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Nikolaus-Tradition 05.12.08 Seite drucken

"Bischof" in Partylaune

© Michael Bönte, kirchensite

Die Nikolaus-Tradition in den Niederlanden

Niederlande - Mitte November legt "Sinterklaas" mit seinem Gefolge in den Niederlanden an. Das Land feiert mehrere Wochen mit einer Mischung aus moderner Party und traditionellen Bräuchen.

Eigentlich hat er das Zeug, um von seinem heiligen Vorbild zu erzählen: Im roten Talar, mit Mitra und Bischofsstab steht er auf dem dampfenden Schlepper, der in den Grachtenhafen von Enschede einfährt. Das Bild des bedächtig winkenden alten Bischofs ist nah dran an dem historischen Vorbild des Heiligen Nikolaus. Er, der Schutzheilige der Seefahrerer und Kaufleute, scheint Mitte November als Erzbischof von Myra in die niederländische Grenzstadt zu kommen, das heilige Buch mit großem goldenen Kreuz unterm Arm, die Hand wie zum Segen erhoben.

Doch der Blick rund um das Hafenbecken lässt vermuten, dass "Sinterklaas", wie der Nikolaus in den Niederlanden genannt wird, hier eine andere Gestalt angenommen hat. Fast 4000 Menschen, zumeist Familien mit kleinen Kindern, sind schon einige Stunden zuvor gekommen, um sich auf seine Ankunft einzustimmen. Verkleidet, zur lauten Musik aus den Boxen tanzend, in einer Kulisse aus grau-herbem Hafencharme mit grellbunten Luftballontrauben. Wer wird hier erwartet? Ein Karnevalsprinz? Eine Werbe-Ikone? Ein beliebter Entertainer mit weißem Rauschebart? Oder doch eine historische Figur, ein Wertevermittler, gar eine religiöse Persönlichkeit?

"Piiiet, Piiiet, Piiiet", gellt es aus tausenden Kinderkehlen, als Sinterklaas mit seinem Gefolge an Land tritt. Fast 150 "Zwarte Pieten" hat er mitgebracht, jene schwarz geschminkte Helfer, die wie eine Mischung aus Knecht Ruprecht und Rumpelstielzchen auftreten. Sie sind für allerlei Späße zu haben, necken die Kinder, schimpfen mit ihnen, musizieren und tanzen. Einige schweben mit dem Seil von einem Hafenkran herunter. Für die Kinder aber ist der Inhalt ihrer geschulterten Jutesäcke das Wichtigste: Traditionell verteilen sie Pfeffernüsse und Süßigkeiten, während sie um den Nikolaus herumwuseln, der bedächtig die Reihen abschreitet, Hände schüttelt und Wunschzettel in Empfang nimmt.

Er kommt aus Spanien

Nikolaus wird von Vielen freudig begrüßt.
© Michael bönte, kirchensite


So wie im Binnenhafen von Enschede sieht es in diesen Tagen überall in den Niederlanden aus. Offiziell ist Sinterklaas etwa zur gleichen Zeit im Hafen von Almere in der Nähe von Amsterdam gelandet. Jedes Jahr geschieht diese Zeremonie in einer anderen Hafenstadt: Von Fernsehkameras begleitet führt er dort traditionell seinen Schimmel von Bord des Schiffes, das ihn aus Spanien gebracht haben soll. Von Almere aus beginnt seine Rundtour durch die vielen Städte des Landes. "Um überall sein zu können, wird er von etwa 900 Nikoläusen unterstützt", sagt Gerhard Schoonhagen. Der Vorsitzende des Sinterklaas-Komitees in Enschede hat mit seinem Team nicht nur einen ereignisreichen Tag, sondern anstrengende drei Wochen vor sich. "Bis zum 5. Dezember sind wir noch auf vielen Veranstaltungen."

Gebucht oder eingeladen, die Ziele von Sinterklaas sind vielseitig. Der Besuch im Krankenhaus gehört genauso dazu wie der Weg durch die Einkaufsstraßen oder der Auftritt in der Kinderabteilung des Fußball-Erstligisten. Mit welchem Auftrag kommt der Nikolaus? "Er ist für die Kinder da", sagt Schoonhagen. "Eine Respektsperson, streng, aber warmherzig – so wie es gute Eltern sein sollten." Dass sich die Geschäftswelt diese Ausstrahlung gern mit eigenen Nikoläusen zu Nutze macht, habe die Flut der Nikolaus-Geschenk-Prospekte bereits Anfang November gezeigt. "Das wollen wir aber trennen." So hat man mit den Geschäften in der Innenstadt vereinbart, dass am Ankunftstag kein weiterer Nikolaus eingesetzt werden darf. "Da kommt nur der eine, der Echte."

Und der macht sich an diesem Tag gleich mehrfach auf, um den Kindern in der Stadt zu begegnen. Nach dem Hafen geht es mit Bussen zur Eisenbahn, die ihn zusammen mit den "Pieten" zum Hauptbahnhof bringt. Dort warten wieder etwa 2.000 Menschen. Eine kurze Ansprache und langes Händeschütteln folgen. Derweil treiben seine Begleiter fleißig Schabernack, Kinder tragen Gedichte und Lieder vor, eine Zirkusschule bietet Artistik. Anschließend formiert sich ein Autokorso mit Blaskapellen, "Pieten" auf Motorrädern und Kleinlastern mit Orangen, die verteilt werden. Und am Ende: Der Nikolaus hoch zu Pferd, natürlich auf einem Schimmel.

Schlüsselübergabe

Für den Nikolaus gibt es eine Parade durch die Stadt.
© Michael Bönte, kirchensite


Die Parade quer durch die Innenstadt wird von den Passanten begeistert empfangen. Insgesamt etwa 10.000 Zuschauer werden es am Ende gewesen sein, die an diesem Tag dem Nikolaus zugejubelt haben. Viele von ihnen warten vor dem Rathaus, wo Sinterklaas vom Bürgermeister den Schlüssel für das Stadthaus überreicht bekommt. Bis zum Nikolaustag darf er jetzt dort wohnen – das glauben die Kinder. Wichtig ist die Station aber auch wegen der Sponsoren: Ihnen dankt er persönlich im Festsaal. Immerhin: Etwa 25.000 Euro kostet die Aktion in diesem Jahr. "10.000 Mandarinen und 9.000 Kilo Süßigkeiten", verrät Schoonhagen. "Die Arbeit des Komitees und aller anderen Helfer ist komplett ehrenamtlich."

Die Niederländer lieben ihren Sinterklaas, das belegen auch andere Zahlen. Bei einer landesweiten Umfrage nach den wichtigsten Merkmalen des Landes landete er auf Platz zwei, noch vor dem Käse und nur knapp hinter den Windmühlen. Schoonhagen selbst hat sich einmal ausgerechnet, wie viel Zeit ein Niederländer in seinem Leben durchschnittlich mit Bräuchen und Traditionen rund um den Sinterklaas verbringt. "Ich bin auf etwa zwei Jahre gekommen." Denn die Legenden und das Brauchtum sind weitreichend: Etwa die Möhren und das Heu, die die Kinder in der Zeit bis zum Nikolaustag in den Schuhen verstecken, die sie neben dem Kamin platzieren. Denn durch den sollen die "Pieten" rutschen, kleine Geschenke in die Schuhe stecken und das Futter für den Schimmel des Sinterklaas mitnehmen.

Der Höhepunkt ist bereits am Vorabend des 6. Dezembers, dem Todestag des Heiligen. Ähnlich wie in anderen Ländern am Heiligen Abend wird mit dem gemeinsamen Essen und der Bescherung gefeiert. Ganz wichtig dabei sind die Gedichte über den Beschenkten, die dem Geschenk ohne Absender beiliegen. Sie nehmen sich der Eigenarten der Adressaten an, rufen kleine Fehler des Jahres in Erinnerung und spotten ein wenig. "Es muss vor allem lustig sein", erklärt Schoonhagen. "Denn Sinterklaas ist ein humorvolles Fest."

Gütesiegel für den Nikolaus

Wenngleich die Ernsthaftigkeit nicht fehlt. Wie ernst, das zeigt das Gütesiegel, das jetzt von der Amsterdamer Stiftung "Freunde des heiligen Nikolaus" geschaffen wurde: Mit ihm soll sicher gestellt werden, dass die traditionellen Gabenbringer wirklich die Erwartungen der Kinder erfüllen. "Wir wollen uns gegen auf schnelles Geld bedachte, angetrunkene Pfuscher mit Rauschebart zur Wehr setzen", heißt es in der Begründung des Vereins. Vor allem will man sich  gegenüber dem Weihnachtsmann abgrenzen, der in letzter Zeit auch in den Niederlanden vermehrt in Erscheinung tritt. Nicht umsonst hagelte es Beschwerde-Briefe an die Veranstalter, als in der Gemeinde Noordwijk bekannt gegeben wurde, dass in diesem Jahr am 9. Dezember erstmals offiziell der Weihnachtsmann begrüßt werden sollte.

Wenn auch nicht unbedingt christlich, dann ist die Tradition im Kern zumindest immer noch ernsthaft. Das ist in ihrer langen Geschichte begründet. Nach dem Tod des Erzbischofs von Myra verbreiteten sich die Legenden um ihn vor allem in den Hafenstädten der Mittelmeer-, Atlantik- und Nordseeküste, also auch in Holland. Dort entstanden bereits im 12. und 13. Jahrhundert 23 Sankt-Nikolaus-Kirchen. Im 13. Jahrhundert gab es die ersten Nikolaus-Feste. Auch Reformation und Säkularisierung konnten diesen Traditionen durch ihre lange Geschichte nichts anhaben.

Und wofür steht er heute? Eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Auch nicht für ihn selbst. "Er ist von allem ein wenig", sagt Harry de Groot, ehemaliger Schuldirektor und seit 19 Jahren Darsteller des Sinterklaas in Enschede. "Einer, der mit den Kindern fröhlich feiern kann, dazu ein Wertevermittler und Erzieher, großzügig und sozial engagiert", sagt der 64-Jährige. Und immer noch ein wenig ein Heiliger, das unterstreicht de Groot: "Er kommt als Bischof von Myra – eine Person, der man mit großem Respekt begegnet und die glaubwürdig ist."

Von Michael Bönte (kirchensite.de)

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