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Dialog als schöpferisches Prinzip

Gabriele Brandstetter
© DBK

Laudatio von Theaterwissen- schaftlerin Gabriele Brandstetter

Laudatio anlässlich der sechsten Verleihung des „Kunst- und Kulturpreises der deutschen Katholiken" am 15. November 2008 im Unesco-Weltkulturerbe Zeche Zollverein Essen:

Sehr geehrter Herr Erzbischof Zollitsch, sehr geehrter Herr Professor Meyer, verehrte liebe Frau Ehler-Dorst, sehr geehrter, lieber Herr Dorst, liebe Kollegen Juroren – meine Damen und Herren!

Es ist in der Geschichte der Verleihung von Kunstpreisen ein eher ungewöhnliches Ereignis: Dass ein Autoren-Paar ausgezeichnet wird, wie heute Tankred Dorst und Ursula Ehler mit dem „Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken". Beide haben unser Theater mit ihren Stücken seit mehr als 40 Jahren, seit Beginn ihrer Zusammenarbeit Anfang der 70er Jahre, bereichert und geprägt. Sie widerlegen die Rede vom Verschwinden des Autors und den Diskurs von der Autorschaft als Funktion in produktiver und lebendiger Weise, in einer Doppel-Autorschaft.

Tankred Dorst, der vom Theater und der Literatur her kommt; Ursula Ehler, die aus ihrem Gebiet der Bildhauerei den Sinn für das Bildhafte und Plastische des Theaters mitbringt. „Wir sind ein endloses Gespräch", sagen sie von sich und ihrer Arbeit. „Wir reden und werfen uns die Bälle zu." In einem Interview erläutern sie den Dialog als ihre Schöpfungs-Dramaturgie: „Ich erfinde bzw. finde Figuren", sagt Dorst, „Ursula findet Figuren; wir mischen sie, mehrere Figuren in eine, und lassen sie aufeinander treffen, und so schafft man mit den Stücken die Schöpfung gewissermaßen noch einmal neu."

Lange bevor Dorst mit Ursula Ehler in diesen produktiven Dialog eintrat, antizipierte er in einem Stück bereits die realitätsstiftende Kraft der Rede zwischen Frau und Mann. In der Parabel „Große Schmährede an der Stadtmauer" (1961) klagt eine junge chinesische Fischersfrau gegen die kriegerische männliche Ordnung der Welt. Sie steht am Fuß der Mauer und fordert vom Kaiser ihren Mann, der als Soldat eingezogen wurde, zurück.

Endlich findet sie Gehör; doch ein fremder Soldat erscheint auf der Mauer, und die Erfüllung ihres Wunsches wird an eine Bedingung geknüpft: Frau und Mann müssen beweisen, dass sie zusammengehören. In einem tastenden Gespräch erfinden beide ihre Geschichte neu; sie erfinden sich als Mann und Frau. Im Stück scheitert dieser Versuch zuletzt doch; im Leben und im Schreiben von Dorst/Ehler ist der Dialog schöpferisches Prinzip und dramaturgische Basis ihrer Stücke.

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Die vollständige Laudatio können Sie über den unten stehenden Link abrufen.

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