Reiten gegen den Schmerz

Auf unterschiedliche Art hilft das Projekt "Alles ist anders" bei der Trauer bewältigung
Freiburg - Benjamin* geht mit Freunden zum Klettern. Isabell sucht Trost auf dem Rücken eines Pferdes, Nina malt sich ihren Kummer von der Seele, und Felix findet im Chatroom Jugendliche, die wie er vor lauter Trauer nicht mehr ein noch aus wissen. All dies ermöglicht das Projekt "Alles ist anders" unter Trägerschaft des Caritasverbandes Freiburg Stadt und des Diakonischen Werks Freiburg. Benjamin ist mit seinem Papa öfter zum Klettern in die Berge gefahren. Nun ist der Vater tot. Er erlag vor fünf Monaten einem Herzinfarkt. Für den Dreizehnjährigen brach eine Welt zusammen. Er zog sich immer mehr zurück, ließ niemanden an sich heran. Hilfe fand der Junge schließlich in der Klettergruppe des Projekts "Alles ist anders".
Tod und Trauer passen nicht in den Alltag von Jugendlichen. Erwachsene hingegen, vor allem ältere Menschen, stoßen im Alltag immer wieder auf Leidensgefährten. Die Witwe, die das Grab ihres Mannes pflegt, kommt auf dem Friedhof mit anderen Frauen im Gespräch, die ebenfalls um ihre verstorbenen Männer trauern. Das macht Mut und zeigt Wege, wie es weitergehen kann. Die eine lernt von den Erfahrungen der anderen. "Jugendliche haben das nicht", sagt Ulrike Bilger. "Hier bei uns stellen sie fest: Den anderen geht es wie mir. Sie checken genau ab, wer ihnen gut tut und wer mit ihnen so umgeht, wie sie es brauchen. So können sie endlich mal ihre Gefühle benennen. In der Schule oder Jugendgruppe tun sie das nicht. Da geben sie sich cool, damit ja niemand merkt, wie es in ihnen aussieht."
Für künstlerische Angebote erwärmen sich eher Mädchen. Besonders beeindruckt war Ulrike Bilger von der vierzehnjährigen Nina. "Sie malte ein halbes Jahr lang an einem großen Bild ihres verstorbenen Vaters", erzählt sie. "Zuerst hatte der Vater auf dem Bild die Augen offen. Kurz bevor sie das Bild zum Abschluss brachte, schloss Nina die Augen des Vaters mit Farbe zu. Dies zeigte mir, wie sie beim Malen den Sterbeprozess verarbeitet hatte."
Ulrike Bilger erzählt auch von Isabell, acht Jahre: "Seit dem Tod ihrer Mama hatte sie das Lachen verlernt. Ich empfahl heilpädagogisches Reiten. Auf dem Rücken eines Pferdes fühlen Kinder sich geborgen und getragen. Die Wärme des Pferdekörpers tut ihnen gut. Hier finden sie auch ihre Balance wieder und das Vertrauen darin, dass sie sich noch halten können, auch wenn in ihrem Leben alles aus dem Gleichgewicht geraten ist." Sie zeigt ein Foto: Isabell sitzt verkehrt herum auf einem Islandpony. Ihren Kopf hat sie auf das Hinterteil des Ponys gelegt. Isabells Augen sind geschlossen, und sie lächelt...
"Ältere Jugendliche und junge Erwachsene nehmen Gruppenangebote eher zögerlich an", stellt Ulrike Bilger immer wieder fest. So entstand die Idee, auf der Homepage von "Alles ist anders" einen Chatroom einzurichten. Er wird seither rege genutzt. Einmal wöchentlich tauschen sich hier junge Leute aus, schreiben sich den Kummer von der Seele und fassen neuen Mut, wenn sie Antworten von selber Betroffenen und von Betreuern erhalten. Für verstorbene Angehörige, um die sie trauern, können sie auf der "Remember"-Seite der Internetplattform von "Alles ist anders" ein Denkmal setzen. Und einmal im Jahr wird ein großes Chatter-Treffen organisiert.*Die Namen der Kinder wurden geändert.
