Gemeinsam einen Weg finden

Ein katholischer Eheberater berichtet über seine Erfahrungen aus der Praxis
Wir sind mit unserem Lebensentwurf gescheitert: Diese Feststellung tut weh. Vorausgegangen sind oft Jahre voller Selbstzweifel, gegenseitiger Vorwürfe und Kränkungen. Irgendwann ist das Fass übergelaufen. Es kommt zur Trennung. In einer solchen Situation brauchen die Betroffenen einfühlsame Gesprächspartner und fachkundige Hilfe. Und die suchen Frauen und Männer immer öfter in kirchlichen Beratungsstellen.Viele verdrängen die Entfremdung
"Eine Trennung ergibt sich nicht mal so eben. Sie ist ein schleichender Prozess, der oft Jahre dauert", weiß Diplom-Psychologe und -Theologe Markus Wonka, Leiter der katholischen Ehe- und Lebensberatungsstelle in Ulm. "Die Liebe schleicht sich allmählich hinaus. Und ein Ehepartner stellt sich immer öfter die Frage 'Soll ich bleiben oder gehen?'" Markus Wonka würde sich wünschen, dass Paare schon bei den ersten Problemen eine Beratung in Anspruch nähmen. Aber viele verdrängen dieses sich einschleichende Gefühl, dass mit der Beziehung etwas nicht stimmt. "Vor allem Männer möchten oft von einer Eheberatung nichts wissen", weiß Markus Wonka. "Und mancher Mann kommt erst dann, wenn es vielleicht schon zu spät ist und seine Frau definitiv die Trennung möchte."
Wichtig ist ein soziales Netz
Es ist für den Verlassenen immer ein Schock, wenn der Ehepartner seine Trennungsabsicht offenbart. "Der verlassene Partner möchte es nicht wahrhaben. Er klammert sich dann oft an jeden Strohhalm, verspricht, sich zu ändern, bemüht sich nun besonders", sagt Markus Wonka. "Aber diese Rettungsversuche scheitern in den meisten Fällen. Nach der Phase des nicht Wahrhaben-Wollens kommt es oft zu Wut – auf sich selbst und den Partner. Die Betroffenen plagen sich mit Selbstzweifeln und Selbstvorwürfen herum, fühlen sich verzweifelt, hilflos, orientierungslos, verfallen in depressive Verstimmungen."
Hinzu kommt der Berg neuer Aufgaben – von der Sorge um die Kinder bis zur Neuorganisation des Lebens mit Wohnungssuche und Umzug. Auch im Beruf muss man präsent sein. "Der Berg ist so groß, dass vor allem der verlassene Partner oft kraft- und mutlos wird. Es kommt dann nicht selten zu Versagensängsten und Zusammenbrüchen", weiß Markus Wonka. "Wichtig ist in dieser Phase ein stabiles Netz, das auffängt: Familie und Freunde, die mit Rat und Tat zur Seite stehen, die Verantwortung übernehmen, sich um Kinder und Haushalt mitkümmern. Ein solches Netz verhindert, dass man ins Bodenlose fällt."
Wut und Trauer zulassen
In der Beratung verwendet Markus Wonka oft Bilder, die das Gefühlschaos seiner Klienten genau beschreiben. "Es ist wie bei einer Achterbahnfahrt. Man glaubt, endlich angekommen zu sein, stürzt aber im nächsten Augenblick wieder ab", ist seine Erfahrung aus der Beratungspraxis. "Starke Emotionen lassen sich nicht kontrollieren – auch wenn viele versuchen, krampfhaft gegenzusteuern. Gefühle wie Wut oder Trauer, die nicht zugelassen werden, holen einen später wieder ein und behindern das Loslassen-Können."
Auch wenn die getrennten Partner allmählich beginnen, sich neu zu orientieren: "Es kommt immer wieder mal zu Rückschlägen", weiß Markus Wonka. "Gerade zwischen der Phase der verletzten Gefühle und des Neubeginns geht es oft drei Schritte vorwärts und zwei zurück. Aber es wird besser."
Wichtig ist, sich darüber im Klaren zu sein: Die gemeinsame Zeit lässt sich nicht wegradieren. Der verlorene Partner wird also immer Teil des eigenen Lebens bleiben. "Für Verlassene ist es darüber hinaus wichtig, aus ihrer Opferrolle herauszukommen", sagt Markus Wonka. "Denn wer darin verharrt und an seiner Wut und Enttäuschung festklammert, verbaut sich selber einen Neubeginn. Es führt also kein Weg daran vorbei, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und auszusöhnen – auch wenn es schwer fällt."
Dankbar für das Gute sein
Beide Partner sollten deshalb einmal Bilanz ziehen: Was war gut und wertvoll in unserer Beziehung? Wie habe ich mich als Partner im Laufe der Zeit verändert? Was war weniger gut? Was habe ich persönlich dazu beigetragen? "Ich helfe den Menschen in der Beratung bei dieser Bestandsaufnahme", sagt Markus Wonka. "Denn nur im Auseinandersetzen mit der gemeinsamen Vergangenheit kann jeder in ein neues Leben starten – mit vielen Chancen, manches anders zu gestalten und neu zu entdecken."
Beratungsstellen finden Sie auf der Homepage der Katholischen Eheberatung.
