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Schwäbische Kalender-Girls

Johanna Müller als
© Georg Hieber / artblow
Elegant und sexy mit 88 Jahren: Johanna Müller zeigt ein bisschen Haut.

Seniorinnen über 70 Jahre posieren für Kalender der Caritas

Johanna Müller zeigt was sie hat. Im schulterfreien Charleston-Kleid, mit Perlenkette und Feder im Haar sitzt sie wie eine "Grande Dame" auf einem Stuhl mit Seidenüberwurf. Sie raucht eine Zigarette mit langer Zigarettenspitze. Wie zufällig ist der Rocksaum über die Knie gerutscht und offenbart ihre schwarzen Nylon-Strümpfe. Die 88-Jährige ist das "November-Girl" des Albertinum-Kalenders 2009.

Den Einfall für das ungewöhnliche Projekt hatte Seniorenbetreuer Georg Hieber. "Meine Kollegin fragte mich, ob ich den Film 'Kalender-Girls' kenne", erzählt der Hobbyfotograf. Er wusste, dass in dem Film Seniorinnen für einen Kalender die Hüllen fallen lassen. Warum nicht auch in abgemilderter Variante im "Albertinum"? Eine super Idee, wie beide fanden. Ähnlich wie im Hollywood-Film sollte ein Kalender der besonderen Art entstehen: Mit reifen Bewohnerinnen, die ein bisschen Haut zeigen. Zunächst wurden lediglich 50 Exemplare zum zehnjährigen Jubiläum der Caritas-Wohnanlage gedruckt. Keiner hatte mit einem deutschlandweiten Medienrummel gerechnet, der immer noch anhält.

Stille im Café

Zunächst hatten die Rentnerinnen noch nichts von Hiebers textilarmen Plänen geahnt. Bei der Vorstellung des Projektes hielt sich die Begeisterung im ersten Moment in Grenzen. "Es herrschte schlagartig Stille im Café", erinnert sich der Sozialpädagoge und Fotograf an die Situation. "Zuerst war ich nicht so begeistert. Aber wir sind eine Gemeinschaft und dann macht man eben mit", erklärt Johanna Müller. Zusammen mit zehn weiteren Seniorinnen meldete sie sich letztendlich für das Fotoshooting.

Marie Schild als
© Georg Hieber / artblow
Eine echte Wasserratte: Marie Schild war es, die die restlichen Albertinerinnen zum Mitmachen bewegte.

Marie Schild war sofort Feuer und Flamme für das Projekt. Für die Juni-"Badenixe" im schwarzen Einteiler wurde bei den Fotoaufnahmen extra eine Sitzhilfe in die Zinkwanne gestellt. Die 87-Jährige fühlte sich ganz in ihrem Element und flachste gut gelaunt mit dem Team. "Ich würde das heute wieder machen", sagt sie und strahlt begeistert.

Auch "Frau Charleston" ist stolz auf den Kalender. "Wir sind zwar alte Weiber, aber wir haben das mit Humor gemacht", sagt sie augenzwinkernd. Die elf reifen Models sind zwar im Durchschnitt 79 Jahre alt, aber von Komplexen keine Spur. "Ich weiß, dass ich füllig bin, dazu stehe ich", sagt "Ordnerdame" Irmgard Czech selbstbewusst. Und Maria Schild ergänzt: "Wenn ich mir so manch jüngere Frauen anschaue, sind wir hingegen richtig schön."

Fotoshooting mit Spaßfaktor

Bei den Fotoaufnahmen posierten die charmanten Girls einzeln in Situationen aus ihrem Lebensalltag. Else Richter sitzt als "Miss Januar" mit Strickzeug im Sessel, da sie ein Talent für Mützen und Schals hat. Ruth Herrmann hilft gelegentlich ehrenamtlich im Seniorencafé "Sonnenblume" aus. Deshalb genießt sie als "Miss August" inmitten von Stroh und Sonnenblumen ihren Nachmittags-Kaffee und strahlt ihrem Betrachter entgegen.

Kalenderblatt Dezember der
© Georg Hieber / artblow
Trotz Gipsarm zeigten sie alle mutig ihren Sexappeal beim finalen Gruppenfoto.

Mehr und mehr verloren die Mannequins ihre Scheu vor der Kamera. Die größte Gaudi hatten die freizügigen Damen schließlich beim gemeinsamen Abschlussfoto für das Dezemberblatt -  nur in Unterwäsche und mit Weihnachtszipfelmütze. Da rutschten die Träger der Spitzenhemdchen leicht ein wenig tiefer über die Schulter und der Unterrock ein bisschen höher. "Das war ein Gegacker wie im Hühnerstall, als ich in den Raum zum Fotografieren kam", erinnert sich Hieber immer noch verwundert.

Und nicht nur die Seniorinnen hatten Spaß. Der Fotograf und seine beiden Asisstentinnen investierten gerne viele freie Stunden in das Projekt. "Da ist sehr viel Idealismus dabei", erklärt Hieber die große Motivation des Teams. Ohne die Mithilfe seiner Kolleginnen wäre es nicht gegangen: Erika Kühner schminkte die Models, Petra Daumann besorgte die Requisiten. Kleidungsstücke wie Röcke und Hosen kamen aus dem Fundus von Freunden und Bekannten. Da wurde ein Hochzeitsunterrock verliehen oder kurzerhand bestickte Bettlaken zum Rock umfunktioniert. "Man wird erfinderisch", sagt die Requisiteurin und schmunzelt.

Else Richter, Johanna Müller und Ruth Herrmann (v.l.n.r.)
© katholisch.de
Else Richter, Johanna Müller und Ruth Herrmann (v.l.).

Jedes Bild zeigt die Lebenslust, die die elf Bewohnerinnen der Caritas-Wohnanlage verbindet. Wenn die Frauen nicht vor der Kamera stehen, verbringen sie die Tage in ihren Appartements mit stricken oder kochen - oder sie treffen sich zum Plaudern im Seniorencafé. Mit Spaziergängen und Gymnastik halten sich die rüstigen Rentnerinnen fit und für die geistige Fitness lesen sie Zeitung oder ein gutes Buch zu entspannender Musik. "Wer rastet der rostet", bringt es "Miss August" Ruth Herrmann auf den Punkt.

Medienrummel nimmt nicht ab

So sehen das auch die männlichen Bewohner des Albertinums. Ihre Reaktionen auf den Kalender waren zunächst eher verhalten. Trotzdem sprachen sie den reifen Damen ihre Bewunderung für deren Mut aus und scheinen nun recht angetan von dem Ergebnis. Wie aus sicherer Quelle zu erfahren war, werden ab Januar 2009  nicht nur Kalender an der Wand einiger Herren hängen, sondern auch in einer Zahnarztpraxis in Neu-Ulm.

Marie Schild, Irmgard Czech und Helga Boldin (v.l.n.r.)
© katholisch.de
Die Models im Alltag: Marie Schild, Irmgard Czech und Helga Boldin (v.l.).

Und mehr noch, der Erfolg des besonderen Kalenders geht mittlerweile weit über die Ulmer Stadtgrenzen hinaus. Bereits in der zweiten Auflage ziehen die Bilder der Albertinum-Mädels immer weitere Kreise. Schon bis Afrika und Amerika wurden einige Exemplare verschickt. "Mit so einem Medienrummel haben wir nicht gerechnet", platzt es aus "Stricklisl" Else Richter heraus. Ihr Enkel rief sie eines Morgens an und sagte begeistert: "Oma, du bist in der Zeitung!" Verwandte und Freunde sind stolz auf die fotogene Oma und Uroma.

Junge Playboy-Models begründen ihren Job in vielen Interviews damit, dass sie ihre freizügigen Bilder später einmal stolz ihren Enkeln zeigen wollen – ganz nach dem Motto: "Schau mal, so knackig war deine Großmutter in jungen Jahren." Bei den Albertinum-Models ist es anders: Sie können mit Stolz ihren Urenkeln zeigen, wie attraktiv und elegant sie noch im hohen Alter sind. Trotz der zahlreichen und ermüdenden Interviews in Lokalpresse, Rundfunk, Fernsehen – sie sind die Alten geblieben: humorvoll, energiegeladen und lebensfroh.
Von Saskia Gamradt
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