Eine geballte Ladung Leben

Wohnen im Hospiz – umsorgt und doch selbstbestimmt
Köln - Durch das geöffnete Fenster weht der Wind und bauscht die sonnengelben Organzavorhänge auf. Es riecht nach Marmelade und Kaffee. Am Frühstückstisch sitzen Margarete Rieder und Pfleger Stefan Buchgeister, der mit seinen Scherzen für Heiterkeit sorgt. Sie plaudern mit den beiden fleißigen Helfern Benno und Christian, die sich derweil um den Abwasch kümmern.Eine Atmosphäre beinahe wie in einer Wohngemeinschaft. Doch für die Menschen im Hospiz St. Vinzenz in Köln-Nippes ist es ein Wohnen auf Zeit. Sieben Schwerstkranke im Alter zwischen 60 und 80 Jahren verbringen hier ihren Lebensabend. Die meisten von ihnen können ihr Bett nicht mehr verlassen. Margarete Rieder kann noch aus eigener Kraft aufstehen, doch sie ist wackelig auf den Beinen.
Heute hat sie ihre Hausschuhe vergessen und sitzt nun barfuß in der Wohnküche. Ihre kurzen, grauen Haare sind noch von der Nacht zerzaust. Sie zappelt unruhig auf ihrem Stuhl, denn nach dem Frühstück gönnt sie sich immer eine Zigarette. „Wo ist denn mein Feuerzeug?“ fragt die 73-Jährige und sucht unruhig ihre Hosentaschen ab. Das türkisfarbene T-Shirt betont die von blauen und roten Flecken übersäten Arme. Eine Nebenerscheinung ihrer schweren Krankheit: Margarete Rieder hat Krebs im Endstadium. Ein weit fortgeschrittener Tumor und Hirnmetastasen haben den Körper der kleinen, stämmigen Frau gezeichnet.
Trotz starker Schmerzen liegt sie nicht im Bett, sondern sitzt mit Zigarette stundenlang im Raucherzimmer. Selbst nachts, wenn die Kölnerin nicht schlafen kann, schleicht sie hinüber, um heimlich zu rauchen und Ablenkung zu finden. „Es ist mein Hobby. Was habe ich denn sonst noch“, fragt sie und zieht die Augenbrauen hoch. „Ich muss jeden Moment damit rechnen, dass ich tot umfalle und aus ist es.“ Vor dem Tod hat sie weniger Angst, als vor dem Leiden. Das einzige, woran sie denkt und was sie sich wünscht, ist, am letzten Tag einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen.
„Wer hierher kommt, weiß, dass er sterben wird“, sagt Pflegedienstleiterin Martina Mann. Die gelernte Krankenschwester arbeitet seit der Eröffnung 1999 im St. Vinzenz-Hospiz - Nach 20 Jahren als OP-Schwester wollte sie weg von der Technik. „Der Kontakt zu den Patienten hat mir gefehlt“, erzählt sie. Die 47-Jährige lernte über die Palliativmedizin Behandlungsmethoden zur Linderung von Schmerzen bei unheilbar Kranken. Martina Mann und ihre Kollegen stoßen nicht selten auf Unverständnis, wenn sie Fremden oder Bekannten sagen, wo sie arbeiten.
Die Gesellschaft tabuisiert Sterben und Tod. Dennoch sieht Pfleger Stefan Buchgeister seine Arbeit als Bereicherung. „Ich erlebe täglich eine geballte Ladung Leben“, sagt er. Denn im Hospiz wohnen sieben ganz unterschiedliche Menschen, die alle ihre eigene Lebensgeschichte haben. Ob Frühaufsteher oder Nachtschwärmer, Talkshow-Fan oder Brettspiel-Liebhaber – sie alle leben gemeinsam unter einem Dach. Jeder von ihnen wird auf seinem letzten Lebensabschnitt individuell begleitet: palliativ-medizinisch, psychosozial und spirituell. „Die Bewohner entscheiden, was sie wollen und was nicht, je nach ihren Bedürfnissen“, erklärt Martina Mann.
Gemeinsam mit elf weiteren Pflegerinnen und Pflegern betreut sie in Wechselschichten die Hospizbewohner. Ein Dutzend stationäre, ehrenamtliche Helfer unterstützen sie stundenweise in der Wohngemeinschaft. Es gibt keine Dienstkleidung. „Wir wollen den Menschen hier ein Stück Normalität vermitteln“, erklärt die Pflegedienstleiterin. In Jeans, Hemd oder Shirt umsorgen sie und ihre Mitarbeiter, helfen bei der täglichen Körperpflege oder bringen den Bewohnern das Essen.
Nur die rutschfesten Arbeitsclogs deuten auf ihre Tätigkeit hin. Drei Mahlzeiten gibt es am Tag, aber wann und was der Bewohner essen möchte, kann er selbst bestimmen. Menschen mit Krebs im Endstadium kämpfen mit Übelkeit und Ekel, Appetitlosigkeit und haben keinen Durst mehr. Margarete Rieder kann sich heute nicht zum Abendessen durchringen.
Viele mögen bei Hospiz das Bild von einem Wartesaal des Todes vor Augen haben. Doch es ist alles andere als das. Vielmehr gibt es Menschen in ihrer letzten Lebensphase ein Zuhause, umsorgt, behütet und doch selbstbestimmt. Leben im Hospiz bedeutet auch, sein Zimmer nach seinem individuellen Geschmack einzurichten. Einige der Bewohner auf Zeit bringen sogar ihr eigenes Porzellan mit oder den leuchtend-bunten Weihnachtsmann, der in der Ecke vor sich hin strahlt.
Individualität wird nicht nur gelebt beim abendlichen Schlummertrunk oder beim Briefe schreiben am schweren Holzschreibtisch, sondern auch an Festtagen. Dabei liegen Freud und Leid Tür an Tür. „Einmal feierte ein Bewohner in seinem Zimmer Geburtstag während nebenan jemand verstorben ist. Als die Trauernden das Zimmer verließen, wurden sie von den Angehörigen des feiernden Zimmernachbarn getröstet“, erzählt Martina Mann.
Die Gewissheit, dass ihnen allen das Gleiche bevorsteht, ruft Solidarität und ein „Wir“-Gefühl hervor. Trauerarbeit beginnt schon, bevor der geliebte Mensch gestorben ist. Die Pflegedienstleiterin spricht viel mit den Verwandten. Die Angehörigen sollen lernen, los zu lassen. Das fällt schwer. Martina Mann kann das gut verstehen: „Viele Verwandte veranlassen alles medizinisch Mögliche, um den Vater oder die Mutter doch noch zu retten. Aber das Festhalten erschwert den Abschied.“
Hospiz St. Vinzenz
Seit 1999 begleitet das St. Vinzenz-Hospiz schwer kranke Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Das Team besteht aus Pflegepersonal, Physiotherapeuten, Ärzten und ehrenamtlichen Mitarbeitern. Die Einrichtung bietet auch einen ambulanten Hospizdienst an.
Umgekehrt fällt der Abschied auch nicht leicht. Das spürt Margarete Rieder immer dann, wenn sie ihren Besuch gehen lassen muss. Etwa ihre langjährige Freundin Helene Heun-Schiffbauer, die jeden Nachmittag bei ihr verbringt. Die beiden haben schon vieles gemeinsam durchgestanden. Leni spricht ungern über das Schicksal ihrer Freundin.
„Ich bin auf alles eingestellt, will aber nicht darüber nachdenken. Ich bin für Gretchen immer da“, sagt die 68-Jährige tapfer und wendet schweigend den Blick ab. Margarete Rieder ist aber auch froh, ihre Tochter Ingrid und ihren Enkel Oliver zu haben. Der fürsorglichen Oma geht immer das Herz auf, wenn sie sie besuchen kommen.
Für die Krebskranke ist das Hospiz ein guter Ort, um in Würde sterben zu können. Aber sie hat auch Verständnis für die Menschen, die in einer ausweglosen Situation wie ihrer zunächst an Selbstmord denken. „Angenommen ich wüsste, heute abend nehme ich Tabletten ein und wache dann nicht mehr auf…“, sie stockt und zieht an ihrer Pall Mall. „Vor dem letzten Schritt hätte ich Angst“, vollendet sie leise.
Margarete Rieder hat sich schon oft gefragt, was das alles noch für einen Sinn hat. Genauso, wie ihre Mitbewohner. Diese Frage – sie taucht nachts auf, wenn es still und dunkel ist, aber auch am Morgen beim Waschen vor dem Spiegel. Wenn der seelische und körperliche Schmerz unerträglich ist, kapituliert irgendwann jeder vor der tödlichen Krankheit und sucht nur noch nach Erlösung.
Stefan Buchgeister weicht diesen Situationen nicht aus. „Ich setze mich zu ihnen und wir schweigen gemeinsam. Ich habe auch keine Antwort.“ Dieses Aushalten sei das Schwerste in seinem Beruf, sagt er und Martina Mann ergänzt: „Es geht nicht um schöner Sterben, sondern darum, dass im Moment tiefer Resignation jemand da ist, der einem die Hand reicht.“ Denn bei allem medizinischen Fortschritt, gegen die Angst vor Leid und Tod gibt es keine Pille.
