Noch nicht vollendetes Lebenswerk

Auszeichnung für das Dramatiker-Ehepaar Dorst
Tankred Dorst und Ursula Ehler sind unter den Lebenden die vermutlich bekanntesten und produktivsten Theaterautoren Deutschlands, die unermüdlich – und seit fast 40 Jahren gemeinsam – ein Theaterstück nach dem anderen, Filmskripte, Fernsehspiele, Erzählungen und anderes vorlegen und auch heute kreativ literarisch tätig sind. „Unser Leben ist ein Gespräch“, so hat Tankred Dorst seine Zusammenarbeit mit Ursula Ehler gekennzeichnet anlässlich einer Lesung am 28. April 2005 am Landestheater Coburg. Ursula Ehler beschrieb dabei ihre Rolle in diesem Schaffensprozess „eher widerwillig, aber humorvoll als eine Art Kontrollinstanz im tagtäglichen Kommunikationsprozess“, in dem die gemeinsamen Texte entstehen.Er setze sich ungern alleine an den Schreibtisch, meinte Dorst, und die Presse schrieb dazu, er sei ein Autor, der „so gar nicht das Klischee des Starautors bedient. Und [Ursula Ehler sei] eine Koautorin, die ihre aktive Rolle im Schatten des namhaften Partners mit Selbstbewusstsein füllt und keineswegs den Status ‚Muse’ akzeptiert“. Da Dorst und Ehler seit dem Szenarium „Sand“ (1971) zusammenarbeiten, gelten die nachfolgend angeführten Themen- und Formhinweise ab diesem Zeitpunkt für den Autor Dorst ebenso wie für seine „Kontrollinstanz“ Ursula Ehler.
Tankred Dorst, der seine literarische Laufbahn als Verfasser von Texten für das studentische Marionettentheater „Das kleine Spiel“ in München (1951) begonnen hat, schrieb seit 1960 mehr als 40 Theaterstücke, Libretti, Filmskripte und Prosatexte. Begonnen hat er mit gesellschaftskritischen und dokumentaristischen Stücken (in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur Peter Zadek), die ihm in den sechziger Jahren den Vorwurf der zu großen Zeitnähe einbrachten.
Doch ging es ihm schon damals eben nicht um politischen Aktivismus, zum Beispiel um die Propagierung oder die Ablehnung einer Räterepublik, sondern um „die Wahrheit einer Person“, um das tragische Scheitern des ethischen Sozialisten (Ernst Toller) im Gefüge der Machtpolitik. Es scheint, als sei die enge Zusammenarbeit mit Peter Zadek (als dessen Hausautor am Schauspielhaus in Bochum) nicht nur daran gescheitert, dass Zadek schon beim jeweiligen Entwurf der ersten Szenen eines Stückes an dessen theatrale Wirkung und Umsetzung gedacht hat, sondern vor allem an der grundlegenden Differenz zwischen dem an Person und Individualität interessierten Autor und dem an Strukturen und Kollektiv eines, in der Nachfolge Piscators, politisch interessierten Regisseurs.
Die Verbindung, die Tankred Dorst (1970/71) mit Ursula Ehler eingegangen ist, privat und in der dramatischen Produktion, hat auch seinen Werkstil verändert, ihn gleichsam zu sich selbst befreit. Nun bekannte er sich offen zu seinen Vorbildern Dostojewski, Tschechow, zu Calderón und zu den Märchen der Brüder Grimm, schrieb (seit 1982) auch Stücke für Kinder und (wieder zusammen mit Ursula Ehler) in Prosa die Geschichte seiner Kindheit und Jugend (Dorothea Merz, 1976, Klaras Mutter, 1978, Die Reise nach Stettin, 1984). In der Reise nach Stettin schon diskutieren junge Menschen am Beispiel eines Rilke-Gedichts religiöse Lyrik, auch wenn sie dabei kritisch den christlich-bürgerlichen Umgang mit Gott bedenken.
Den sichtbaren Wandel in Dorsts Oeuvre markiert vermutlich das Stück Merlin oder das wüste Land (1981), in dem er die mit Toller, Hamsun, Goncourt, d’Annunzio u.a. erarbeiteten Künstlerdramen ins Typische hinein erweitert. Nun wurde auch jenes Kindheitserlebnis sichtbar, das von einer Radierung Maximilian Klingers in Dorsts Elternhaus („Die Vertreibung aus dem Paradies“) ausgegangen ist und die Erde als „das wüste Land“, als ein „verlorenes Paradies“ versteht. In dieses wüste Land (von Hass und Zorn, von Grausamkeit und Todesschrecken umfangen) setzt die Kunst immer wieder Spuren der Schönheit und der Güte.
Doch wie auf einem Palimpsest erscheint unter diesen Spuren die archaische und gefallene Menschennatur, erscheint der „von Gott verlassene Stoff der Welt“, in dessen Finsternis kein Ton und kein Bild der Erlösung dringt. Es ist, als könnten Kunst und Kultur und Zivilisation dieses Palimpsest nur oberflächlich überschreiben, als quelle das archaisch-bittere Uralphabet an allen Stellen (das heißt in allen Situationen menschlichen Daseins) unter der transparenten Schrift von Kunst und Kultur hervor.
Das ist es, was Ursula Ehler und Tankred Dorst zu schreiben versuchen, in immer neuem Versuch, exemplifiziert an immer neuen Stoffen und in immer neuen Formen: das thematisch immer gleiche Stück vom Dasein des Menschen auf der Erde, in einem Paradies, das der Mensch durch eigene Schuld immer wieder verliert, das er verwüstet und zerstört. Vielleicht hat Dorst den religiösen Grund seines Schreibens am deutlichsten in Merlin und dem Drama Korbes (1989) gezeigt. Für Korbes hat er zurecht den Ludwig Mühlheims-Preis für religiöse Dramatik erhalten (1991). In diesem Stück werden zwei Themenstränge parallel geführt: die fast überirdisch schöne Stimme der Brockes-Passion und die böse Dialektstimme des Korbes, der rings um sich alle mit seiner Bosheit infiziert.
Eine Geschichte, verdeutlichte Dorst, sei hier in die andere „hineingeschrieben, wie ein Palimpsest. Die eine zeigt den Menschen als Materie, als nackten Stoff, die andere ist weitgehend allegorisch und erzählt auf hohem ästhetischen Niveau vom Menschen als Gottessohn“. Ob denn „barocker Schöngesang“ noch ausreiche, wurden Dorst und Ehler gefragt, „um einer so finsteren Geschichte die Perspektiv-Lichter aufzusetzen?“ „Wenn Kunst je ausreichen würde, um Leben zu erklären“, antwortete Ursula Ehler, „dann wäre sie schon zu Ende.“
So haben diese beiden Dramatiker bis in die jüngste Zeit hinein weitergeschrieben an ihrem die Welt signierenden, nicht sie erklärenden Thema, auf der Suche nach der Rückkehr ins Paradies, vor dessen Toren immer wieder der Engel mit dem Flammenschwert erscheint, auf der Suche nach einem verborgenen Gott, der uns sein Antlitz verhüllt. Die Moralität dieses Autorenpaares, sagte Georg Hensel, sei „keine Märchenmoral“, sie sei voll unbegreiflicher Schmerzen und voll unbegriffener Stimmen. Doch der Schrei des von Gott verlassenen Menschen nach dem deus absconditus setze die Existenz Gottes voraus.
Dorst und Ehler schreiben ihre Stücke meist von der letzten Szene her, von dem unlösbaren Knoten aus Finsternis und Schönheit. Das Theater ist für sie ein Ort, an dem die Frage nach der Situation des Menschen stets von neuem gestellt wird. Sie sehen „das Theater als eine Institution nicht zur Belehrung, sondern zur Rettung des Menschen“. Die Mittel des Theaters, die Maske, die Verwechslung, das Spiel im Spiel, werden dabei souverän benutzt, um zeitgenössische Wertsetzungen und Normen zu befragen.
Ihre Bühne ist ein Theater des Suchens, des Zeigens und des Fragens, das zunehmend auch im Ausland Beachtung gefunden hat. Die Liste der Dramen, Filme, Libretti und Prosastücke ist lang, doch ist der wichtigste Ort ihres Schreibens nach wie vor das Theater, nicht zuletzt wegen seiner offenen Produktionsform, die es – nach Dorst – nicht erlaubt, „sich im Esoterischen zu verlieren oder in Zeitferne zu erstarren“.
Die Jury schlägt vor, Tankred Dorst und Ursula Ehler für ihr großes Lebenswerk, das noch längst nicht zu Ende geschrieben ist, das unser Theater durch bedeutende Stoffe und Themen bereichert hat und in die Tiefendimension unseres Daseins führt, den Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken zu verleihen.
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