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Das geschenkte Leben ist unser höchstes Gut

Abschiedsspuren Kunsttherapie und Hospiz
© KNA
Abschiedsspuren Kunsttherapie und Hospiz

ZdK-Experte Andreas Lob-Hüdepohl zu Sterbebegleitung und Sterbekultur

Die Debatte über Sterbehilfe zeigt nach Ansicht des Theologen Andreas Lob-Hüdepohl, dass es in der Gesellschaft an einer umfassenden Sterbekultur mangelt. Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe "Patientenverfügungen" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) spricht im katholisch.de-Interview über die kategorischen Unterschiede der Sterbehilfe und die gesellschaftliche Weiterentwicklung im Umgang mit Tod.  

katholisch.de: Herr Lob-Hüdepohl, die Kirche wendet sich entschieden gegen die aktive Sterbehilfe, lässt jedoch die passive Sterbehilfe zu…

Lob-Hüdepohl: Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe. Passive Sterbehilfe hält das Sterben eines Menschen nicht auf. Es geht darum, ihn sterben zu lassen und ihn dabei zu begleiten. Das ist nicht nur rechtlich erlaubt, darin liegt auch die Würde eines Menschen. Bei der aktiven Sterbehilfe dagegen leitet ein anderer das Sterben eines Patienten ein. Etwa indem er die lebensnotwendige Pflege versagt oder aktiv beim Suizid assistiert. Letzteres wird nicht strafrechtlich verfolgt, da auch Selbstmord kein Straftatbestand ist. Allerdings ist es einem Arzt standesrechtlich verboten, aktiv bei einem Suizid zu helfen. Tut er es dennoch, droht  ihm der Verlust seiner Approbation.

Andreas Lob-Hüdepohl
© KNA/katholisch.de
Andreas Lob-Hüdepohl.

katholisch.de: Es heißt "Gott befähigt uns dazu, dass wir unser Leben verantwortlich gestalten, auch in der letzten Phase". Was bedeutet das mit Blick auf die aktive Sterbehilfe?

Lob-Hüdepohl: Wir Menschen sollen und müssen selbstbestimmt über unsere Lebensgeschichte entscheiden. Gott traut uns zu, dass wir unser Leben gestalten. Diese Gestaltung soll aber berücksichtigen, dass das geschenkte Leben unser höchstes Gut ist und wir verantwortlich und behutsam damit umgehen sollen.

katholisch.de: Was heißt das konkret?

Lob-Hüdepohl: Wenn sich ein Krebspatient gegen Chemotherapien entscheidet, weil er seine letzten Jahre nicht in Krankenhäusern, sondern mit seiner Familie verbringen will, geht er verantwortlich mit seinem Leben um. Möglicherweise verkürzt er es um einige Jahre, tut das jedoch bewusst, um in der Zeit, die ihm bleibt, mehr Lebensqualität zu erreichen. Beim Freitod ist das etwas anderes, obwohl man da sehr vorsichtig urteilen sollte. Der selbst gewählte Tod steht ja oftmals am Ende eines äußerst schwierigen Entscheidungsprozesses. Dennoch ist die Selbsttötung oder das Verlangen, dass ein anderer beim Suizid hilft, aus christlicher Sicht ein Verstoß gegen das geschenkte Leben.

katholisch.de: Gibt es auch Grenzen der passiven Sterbehilfe?

Lob-Hüdepohl: Passive Sterbehilfe bezieht sich klar auf Situationen, in denen ein Mensch stirbt, also in denen es keine Hoffnung auf ein Überleben gibt. Immer wieder in der Diskussion ist der Umgang mit schwer demenzkranken Menschen oder Wachkoma-Patienten. Viele Politiker befürworten, dass hier Patientenverfügungen greifen sollen, die einen Abbruch von lebenserhaltenden Maßnahmen vorsehen. Das ZdK wendet sich entschieden dagegen. Menschen, die im Wachkoma liegen oder unter starker Demenz leiden, sind mehrfach schwerstbehindert – da gibt es nichts zu beschönigen. Sie sind aber keine Sterbenden. Würde man ihnen die lebensnotwendige Pflege versagen, wäre damit die Grenze zur aktiven Sterbehilfe überschritten.

"Wir Menschen sollen und müssen selbstbestimmt über unsere Lebensgeschichte entscheiden."

katholisch.de: Was sagen die Debatten um Sterbehilfe über unsere Gesellschaft aus?

Lob-Hüdepohl: Was uns heute fehlt, ist eine umfassende Sterbekultur. Es wird immer noch verdrängt, dass Sterben ein sozialer Prozess ist und von Sterbenden ganz bewusst durchlebt wird. Nicht nur im Sinne eines Leidens, sondern auch im positiven Sinne wie etwa in Hospizen, wo man mit seinem Leben abschließen kann. Forschungsergebnisse zeigen eindeutig: Menschen wollen an einem vertrauten Ort sterben ohne Schmerzen und Leid. Sie möchten nicht einsam sterben, sondern die Nähe anderer Menschen verspüren und mit ihnen kommunizieren.

katholisch.de: Wie hat sich der Umgang mit dem Sterben bis heute entwickelt?

Lob-Hüdepohl: Sterben und Tod galten früher als Schicksal, dem sich die Menschen ergaben und das sie mit feierlichen Ritualen begleiteten. Aus der Schicksalsergebenheit entwickelte sich nach und nach eine Machbarkeitskultur. Es galt alles rund um Sterben und Tod zu managen und präzise zu planen. Heute kommen wir in eine Phase, in der wir unser Lebensende mehr gestalten wollen. Wir versuchen, einen Rahmen zu schaffen, in dem uns das Schicksal des Todes dann ereilen kann.

katholisch.de: In welche Richtung sollte es Ihrer Meinung nach weitergehen?

Lob-Hüdepohl: Ich würde mir wünschen, dass wir noch besser lernen, das Sterben zu gestalten. Deshalb ist es wichtig, Sterbebegleitung und Palliativmedizin – also Therapien nur dazu dienen Schmerzen zu lindern - auszubauen. Es müsste viel mehr investiert werden, um eine wirkliche Sterbekultur zu entwickeln. Wobei sich in den letzten Jahren schon einiges verändert hat. So arbeiten alleine in Deutschland 90.000 Menschen ehrenamtlich in der ambulanten Hospizarbeit und es werden von Jahr zu Jahr mehr.

Das Interview führte Janina Mogendorf
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