Einheit trotz Unterschieden

Das Bistum ist in zwei geografisch getrennte Bezirke aufgeteilt
Als einziges deutsches Bistum besteht die Diözese Münster aus zwei örtlich getrennen Bezirken: Einem in Nordrhein-Westfalen und einem in Niedersachsen. Dazwischen verläuft das Bistum Osnabrück. Christian Gerdes vom Bischöflich Münsterschen Offizialat Vechta erklärt im Interview die Hintergründe.katholisch.de: Herr Gerdes, wie ist das Bistum Münster aufgebaut?
Gerdes: Als einziger deutscher Bischof verfügt der Bischof von Münster über zwei voneinander unabhängige, kirchliche Leitungsbehörden: das Generalvikariat in Münster für den nordrhein-westfälischen Bistumsteil und das Bischöflich Münstersche Offizialat in Vechta für den niedersächsischen Bistumsteil.
Der Leiter der Behörde in Vechta, der Bischöfliche Offizial und Weihbischof Heinrich Timmerevers ist dabei mit Kompetenzen ausgestattet, die über die eines Generalvikars hinausgehen. Er hat die ordentliche Amtsgewalt des Bischofs mit Ausnahme einiger weniger Rechte.
Im Außenverhältnis gibt es somit im Bundesland Niedersachsen neben dem Bischof von Hildesheim, Norbert Trelle und dem Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode als dritten Ordinarius den Bischöflichen Offizial von Vechta, Weihbischof Heinrich Timmerevers. Im Innenverhältnis des Bistums Münster besteht zwischen dem Bischöflichen Offizial und dem Diözesanbischof ein reines Mandatsverhältnis.
Eine Besonderheit ist, dass das Amt des Offizials im Unterschied zum Generlavikar bei Vakanz des Bischofsstuhls bestehen bleibt. Der neue Diözesanbischof hat ihn lediglich zu bestätigen. Mit der Regionalisierung der Diözesen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erhielt der Vechtaer Offizial zudem die Bischofswürde. Seitdem ist der Offizial über seine bisherigen Kompetenzen hinaus in der Lage, Pontifikalhandlungen (Amtshandlungen wie Weihen von Personen oder Kirchen oder Spenden z.B. des Sakramentes der Firmung) vorzunehmen.
katholisch.de: Wie kam es zu dieser Konstellation?
Gerdes: Mit der Säkularisation von 1803 fielen die Ämter Cloppenburg und Vechta des ehemaligen Niederstifts Münster in politischer Hinsicht an den Herzog von Oldenburg. In geistlicher Hinsicht verblieb die Region jedoch aufgrund der päpstlichen Bulle (rechtskräftige Urkunde) "De salute animarum" von 1821 beim Bistum Münster. Der Herzog von Oldenburg, als Protestant den Prinzipien eines strengen Staatskirchenregiments verhaftet, suchte nach einer Lösung, die Katholiken in das Herzogtum zu integrieren, ohne den Einfluss des damals "ausländischen" Bischofs von Münster in Oldenburg zu vergrößern.
In mehrjährigen Verhandlungen zwischen den Unterhändlern des Herzogs, Münster und dem apostolischen Delegaten wurde 1831 in der sogenannten Konvention von Oliva ein Kompromiss gefunden, der den Einfluss des münsterschen Diözesanbischofs in Oldenburg nicht gänzlich ausschloss, jedoch auf nur wenige Möglichkeiten eingrenzte. Es entstand das Bischöflich Münstersche Offizialat in Vechta als geistliche Oberbehörde für die Katholiken im Oldenburger Land unter dem Vorsitz des Bischöflichen Offizials, dem die ordentliche Amtsgewalt des Bischofs übertragen wurde.
Die Konvention von Oliva wurde in den folgenden Jahrzehnten nur leicht verändert. 1965 bestätigte der Papst durch das Niedersachsenkonkordat die Konvention. Bis heute regelt sie in ihren wesentlichen Bestimmungen die Geschicke der Katholiken im Oldenburger Land.
katholisch.de: Wie wirkt sich die Teilung auf die Zusammenarbeit im Bistum Münster aus - im Vergleich zu anderen Bistümern?
Gerdes: Vielleicht lässt sich die Frage nach der Zusammenarbeit der zwei großen Regionen im Bistum Münster besser mit einem Bild beantworten. Die Mutter Bistum Münster hat zwei erwachsene Töchter in Nordrhein-Westfalen und in Niedersachsen. Und wie es in einer lebendigen Familie so ist, gibt es grundsätzlich eine sehr enge Beziehung und auf vielen Ebenen Formen der Zusammenarbeit.
Aber die Töchter sind erwachsen und gehen hier und da auch ihre eigenen Wege. Dies hat seinen Grund in der Verschiedenheit der Regionen. Die geschichtliche Entwicklung, die konfessionelle Zusammensetzung oder die politischen Zugehörigkeiten sind unterschiedlich und verlangen mitunter verschiedene Wege. Dabei ist aber immer klar, dass es das eine Bistum Münster ist. Am Bistum Münster wird so auf besondere Weise Katholische Kirche erfahrbar, in der das Prinzip Einheit in Vielfalt lebendig ist.
