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Lorenz Werthmann

Caritas-Gründer Lorenz Werthmann
© Caritas
Caritas-Gründer Lorenz Werthmann.

Der Priester und Sozialpolitiker wollte auf die soziale Not seiner Zeit eine Antwort geben

Am 1. Oktober 1858 kam Lorenz Werthmann als Sohn eines Gutsverwalters in Geisenheim im Rheingau zur Welt. Der Junge ging in Hadamar aufs Gymnasium und schloss mit dem Abitur ab. 1881 nahm er am Collegium Germanicum in Rom sein Theologie-Studium auf. Die Begegnungen mit Papst Leo XIII. und Franz Hitze, Kaplan am Campo Santo Teutonico und späterer Sozialpolitiker, waren wegweisend für sein künftiges soziales Engagement.

Nach seiner Priesterweihe 1886 und seiner Promotion in Theologie und Philosophie in Rom ging Werthmann zurück nach Deutschland. Nach Zwischenstationen in Limburg als bischöflicher Sekretär und in Frankfurt als Domkaplan, wo er das Elend und die Armut einer Großstadt kennenlernte, holte ihn Bischof Christian Roos als Sekretär nach Limburg zurück. Nach seiner Wahl zum Erzbischof von Freiburg im Jahr 1886 nahm er in die badische Bischofsstadt mit.

Dort engagierte sich Werthmann als Mitglied im Verein "Arbeiterwohl" und im Vincentiusverein und verfolgte mit Interesse die entstehende Caritasbewegung. Die von protestantischer Seite bereits 1848 gegründete Innere Mission hatte er als Vorbild vor Augen. In Freiburg widmete er sich wieder dem Studium der sozialen Frage und besuchte juristische und volkswirtschaftliche Vorlesungen an der Universität. In dieser Zeit traf Werthmann auch auf Vertreter der katholischen Sozialpolitik und des katholischen Verbändewesens. Sie teilten seine Vorstellungen, die zahlreichen katholisch-caritativen Vereine, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts gebildet hatten, in einer schlagkräftigen und durchsetzungsfähigen Organisation zu bündeln.

Gründung des gemeinsamen Caritasverbandes

Am 9. November 1897 rief der 39-jährige Theologe auf dem zweiten Caritastag in Köln zur Gründung des Caritasverbandes auf und konnte so die drohende Zersplitterung der sozialen Hilfsangebote auf katholischer Seite abwenden. Als Sitz der Zentrale wurde Freiburg gewählt. Die neue Organisationsstruktur übernahm viele Aufgaben, verfügte jedoch über keine ausreichenden finanziellen Grundlagen und keine tragfähige Infrastruktur. Dies brachte das ehrgeizige Projekt, einen katholisch-caritativen Zentralverband zu schaffen, fast zum Scheitern.

Caritas-Gründer Lorenz Werthmann als Student.
© Caritas
Lorenz Werthmann als Student im Germanicum in Rom.

Die Not vieler Menschen während des Ersten Weltkriegs war ein Auslöser für die Deutsche Bischofskonferenz, die Caritas 1916 als den Sozialverband der katholischen Kirche in Deutschland anzuerkennen. Die Grundprobleme der Finanzierung wurden nach und nach gelöst. Innerhalb weniger Jahre entstanden Diözesan-Caritasverbände, die Werthmann für die Umsetzung seiner Idee einer flächendeckenden katholisch-caritativen Sozialarbeit in Deutschland für unabdingbar erachtete. Auch die Zahl der Orts- und Kreis-Caritasverbände stieg sprunghaft an. Mit 27 Diözesan-Caritasverbänden, zahlreichen Orts- und Kreis-Caritasverbänden sowie caritativen Fachverbänden gehört der Deutsche Caritasverband als größter Wohlfahrtsverband heute zu den sechs Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland.

Werthmann ging es bei der Gründung des Verbandes nicht nur um die Organisation der kirchlichen Sozialarbeit. Es ging ihm auch um das politische Engagement und die Stärkung der Fachlichkeit in der sozialen Arbeit. Ebenso wichtig waren ihm die Solidaritätsstiftung und Herzensbildung in der Gesellschaft durch eine katholische Sozialbewegung, die mit einer Stimme spricht. "Und so nehmen Sie die besten sozialen Gesetze: alles ist in Orddung – aber die Gesetzgebung wird sich nicht fortbewegen. Warum? Es fehlt die Caritas im Herzen des Fabrikanten [...]; es fehlt der weite Blick und das warme Herz bei dem Beamten, der die Ausführung dieser Gesetze überwachen soll. So ist also die Caritas der Dampf in der sozialen Maschine." Sie ist "Trägerin der sozialen Versöhnung" und "Pfadfinderin [...] für staatliche und gesetzgeberische Maßnahmen."

Die verbandliche Caritas als Stimme für soziale Gerechtigkeit

Werthmann war ein genialer Netzwerker und ein Wegbereiter einer Freien Wohlfahrtspflege, die in einer konstruktiv-kritischen Distanz zum Staat steht. Er sah die Kirche und ihre Caritas in der Verantwortung, an der Gestaltung des Sozialstaates mitzuwirken und für die Rechte von benachteiligten Menschen einzutreten. Er lehnte einen von ihm so bezeichneten "Fürsorgeabsolutismus" des Staates ab und meinte, dass es im Interesse des Gemeinwohls und des einzelnen Bürgers eine freie Wohlfahrtspflege neben der staatlichen Wohlfahrtspflege geben müsse. Modern gesprochen ging es ihm um Wahlfreiheit für den einzelnen. Für ihn war die organisierte Caritas die Sozialbewegung der Kirche mit gesellschaftlicher Sprengkraft. Dieses Selbstver-ständnis prägt die verbandliche Caritas bis heute in ihrer Funktion als Anwalt, Dienstleister und Solidaritätsstifter.

23 Jahre leitete Werthmann den "Charitasverband für das katholische Deutschland", wie der Verband ursprünglich hieß. Sein soziales Engagement konnte er auch deshalb entfalten, weil ihn der Freiburger Erzbischof Roos frühzeitig weitgehend von seinen Aufgaben als erzbischöflicher Hofkaplan befreite. Dadurch konnte er sich neben seiner Tätigkeit am Ordinariat dem Aufbau seines Verbandes zuwenden. Im Jahr 1900 wurde Prälat Werthmann zum "Commissarius für charitative Angelegenheiten" ernannt und mit der Für- und Seelsorge der zahlreichen italienischen Arbeiter im Erzbistum Freiburg betraut.

Kurz vor seinem Tod profitiert Werthmann selbst von den Diensten der Caritas: "Ich habe mein ganzes Leben für die Organisation der Caritas eingesetzt. Ich habe es getan, ohne zu wissen, wie wohltuend die Einrichtungen sind. Jetzt erfahre ich es am eigenen Leib." Am 10. April 1921 starb Werthmann in Freiburg, wo er im Gräberfeld der Caritas auf dem Hauptfriedhof begraben wurde. Seine Vision, Anwalt und Partner der Benachteiligten zu sein, lebt im Deutschen Caritasverband auch im 21. Jahrhundert weiter.

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