Josef und seine Brüder

Wie Eifersucht und Missgunst die Geschwister auseinander brachten
Endlich waren Jakob, seine vier Frauen, die elf Söhne, seine Diener und Herden in Kanaan angekommen. Doch schon bald kam großes Leid über Jakob. Rahel, seine Lieblingsfrau, starb bei der Geburt ihres zweiten Sohnes Benjamin. In seiner Verzweiflung klammerte sich der Vater an Rahels ersten Sohn Josef. Er hatte große Ähnlichkeit mit Rahel und erinnerte ihn sehr an sie. Josef war Jakobs Lieblingssohn. Ihn behandelte er wie einen Erstgeborenen – obwohl die zehn anderen Brüder älter waren als er. Darüber waren sie sehr böse.Ein kostbarer Mantel für Josef
Jakob schenkte seinem Lieblingssohn einen besonders wertvollen Mantel mit langen Ärmeln. Seine älteren Söhne waren außer sich vor Zorn, und sie begannen, Josef zu hassen. Als Josef seinen Brüdern einmal beim Hüten der Schafe half, war er entsetzt über deren Faulheit und Nachlässigkeit. Er erzählte es seinem Vater. Und von da an wurde alles noch schlimmer. Die Brüder sprachen kein Wort mehr mit ihm.
Die Brüder sind sauer
Eines Morgens erzählte Josef den Brüdern seinen Traum: „Wir waren alle draußen auf dem Feld und banden Garben aus Getreide. Plötzlich richtete sich meine Garbe auf. Eure Garben aber stellten sich im Kreis um meine herum auf und verneigten sich vor ihr.“ Seine Brüder waren sauer und schrieen Josef an: „Was bildest du dir ein?! Glaubst du etwa, wir würden uns vor dir verneigen?!“
So ein Hochmut!
Einige Tage später hatte Josef wieder einen merkwürdigen Traum. Diesmal erzählte er ihn seinem Vater: „Stell dir vor, Vater! Ich träumte, dass die Sonne, der Mond und elf Sterne vor mir niederknieten.“ Jakob war entsetzt. Sollten die Sonne und der Mond etwa ihn und seine Lieblingsfrau Rahel darstellen und die elf Sterne Jakobs Brüder? Er wurde ärgerlich und sagte zu Josef: „So ein Hochmut! Möchtest du dich höher stellen als deine Eltern?“ Doch Jakob dachte weiter über den Traum seines Sohnes nach. Ob Gott ihm so mitteilen wollte, dass Josef etwas ganz Besonderes war und dass er ihn vor allen anderen seiner Familie auserwählt hatte? Die zehn älteren Brüder aber hatten an der Tür gelauscht, als Josef seinem Vater den zweiten Traum erzählte. Nun hatten sie endgültig genug von diesem Aufschneider und Wichtigtuer. Und sie warteten auf eine Gelegenheit, es ihrem Bruder gründlich heimzuzahlen.
Wir sind doch keine Mörder!
Diese Gelegenheit kam schneller, als sie dachten. Denn schon bald forderte Jakob seinen Sohn Josef auf: „Deine Brüder müssten längst zurück sein. Ich mache mir Sorgen um sie. Geh zu den Herden und sieht nach, ob alles in Ordnung ist!“ Josef machte sich auf den Weg. Schon von weitem erkannten ihn die Brüder an seinem kostbaren Mantel. „Am besten töten wir Josef“, sagte einer der Brüder, „dann sind wir ihn ein für allemal los.“ Die anderen stimmten ihm zu – bis auf Ruben, Jakobs ältester Sohn. Er sagte: „Nein, damit bin ich nicht einverstanden. Wir sind doch keine Mörder. Aber lasst uns ihn in den ausgetrockneten Brunnen dort hinten werfen! Das wird ihm eine Lehre sein.“
Josef wird in die Sklaverei verkauft
Als Josef sich den Brüdern näherte, packten sie ihn, zogen ihm den kostbaren Mantel aus und warfen ihn in den Brunnen. Josef schrie um Hilfe. Aber seine Brüder kümmerten sich nicht um ihn. Sie ließen sich zum Essen nieder. In der Ferne erblickten sie eine Karawane. Es mussten reiche Kaufleute sein, denn ihre Kamele waren voll mit kostbaren Gewürzen beladen. Die Männer wollten nach Ägypten, um dort Handel zu betreiben. Juda, einer von Josefs älteren Brüdern hatte eine Idee: „Lasst uns Josef an die Händler verkaufen. Es ist viel besser als ihn zu töten. Denn da bekommen wir wenigstens noch etwas Geld.“ Alle waren einverstanden – bis auf Ruben, der weggegangen war. Einige Brüder verhandelten mit den Kaufleuten, die anderen zerrten Josef aus dem Brunnen. Die Händler sahen, dass Josef kräftig und gesund war. Auf dem Sklavenmarkt würden sie gutes Geld für ihn bekommen. Schnell wurden sie sich mit den Brüdern handelseinig und kauften Josef für 20 Silberlinge. Dann fesselten sie Josef und nahmen ihn mit nach Ägypten.
Der Vater hält Josef für tot
Kurze Zeit später kam Ruben zum Brunnen zurück. Er wollte Josef heimlich befreien und ihn nach Hause bringen. Als er den Brunnen leer vorfand, war er entsetzt. Hatten seine Brüder Josef umgebracht? Sie erklärten ihm, dass sie Josef an Händler verkauft hatten. Nun mussten sie überlegen, was sie ihrem Vater erzählten. Da schlachteten sie einen Ziegenbock und tauchten Josefs kostbaren Mantel in dessen Blut. Zu Hause zeigten sie dem Vater Josefs blutbefleckten Mantel und sagten: „Diesen Mantel haben wir gefunden. Gehörte er nicht unserem Bruder?“ Jakob weinte und schrie: „Bestimmt wurde Josef von einem wilden Tier getötet. Nun habe ich nicht nur meine geliebte Rahel verloren, sondern auch noch meinen über alles geliebten Sohn!“
Kurz erklärt
Liebe Kinder,
einer, der sich beim Vater Liebkind macht und seine Geschwister verpetzt, ein Wichtigtuer, ein Träumer, ja, ein Größenwahnsinniger: So sehen die zehn Brüder den Lieblingssohn des Vaters. Klar, dass sie auf Josef wütend sind. Es gibt wohl niemanden, der sich nicht mal gegenüber seinen Geschwistern benachteiligt gefühlt hat: „Warum darf der und ich nicht?! Bestimmt hat Mama ihn viel lieber als mich.“ Wenn das öfter passiert, wird die Wut auf den Bruder oder die Schwester immer größer.
Gedanken an Rache
So ist es auch den zehn älteren Brüdern Josefs ergangen. Lange mussten sie mit ansehen, wie Josef bevorzugt und vom Vater verhätschelt wurde. Sie trugen Arbeitskleidung. Josef aber durfte sich in einen kostbaren Mantel hüllen – ein Geschenk des Vaters an seinen Lieblingssohn. Zehn Brüder, die sich gemeinsam in Rage reden, die kein Wort mehr mit Josef sprechen und sich gegenseitig ausmalen, was sie mit ihm anstellen könnten, damit er sich endlich auch mal so zurückgesetzt und schlecht behandelt fühlt wie sie.
Aus Wut wird Mobbing
Jede und jeder von euch kennt vielleicht einen Klassenkameraden, der vom Lehrer als Vorbild hingestellt wird. „Dieser Streber!“ schimpfen einige. „Guck mal, wie doof der aussieht mit seiner altmodischen Hose!“, lachen andere. Und schon bildet sich eine Gruppe, die dem „Lehrersöhnchen“ das Leben in der Klasse schwer macht. Andere schließen sich den Anführern an. Denn es ist einfacher mitzumachen, als plötzlich allein da zu stehen und ebenfalls Opfer des Gruppenterrors zu werden. Was früher im Beruf Mobbing genannt wurde, hat sich längst auch in Schulen breit gemacht.
Josef war nicht ganz unschuldig
Im Grunde genommen haben die älteren Brüder den jüngeren Josef gemobbt. Aber Josef war daran wohl nicht ganz unschuldig. Statt seinen Vater zu bitten, sich mehr um seine Brüder zu kümmern und sie nicht schlechter zu behandeln als ihn, hatte er seinen Vorteil genutzt. Deshalb protestierte er auch nicht, als er den Mantel bekam und seine Brüder leer ausgehen mussten. Und dann hat er ihnen auch noch von seinen Träumen erzählt, in denen die Brüder sich vor ihm verneigten. Das hat diese völlig auf die Palme gebracht. Sie redeten sich in Rage und stachelten sich gegenseitig an – wie Mobber es tun, wenn sie ein Opfer suchen. Nur einer versuchte, die anderen zur Besinnung zu bringen. Doch als es darauf ankam, war er nicht da. Da kam jede Hilfe zu spät.
Hass führt zu Gewalt und Krieg
Alles in allem eine verzwickte Familiengeschichte mit Eifersucht, Neid und blindem Hass – eine teuflische Mischung, die Menschen zuweilen zu allem fähig macht, wie die Geschichte von Josef und seinen Brüdern zeigt. So entstehen Kriege, Gewalt- und Gräueltaten auf der ganzen Welt. Es gibt zwar Mahner, die versuchen, die Wogen zu glätten. Aber leider kommen sie – wie Ruben – oft zu spät.











