Keine Berührungsängste zu Glaube und Religion

Erzbischof Zollitsch zu Kunst, Kultur und Kirche
Begrüßungsansprache von Erzbischof Robert Zollitsch anlässlich der sechsten Verleihung des „Kunst- und Kultur-preises der deutschen Katholiken“ am 15. November 2008 im Unesco-Weltkulturerbe Zeche Zollverein Essen:Zu Beginn dieser feierlichen Stunde Ihnen allen ein herzliches „Grüß Gott“, das ich auch im Namen des Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Herrn Professor Dr. Hans Joachim Meyer, entbiete, mit dem ich gemeinsam den „Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken verleihen darf.
Verehrte Festgäste!
Immer wieder hört man die Klage, es gebe heute keine großen Theaterautoren mehr. Wir belegen hier das Gegenteil. Die Reihe von Ausnahme-Dramatikern wird kongenial fortgesetzt durch unsere Preisträger. Begrüßen Sie mit mir voller Anerkennung und Herzlichkeit zwei herausragende Dramatiker unserer Zeit: Ursula Ehler-Dorst und Professor Tankred Dorst!
Der „Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken“ würdigt musisch-ästhetische Exzellenz, die zur Kultur aus christlichen Wurzeln anschlussfähig ist und zugleich fremdprophetisch wirkt. Mit „Fremdprophetie“ meine ich Anstöße durch soziale Haltungen, sinnbezogene Entwürfe und Neuformulierungen symbolischer Repräsentation, die im Wortsinn zur „Wahr-Nehmung“ und zur kritischen Unterscheidung der Geister herausfordern. Manche „Prophetien“ mögen uns zunächst fremd und anstößig erscheinen; Kirche kann sie nicht vereinnahmen.
Aber die Kirche hat Erfahrung mit Denk-Anstößen: ER, der sich selbst als Eckstein bezeichnet hat, spricht eine Botschaft, die anecken will und muss. Eine Ästhetik, an der man Denk-Anstoß nimmt, kann sich als bereichernd und erfrischend für Glaube und Kirche erweisen. Ein besonders reizvolles Feld sind künstlerische Anstöße. Indes: Nicht jede Sinnfrage ist schon Religion. Insofern meint künstlerische „Fremdprophetie“ eine Nachbarschaft von Kirche und Kunst, die keine Identität vorgibt, aber dennoch bei manch bleibender Fremdheit inspiratorisch wirkt.
Bislang haben wir unseren Kulturpreis in den Sparten Epik, Architektur, Musik, Film und Bildende Kunst vergeben; zuletzt im Jahr 2004 an Gerhard Richter. Mit der heutigen Vergabe in der Sparte Drama schließt sich der Kreis der klassischen sechs Kultursparten. Dass wir die Dramatik so lange aufgeschoben haben, mag Zufall sein. Vielleicht aber liegt es an der zuweilen auch ambivalenten Haltung der Kirche zum Theater durch die Jahrhunderte. Dies hat natürlich seine Gründe in der frühen Geschichte von Christentum und Kirche: Die Stichworte ‚Nähe des antiken Theaters zum heidnischen Kult’ und ‚Schauspiel mit Christen als „unfreiwilligen Darstellern“ in römischen Arenen’, auf das auch Paulus im ersten Korintherbrief Bezug nimmt, sollen das hier nur streiflichtartig andeuten.
Obgleich also früher das weltliche Theater mit seinen Stoffen und Inszenierungen nur im Randbereich kirchlicher Wahrnehmung lag, wurden szenische Darstellungen in der Liturgie und auch zur Stützung der Verkündigung doch spätestens im Barock zu wichtigen kirchlichen Aktionsfeldern. Exemplarisch nenne ich hier nur die Passionsspiele und das Jesuitentheater.
Von früheren wechselseitigen Unterstellungen zwischen Theater und Kirche ist seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert nichts mehr zu spüren. Vereinzelte Reibungen ergeben sich heute – wenn überhaupt – nicht aufgrund des Mediums „Theater“ an sich; eher durch Stoffe und Sujets. Aber Reibung erzeugt ja bekanntlich Wärme und die ist keine schlechte Ausgangsbasis für den Dialog von Kirche und Theater. Aus katholischen Schulen, Hochschulgemeinden und Akademikerverbänden ist jedenfalls das Theater gar nicht wegzudenken. Und wie sieht es in der außerkirchlichen professionellen Theaterlandschaft aus?
Viele Dramatiker und Regisseure haben heute gar keine Berührungsängste zu Glaube und Religion: Religiös aufgeladene Neuinszenierungen und sakrale Umdeutungen bekannter Repertoire-Stücke, Revitalisierung vergessener Klassiker religiösen Theaters sowie Uraufführungen neuer Stücke, die christliche Sujets ganz unverhohlen affirmativ aufgreifen, prägen die Spielpläne. Das ist nicht erstaunlich, denn Theater und Religion haben eine große thematische Schnittmenge. Gefragt, welches Buch ihn am meisten beeinflusst habe, antwortete Bertolt Brecht: „Sie werden lachen, die Bibel.“ Und um eine aktuelle Stimme des Theaters aufzuführen, zitiere ich noch Wolfgang Khuon: „Religion und Theater kreisen um die existentiellen Fragen des Menschen. Sie behandeln auch sein Streben nach Transzendenz, also den Wunsch, über sich selbst hinauszugehen. Wir sind sicher keine Hilfskraft der Religion oder gar der Kirche, sondern eher kritische Begleiter. Kirche und Theater müssen aufeinander zugehen.“
Beides, die existenziellen Fragen ebenso wie das Streben nach Transzendenz, kommt im dramatischen Werk von Ursula Ehler-Dorst und Tankred Dorst auf berührende Weise vor. Daher haben Präsident Professor Hans Joachim Meyer und ich dem Votum der Preisjury aus vollstem Herzen zugestimmt. Ich darf bei dieser Gelegenheit den Juroren ganz herzlich für ihren fachlichen Rat danken: Herrn Professor Wolfgang Frühwald als dem Moderator der Jury sowie den Herren Professoren Dieter Borchmeyer, Hellmuth Matiasek und Thomas Sternberg. Bei der Jurorin Frau Professorin Gabriele Brandstetter bedanke ich mich zusätzlich für die Übernahme der Laudatio. Wir sind gespannt auf Ihre Würdigung der Preisträger.
Wir haben als Ort der Preisverleihung mit Bedacht das Unesco-Weltkulturerbe Zeche Zollverein ausgesucht. Es markiert den geglückten Wandel von der Industrie-Struktur zur Industrie-Kultur. In der Ruhrregion sind bedeutende, traditionsreiche Schauspielhäuser zu Hause. Zudem ist Essen im Jahr 2010 Kulturhauptstadt Europas und unser Festakt wird umrahmt von Essener Philharmonikern, die zum „Orchester des Jahres 2008“ gekürt wurden. In diesem Ambiente geballter Kultur fühlt sich die katholische Kirche wohl, weil sie selbst eine ebenso traditionsreiche wie innovative Kulturträgerin ist. Kultur-Engagement macht Freude. Das dürfen wir heute hier gemeinsam erleben.
Erzbischof Robert Zollitsch
