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Notfallseelsorge  Seite drucken

Wo die Helfer Hilfe bekommen

Sanitäter hilft Verletzem
© Malteser Köln
Nach besonders schweren Unfällen mit Kindern oder Bekannten leiden viele Rettungskräfte unter den psychologischen Folgen.

Das Projekt "Mensch im Mittelpunkt" betreut Rettungskräfte

Es war ein Albtraum, auch wenn der Feuerwehrmann und Malteser-Rettungsassistent Klaus Kerz ähnliche Notfallsituationen schon häufig miterleben musste: Im Frühjahr 1997 war der heute 49-Jährige mit einem Rettungswagen auf der Rückfahrt von einem nächtlichen Fehleinsatz unterwegs. Dabei kam er an einem schweren Unfall vorbei und half sofort.

In dieser Nacht mussten Kerz und die Kameraden von der Feuerwehr aus den Blechknäuel der beiden Autos fünf Tote herausschneiden. Vier davon waren nicht einmal 20 Jahre alt. Ein typischer Partyunfall junger Leute also, einer von Dutzenden an einem Samstagabend. Der Unterschied: Rettungsassistent Kerz kannte die Opfer flüchtig. Der Helfer kam nur dank der Fürsorge von Pater Jürgen Langer und einem intensiven Gruppengespräch über diese grauenvolle Nacht hinweg.

Hohe Suizidrate

„Mensch im Mittelpunkt" ist der Titel des Hilfsprogramm für Helfer, für das sich Ehrenamtliche des Malteser Hilfsdienstes e.V. (MHD) wie Klaus Kerz und Pater Jürgen Langer engagieren. „Für mich war die Betreuung nach diesem furchtbaren Unfall entscheidend“, erzählt Rettungsassistent Kerz. „Ich bin dankbar, dass ich diese Hilfe inzwischen selbst leisten kann. Nur die sofortige Zuwendung und Kameradschaft hat mich von den Albträumen befreit und möglicherweise vor dauerhaften Problemen gerettet.“

Nicht immer kommen die Einsatzkräfte mit diesen Situationen gut zurecht. „Die Suizidrate bei Rettungskräften ist seit Jahren deutlich erhöht“, weiß Pater Langer, Seelsorger und Einsatzleiter des Malteser Hilfsdienstes in Köln. „Besonders kritisch“ sind seiner Ansicht nach die schweren Unfälle, bei denen die Opfer Kinder, Bekannte oder Freunde der Sanitäter sind.

Kurzfristige Stabilisierung und langfristige Nachsorge

Zu Beginn eines solchen Unglücks gehen die meisten Helfer mit großer Routine, „wie automatisch", ihren Aufgaben nach. Da bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken. Aber noch vor Ort, während die Schwerverletzten oder Toten abtransportiert werden, begreifen viele „verzögert“ die Dramatik der Situation. Schlaflosigkeit, krankhafte Wachsamkeit und Muskelzittern sind die kurzfristigen Folgen in den nächsten Tagen. Alkoholismus und Depressionen können sich als langfristige Folgen eines solchen Erlebnisses herauskristallisieren. Durch so genannte "Flashbacks" - Geräusche, Gerüche oder sonstige Sinneseindrücke – haben die Helfer die belastende Situation immer wieder vor Augen.

Hilfsprogramme, wie „Mensch im Mittelpunkt", setzen bei einer kurzfristigen Stabilisierung nach dem Geschehen an. Für die langfristige Nachsorge werden die Betroffenen sofort an ortsansässige Spezialisten verwiesen. Seelsorger Langer erzählt: „Leicht Betroffene haben das Erlebte nach zwei bis drei Tagen verarbeitet.“ Die schwer Belasteten verschlössen sich nach dieser Zeit, wenn keine schnelle Hilfe käme, so der Spezialist.

Oft nähmen betroffene Helfer einen Kollegen mit besonders starken Nerven zum Vorbild und fragten sich dann, ob sie nicht normal seien. Häufig seien die Helfer über Monate oder Jahre psychisch belastet – ohne es zu wissen. „Im Normalfall erkundigen wir uns vor Ort, wie es unseren Kameraden geht und beginnen schon zu diesem Zeitpunkt gezielt mit unserer Arbeit", berichtet Pater Langer. Ein Erstgespräch mit einem Helfer sei nämlich in vielen Fällen ausreichend. Massiv Traumatisierte dagegen erhalten sofort Einzelbetreuung.

Bundesweite Qualitätstandards

Für den Kölner Experten Werner Müller, der die Ausbildung des Malteser Hilfsdienstes leitet, stellt der Einsatzort selbst ein weiteres Problem dar: „Neben Polizisten, Feuerwehrmännern und Rettungssanitätern vieler Hilfsdienste treten gerade bei Großeinsätzen auch zahlreiche selbst ernannte Helfer auf.“

Der Ausbildungsleiter mahnt deshalb bundesweite Qualitätsstandards für die sozialpsychologische Betreuung von Einsatzkräften und Betroffenen an. „Bei Großschadensereignissen brauchen wir die Institutionalisierung von Koordinationsstellen vor Ort“, so Müllers Forderung. Das Innenministerium habe sich der Thematik angenommen, sagt Müller. „Vorerst machen wir weiter mit unserem Projekt "Mensch im Mittelpunkt." Das finanziert sich allerdings ausschließlich aus Spenden.

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