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Gefühls-Chaos und kleine Wunder

Medienpreis Film Collage
© hr, katholisch.de

Benedikt Fischer über die Entste- hung seines Films "Meine Eltern"

Die Eltern von Benedikt Fischer sind seit einigen Jahren pflegebedürftig. Sein Vater leidet an Demenz, seine Mutter ist nach einer Hirnblutung halbseitig gelähmt. In seinem Film-Beitrag für die Sendung "horizonte" des Hessischen Rundfunks (hr) porträtiert Benedikt Fischer sie aus nächster Nähe. Sehr ehrlich und ohne dabei die Distanz des Film-Autors zu verlieren. Im katholisch.de-Interview spricht er über Höhen und Tiefen rund um Dreh, Schnitt und Ausstrahlung. 

katholisch.de: Herr Fischer, „Meine Eltern“ ist ein sehr persönlicher Film. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Fischer: Wir haben eine Magazinsendung über Vorbilder geplant. Dabei ist mir ein Buch von Siegfried Lenz eingefallen, das mich zu Schulzeiten sehr beeindruckt hat. Darin geht es um die Frage, ob Vorbilder perfekt sein müssen und wie sich das mit dem Menschlichsein verträgt. Die ersten Vorbilder eines Menschen sind seine eigenen Eltern. Deshalb war mir bald klar, dass ich alle Fragen, die ich zu dem Thema habe, nur ihnen stellen kann.
                                                        
katholisch.de: Wie haben Sie die Filmproduktion mit Ihren Eltern erlebt?

Fischer: Ich wusste, dass es nicht leicht wird, aber da bin ich Gott sei Dank wie meine Mutter: Wenn ich einmal etwas angefangen habe, kehre ich nicht auf halben Weg um. Mir war klar, dass es eine Art Kammerspiel werden musste, denn einen richtigen Dreh konnte ich meinen Eltern nicht zumuten. Deshalb habe ich eine Art Drehbuch geschrieben, was nicht einfach war. Ich habe drei Wochen gebraucht, um den richtigen Ton zu finden. Das Drehen selbst war nicht so schwierig, aber der Filmschnitt hat bei mir ein ziemliches Gefühlschaos ausgelöst. Ein paar Mal bin ich sogar rausgerannt, weil ich einfach nicht mehr konnte.
 
katholisch.de: Gab es eine Szene, die Sie besonders berührt hat?

Fischer: Ja, die Szene, in der mein Vater weint. Dazu muss man wissen, dass mein Vater sich selbst immer sehr kontrolliert hat. Er hat zum Beispiel nie im Leben einen Wecker gebraucht, sondern ist immer genau zu der Zeit aufgewacht, zu der er aufstehen musste. Zum ersten Mal weinen sehen habe ich ihn, da war er 75 Jahre alt.

katholisch.de: Im Film finden Sie deutliche Worte über das Verhältnis zu Ihren Eltern. War der Beitrag für Sie auch ein Mittel, ihnen den Spiegel vorzuhalten?

Fischer: Nein, eigentlich nicht. Alles, was im Film vorkommt, habe ich meinen Eltern schon einmal gesagt. Ich bin heilfroh, dass wir über Verletzungen und Missverständnisse, die es noch aus der Jugendzeit gab, gesprochen haben, bevor die gesundheitlich schwere Zeit für sie begann. Das heißt nicht, dass es bei uns keine Probleme mehr gibt, aber wir können darüber reden.

katholisch.de: Wie haben Ihre Eltern den Film aufgenommen?

Fischer: Nach dem ersten Schauen war meine Mutter ganz aufgelöst. Sie meinte, er sei schön, aber auch sehr hart. Ich sage zum Beispiel im Film: Meine Mutter ist hart gegen sich und andere. Da haben wir später lange drüber diskutiert.
 
Meinem Vater habe ich den Film sechsmal vorgeführt. Beim ersten Mal hat er nur geweint, aber mit jedem Mal wurde er ruhiger. Ich habe gemerkt, dass es in ihm arbeitet, aber er konnte sich nicht äußern. Irgendwann bin ich fast geplatzt und habe ihn einfach direkt gefragt, ob er sich durch die Szene, in der er weint, bloßgestellt fühlt. Er hat mich angeguckt, als wäre ich deppert und gesagt: „Wieso, das musste doch so sein. Man muss doch sehen, was da aus mir rauskommt.“ Da war ich wirklich erleichtert.

katholisch.de: Haben Sie auch Rückmeldungen von Zuschauern erhalten?

Fischer: Ich habe bisher etwa hundert Briefe und E-Mails bekommen. Häufig von alten Menschen, die mir die Geschichte von ihren Eltern erzählten - oft eine unerledigte Geschichte. Aus dem weiteren Verwandten- und Bekanntenkreis gab es auch Kritik: Menschen, die meinen Vater als  würdevollen Philosophen gekannt hatten, fragten mich: Wie kannst du ihn so vorführen? Ich kann das verstehen, aber ich übernehme auch die Verantwortung dafür, meine Eltern so zu präsentieren. Wenn ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden gewesen wäre, hätte ich den Film zurückgezogen.

katholisch.de: Hat Ihnen der Film geholfen, sich über die Vorbildfunktion Ihrer Eltern klar zu werden?

Fischer: Ja, denn ich habe gemerkt, dass sie immer noch Vorbilder für mich sind. Meine Mutter versucht, ihre Situation zu bewältigen. Sie ist so stark, dass sie manchmal sogar über sich selbst lachen kann, wenn sie irgendwo mit ihrem Rollstuhl aneckt. Das finde ich großartig. Mein Vater hat durch die Krankheit seine Gefühle wiederentdeckt. Dass er sie nun zulässt, macht ihn für mich zum Vorbild. Ich will die Behinderung meiner Mutter oder die Demenz meines Vaters nicht schönreden. Sie sind grausam. Aber trotzdem haben sie auch Gutes bewirkt. Vielleicht haben beide noch etwas zu erledigen in ihrem Leben, jeder für sich, ganz persönlich.

katholisch.de: Würden Sie sich als gläubigen Menschen bezeichnen?

Fischer: Ich denke schon, dass es etwas gibt, was über unsere menschliche Existenz und Vorstellungskraft hinausgeht. Würde ich nicht daran glauben, wäre das Leben für mich sinnlos. Wichtiger ist für mich jedoch, dass sich manchmal etwas von diesem eigentlich Unvorstellbaren oder auch Göttlichen zeigt. Zum Beispiel in kleinen "Wundern" wie dem Lachen meiner Mutter über sich selbst oder den Gefühlen meines Vaters. Daran glaube ich, auch wenn ich nicht in den Gottesdienst gehe.

katholisch.de: Wie sieht Ihre berufliche Zukunft aus?

Fischer: Ich will noch einen längeren Film mit meinen Eltern drehen und zwar zum Vierten Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren. Im Moment bin ich noch in Verhandlungen mit meiner Mutter. Dieser Beitrag wird sicherlich schwieriger werden, weil er auch tiefer geht als der letzte. Abgesehen von diesem Projekt, habe ich das Gefühl, dass eine berufliche Wende ansteht. Ich möchte mich weiterhin den tieferen Fragen des Lebens widmen – ob als Filmemacher und Autor, das muss ich sehen.

Das Interview führte Janina Mogendorf
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