Keine gemütliche Häkelarbeit

Das Ehepaar Dorst über seine fruchtbare Zusammenarbeit
Dankesrede von Tankred Dorst und Ursula Ehler-Dorst anlässlich der sechsten Verleihung des "Kunst- und Kulturpreises der deutschen Katholiken" am 15. November 2008 im Unesco-Weltkulturerbe Zeche Zollverein Essen:Tankred Dorst
"Ich frage mich: Was treibt mich mein ganzes Leben dazu, die menschlichen Verhältnisse in Theaterstücken darzustellen, zu reflektieren. In früher Jugend habe ich schon begonnen, dramatische Szenen zu schreiben, ich hatte wohl damals die hybride Vorstellung, der Dramatiker schreibt und erfindet die Schöpfung noch einmal. Er bewegt seine erfundenen Figuren wie es ihm gefällt, wie sie ihm erklärbar scheinen. Das wollte ich tun, aber ich geriet in Konflikt. In einer Zeit aufgewachsen, die verunstaltet war von Krieg und Verbrechen, hat mich die Unruhe über die unbegreiflichen Widersprüche der menschlichen Natur nie verlassen. Ist der Mensch gut, ist er böse?
Die Psychologie will von Moral dieser Art nichts wissen, die Soziologie verengt mir den Blick, Ideologien reden das gute bös und das Böse gut, zum Verstehen reicht keine Wissenschaft aus. Was bewegt die Menschen in ihrer kurzen Zeit? Denken sie an den Tod? Werden sie immer wieder erfasst von einer großen Phantasiebewegung, die sie wie eine Riesenwelle hoch hebt und sie in den Abgrund reißt? Die Taten und Untaten der Menschen bleiben rätselhaft, ich denke, dieses Grundgefühl teilt sich unausgesprochen in fast allen meinen Stücken mit.
Zu Hause haben wir einen alten Apothekerschrank stehen, einen Schrank mit vielen Schubladen, dreißig sind es oder mehr. Einige strömen immer noch einen leicht bitter-scharfen Arzneimittelgeruch aus, wenn man sie öffnet. In diesen Schubladen sammeln wir Materialien für unsere Stücke und Projekte – ein Versuch, das Chaos zu ordnen. Jedes Projekt hat eine eigene Schublade.
So finden sich beschriebene Blätter, Notizen, Fotos, Dialogstücke, Skizzen, manche Schubladen füllen sich allmählich auf mit Geschichten, die noch zu schreiben sind, in anderen bleiben ein paar Seiten mit verblassender Maschinenschrift und ein einziges Foto unbeachtet liegen, jahrelang. Ich bin mit meiner Arbeit, die inzwischen unsere Arbeit geworden ist, noch nicht zu Ende gekommen. Wenn mich jemand fragen würde: Warum musst du diese Stücke immer noch schreiben?, würde ich antworten: Wer schriebe sie sonst?"
Ursula Ehler-Dorst
"Ich freue mich, dass der Kunst- und Kulturpreis der Deutschen Katholiken uns beiden gemeinsam gilt und bedanke mich herzlich für die Auszeichnung. Ich betrachte es als unbegreiflich glückliche Fügung, dass sich unser Leben seit so vielen Jahren mit der Arbeit verschränkt hat.
In meinen frühen Jahren hatte ich keineswegs die Absicht, zu schreiben. Ich wollte malen und plastisch gestalten, habe auch Bildhauerei in München studiert. In dieser Zeit, in der mein Leben noch keinen eindeutigen Umriss hatte, lernte ich durch Zufall Tankred Dorst kennen, der sich damals gerade mit dem Dichter Ernst Toller und seiner Rolle in der Bayerischen Räterepublik beschäftigte. Er erzählte mir davon. Ich konnte und wollte nicht ahnen, dass aus dieser Begegnung schließlich eine große Nähe entstand, ein Gespinst aus Leben und Arbeit, in dem wir uns immer noch bewegen.
Zu Anfang war es wohl seine Absicht, durch unser Gespräch seine Einfälle, Pläne, Szenenentwürfe auszuprobieren. Dass es ohne Furcht vor Einmischung geschah, hat mich erstaunt und beglückt. Mit der Zeit stellte ich fest, dass ich eigene Erfindungen machte, in diesen Phantasiegerüsten Einbauten unterbringen konnte, die dem Gebäude nützen, es gelegentlich auch schmücken konnten, ich schmuggelte manchmal andere Bewohner ein.
Es stellte sich heraus, dass unser künstlerisches Interesse, unsere Ansichten über die Welt gleichartig genug waren und sind, um Stoffe, Geschichten gemeinsam aufzugreifen und verschiedenartig genug, um Spannung und Auseinandersetzung lebendig zu erhalten. Es ist keine gemütliche Häkelarbeit, es wird gestritten und gefeilscht, verworfen und doch wieder neu begonnen. Beängstigend ist das manchmal und riskant, aber es ist mein Leben."
Tankred Dorst und Ursula Ehler-Dorst
