"Eine große Herausforderung"

Dr. Keutgen arbeitet im Malteser Krankenhaus "Zur Heiligen Familie"
Dr. Jacques Keutgen ist Ärztlicher Direktor im Malteser Krankenhaus zur Heiligen Familie in Bethlehem. Dort gibt es die einzige Intensivstation für Früh- und Neugeborene in der Region. Im Interview erklärt der Arzt, mit welchen Schwierigkeiten er täglich zu kämpfen hat und warum ihn die Arbeit dennoch erfüllt.Malteser: Herr Dr. Keutgen, wie wichtig ist das Malteser Krankenhaus zur Heiligen Familie für die Region Bethlehem?
Keutgen: Unser Krankenhaus spielt eine große Rolle in Bethlehem - nicht nur in medizinischer und wissenschaftlicher Hinsicht, sondern auch als Stabilitätspool in der Gesellschaft. Hier lernen sich Christen und Moslems besser kennen. Sie arbeiten tagtäglich zusammen am gleichen Ziel: dem gesundheitlichen Wohl der Frau. Bei uns werden alle Frauen aufgenommen und behandelt, ungeachtet ihrer Herkunft, Religion oder finanziellen Mittel.
Besonders wichtig ist unser Krankenhaus für Risikoschwangerschaften. Etwa 95 Prozent aller Risikoschwangerschaften des Distrikts Bethlehem entbinden in unserer Klinik, da wir das einzige Krankenhaus sind, das über eine Intensivstation für Früh- und Neugeborene verfügt. Im Jahr 2004 hatten wir 2.745 Geburten, das sind 60 Prozent aller Geburten in Bethlehem und Umgebung. Gerade in ärmeren Regionen sterben viele Mütter bei der Geburt ihres Kindes.
Malteser: Wie können Sie da helfen? Und wie hoch ist in Bethlehem die Säuglingssterblichkeit?
Keutgen: Bis heute wurden mehr als 32.000 Babys in unserem Krankenhaus geboren. Dabei ist keine einzige Mutter an Komplikationen gestorben. Dies ist ein Zeichen für die hervorragende medizinische Versorgung in unserem Krankenhaus. Die Säuglingssterblichkeit in unserem Krankenhaus liegt im europäischen Normbereich.
Offizielle Statistiken zur Säuglingssterblichkeit in Bethlehem gibt es nicht. Wenn aber beispielsweise eine Ausgangssperre verhängt wird, erhöht sich die Zahl der Hausgeburten und dementsprechend auch die Säuglingssterblichkeit.
Malteser: Haben Sie in Ihrem Krankenhaus ausreichend Versorgungsplätze für alle Frühchen der Umgebung?
Keutgen: Unsere Frühgeburtenstation macht uns große Sorgen, denn die Belegungszahl liegt oft bei 120 Prozent, so dass wir manchmal gezwungen sind, zwei Frühchen in einem Brutkasten zu verpflegen. Wir benötigen dringend fünf Intensivbetten mehr, um die kritische Lage etwas zu entspannen. Das bedeutet, dass wir wenigstens 200.000 Euro investieren müssen. Dafür sind wir auf Spenden angewiesen.
Die geburtshilfliche Station ist mit 66 Prozent gut ausgelastet. Da die Mütter oft bereits mehrere Kinder haben, verlassen sie das Krankenhaus 24 bis 48 Stunden nach der Geburt wieder. Im Jahr 2002 kamen rund 34 Prozent Babys der Region in unserem Krankenhaus zur Welt. 2004 waren es schon fast 60 Prozent. Wir rechnen damit, dass in den kommenden Jahren fast 90 Prozent aller schwangeren Frauen in unserem Krankenhaus entbinden werden.
Malteser: Ist die medizinische Behandlung bei Ihnen zu vergleichen mit der Behandlung in westlichen Krankenhäusern? Welche Einschränkungen erfahren Sie in Ihrer Arbeit?
Keutgen: Trotz der fast unüberbrückbaren Schwierigkeiten, die durch die politische Lage bedingt sind, ist unsere Arbeit zu vergleichen mit der in europäischen Ländern. Problematisch ist allerdings die mangelnde Bewegungsfreiheit unserer Ärzte. Es ist ihnen kaum möglich, einen Kongress oder eine Fortbildung zu besuchen.
Um dies zu kompensieren, organisieren wir vier bis sechs Mal im Jahr selber Fortbildungswochen. An diesen Fortbildungen zu den Themen Geburtshilfe, Gynäkologie und Neonatologie nehmen Professoren aus der ganzen Welt teil. Die meisten unserer Ärzte besitzen eine europäische Facharztausbildung, alle sind Palästinenser.
Malteser: Welches Erlebnis während Ihrer Arbeit hat Sie besonders berührt?
Keutgen: Im Juni 2004 hat eine Mutter Fünflinge in unserer Klinik zur Welt gebracht. Die Eltern waren bis zu diesem Zeitpunkt kinderlos und stammen aus sehr armen Verhältnissen. Als die Mutter in der 26. Schwangerschaftswoche die ersten Wehen spürte, wollte sie kein Krankenhaus in Jerusalem aufnehmen, da sie die medizinische Behandlung nicht bezahlen konnte.
Schließlich wandte sich die Mutter an uns. Wir betreuten sie medizinisch und psychologisch und konnten so die Geburt bis zur 32. Schwangerschaftswoche hinauszögern. Dann gebar sie vier Mädchen und einen Jungen per Kaiserschnitt. Die Babys wogen zwischen 1.005 und 1.295 Gramm. Vier Geburtshelfer, drei Kinderärzte, zwei Anästhesisten und sieben Krankenschwestern waren im OP-Saal anwesend. Alle Kinder sind heute wohlauf.
Ein anderes Erlebnis: In der 26. Schwangerschaftswoche hat eine Mutter bei uns ein 675 Gramm leichtes Frühchen zur Welt gebracht. Es wurde nach der Geburt sofort intubiert und künstlich beatmet. Rasch besserte sich der Zustand des Babys und wir konnten es langsam aufpäppeln.
Malteser: Was hat Sie dazu bewogen, in Bethlehem zu arbeiten?
Keutgen: Die Arbeit hier ist für mich eine große und tägliche Herausforderung - in jeder Hinsicht: Menschlich, weil ich intensiv auf die Patientinnen eingehen muss und die Ärmsten dieser Gesellschaft in abgelegenen Regionen mit unserer mobilen Klinik betreue. Medizinisch, da unsere medizinische Betreuung europäischem Standard entspricht. Die Umweltproblematik betreffend, da wir uns zurzeit für den Bau einer Verbrennungsanlage für Hospitalmüll einsetzen, die zugängig sein soll für alle Krankenhäuser in Bethlehem.
Mehr als 30 Jahre habe ich in Belgien eine gut gehende Kinderarzt-Praxis geführt und war Dienstleiter einer Kinderstation. Inzwischen sind meine Kinder erwachsen und in der ganzen Welt verstreut. Für mich war der Auszug meiner Kinder der Zeitpunkt, zu dem ich verwirklichen konnte, wovon ich immer geträumt hatte. Das bedeutete für mich: Ich wollte meinen Nächsten noch besser und intensiver helfen. Hier in Bethlehem bietet sich mir hierzu die Möglichkeit.
