"Soll der ärztlich assistierte Suizid legalisiert werden?"

Erzbischof Becker äußert sich zur Sterbehilfe und spricht über die Würde des Menschen
Die Antwort aus christlicher Sicht auf diese Frage kann nur lauten: Nein! Wir können der Vergänglichkeit und Endlichkeit des irdischen Lebens zwar nicht ausweichen, aber wir dürfen sie auch nicht in dem beschleunigenden Sinne herbeiführen, dass wir uns selbst zu Herren über Leben und Tod erheben. Mit der Forderung nach einem ärztlich begleiteten Suizid stehen wir vor einem Kulturbruch ähnlich dem, den unsere Gesellschaft in den gesetzlichen Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch erlitten hat. Die Würde des Menschen am Beginn und am Ende seines Lebens - und zwar bis hinein in die Sterbestunde - ist unantastbar.Für mich steht deshalb fest: Jeder Suizid, auch die Beihilfe zum Suizid, stellt nicht nur eine Entwertung des menschlichen Lebens dar, sondern ist auch ein Angriff auf die unveräußerliche Würde des Menschen! Denn Christen glauben: Gott ist als der Schöpfer und Erhalter des Lebens ein verlässlicher Freund der Menschen. Er steht dem Menschen in allen Situationen seines Lebens ohne Wenn und Aber bei, auch im Sterben!
Der angesichts der Not des Sterbens aufkommende Ruf nach Zyankali geht zurück, ja verschwindet bei einer guten Palliativmedizin, bei einer intensiven Pflege und Begleitung durch Ärzte, Krankenpfleger und Angehörige. Selbsternannte Sterbehelfer hingegen haben nur dort eine Chance, wo Kranke und Sterbende an einer fehlenden begleitenden Annahme und einer ausbleibenden lebendigen Mit-Sorge verzweifeln. Nicht Hilfe zum Sterben, sondern Hilfe im Sterben sind wir den Kranken und Leidenden schuldig. Ist diese Hilfe vorhanden, kann Selbstbestimmung bis zuletzt gelebt werden, wie wir es etwa in der Krankheit und beim Sterben Papst Johannes Pauls II. mit erleben konnten.
Makabre Diskussionen
Das Einklagen des vermeintlich selbst bestimmten Todes, die dabei zu beobachten Winkelzüge, um juristisch nicht belangt zu werden, die makabren Diskussionen über Todesanlässe und Todesmöglichkeiten stellen die unseren christlichen Glauben und übrigens auch unser Grundgesetz (!) tragenden ethischen Fundamente in Frage.
Wir müssen uns angesichts dieser Problematik der Herausforderung stellen, wie wir in Zukunft miteinander umgehen wollen. Die Familienstrukturen haben sich geändert. Die Pflege im Krankheits- und Sterbeprozess ist schwieriger geworden. Die Entscheidungen am Lebensende gestalten sich angesichts der medizintechnischen Möglichkeiten zunehmend komplex. Ein noch professionelleres Bemühen um effektive Schmerzlinderung ist nötig - und auch der Sprung der Palliativmedizin vom Hospiz in die Hauspraxis. Aber auch eine intensive Sterbebegleitung, die Kraft, Trost und Hoffnung aus dem Glauben einschließt, ist vonnöten.
An dieser Stelle sehe ich wichtige christliche Tugenden gegen den aktuellen Ausverkauf des Todes, die - anders als 'Dignitas' und 'Dignitate' - ehrlich und glaubwürdig mit der Begrenztheit menschlichen Lebens umgehen!
