prozent der Kinder in unserem Land kommen mittlerweile aus sozial benachteiligten Familien. Die Gründe sind oft Arbeitslosigkeit, mangelnde Deutschkenntnisse oder Suchterkrankungen der Eltern. Für diese Kinder ist, wie Erziehungswissenschaftler bestätigen, die Betreuung außerhalb der Familie ein Segen.
Drei Jahre Elternzeit
Mütter, die in den ersten Jahren ihr Kind zu Hause betreuen möchten, können drei Jahre Elternzeit nehmen – mit der Garantie auf Übernahme in ihr altes Arbeitsverhältnis. Sie erhalten bis zu 14 Monate lang eine Art Lohnersatz in Form des Elterngeldes. Nach einer vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebenen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach unter dem Titel „Familienmonitor“ äußerten sich übrigens 74 Prozent der Eltern positiv zum Elterngeld. Ende 2006 waren es lediglich 61 Prozent. Mütter und Väter können sich das ihnen zustehende Elterngeld schnell und unbürokratisch über eine Service-Seite des Bundesfamilienministeriums ausrechnen lassen: www.bmfsfj.de/Elterngeldrechner.
Hinzu kommt: Für Berufsrückkehrerinnen gibt es gute kostenlose Weiterbildungen. Und: Immer mehr Firmeninhaber stellen gern Mütter ein. Denn wer über Jahre hinweg das „Unternehmen Haushalt“ gemanagt und Kinder erzogen hat, dürfte seine Belastbarkeit mehr als genug unter Beweis gestellt haben. Darüber hinaus sind heute immer mehr Väter bereit, sich die Elternzeit mit ihren Frauen zu teilen. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums nimmt heute jeder sechste Vater mindestens zwei Monate Elternzeit. Der Arbeitgeber muss sich auch hier verpflichten, den Arbeitsplatz freizuhalten. Denn während der gesamten Elternzeit besteht Kündigungsschutz.
Zu wenige Krippenplätze
Wenn Mütter und Väter – aus welchen Gründen auch immer – beruflich nicht pausieren möchten und nach einem Krippenplatz für ihr Kind suchen, werden sie oft enttäuscht. Zwei Drittel der Eltern suchen für ihr zweijähriges Kind nämlich vergeblich einen Krippenplatz. Denn es gibt gerade mal für 13 Prozent aller Kinder entsprechende Angebote. So wundert es nicht, dass laut „Familienmonitor“ des Instituts für Demoskopie Allensbach 64 Prozent der berufstätigen Mütter glauben, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei in Deutschland nach wie vor schlechter gelöst als in anderen Ländern. Eltern wünschen sich mehr Teilzeitstellen, mehr Ganztagsangebote in Kindergärten und Schulen sowie eine bessere Abstimmung zwischen den Öffnungszeiten von Kindertagesstätten und Schulen mit den Arbeitszeiten in den Betrieben.
Deutschland hinkt hinterher
Auch bei der Ausstattung, dem Personalschlüssel und der Qualifizierung des Kita-Personals können sich deutsche Kindertagesstätten hinter denen in anderen Ländern verstecken. So kümmert sich etwa in Dänemark eine ausgebildete Erzieherin um vier Kinder. In Deutschland müssen sich – laut jüngstem Kinder- und Jugendbericht des Bundesfamilienministeriums – durchschnittlich 6,1 Krippenkinder mit einer Erzieherin zufrieden geben. In den neuen Bundesländern liegt der Personalschlüssel sogar bei 8,5 Kindern und einer Betreuerin.
Von Lena Kaufmann
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