Exerzitien- Geistliche Übungen
Für nicht wenige ein Fremdwort
Exerzitien – schon mal gehört?„Exerzitien“ – für nicht wenige ein Fremdwort. Für manche ein altbekanntes geistliches Angebot der Kirche. Für Argwöhnische katholische Esoterik. Für Ängstliche ein Crashkurs für Superfromme. Für Halbkundige ein spirituelles Qualitätsangebot für Elitechristen. Und für manche weckt das Wort vielleicht nur Erinnerungen an das Exerzieren auf dem Kasernenhof.
Geistliche Übungen – Was ist das?
Exerzitien ist eine Abkürzung für „exercitia spiritualia“, d.h. geistliche Übungen. Was sind geistliche Übungen im Sinn eines kirchlichen Angebotes? – Exerzitien sind eine methodische spirituelle Hilfe, um in seinem Leben Gott tiefer zu finden und ihn „zur Welt zu bringen“. Sie sind ein existentielles Experiment des Glaubens, in dem ein Mensch sich bereitet, sich von Gott Gott schenken zu lassen (und auch dieses Bereiten noch einmal Geschenk, Gnade ist).
Nach Ignatius von Loyola (1491-1556), dem großen Meister der Exerzitien in den Kirchengeschichte, gehören zu Exerzitien fünf Elemente:
- Es geht um „Geist-liches“, d.h. nach der Heiligen Schrift um die „Früchte des Geistes“ wie Liebe, Freude, Friede, Freiheit, Großzügigkeit, Demut, Geduld usw. Oder umgekehrt um die „Früchte des Ungeistes“ , d.h. Ich-süchtigkeit, Egoismus, Unfreiheit, Lieblosigkeit, Hass, Unfreiheit, Neid, Streitsucht, Zerstörung usw. Im Tiefsten wird die Berührung mit dem Heiligen Geist, mit Gott selber ersehnt.
- Es geht um das Üben. Zum Üben gehören vier Punkte: Bewusstheit, ein Ziel, eine Methode und die Wiederholung. Üben ist fundamental für unser Leben: Sprache, Musik, Technik, Kultur, Kommunikation, Kunst, Arbeit und auch die Liebe leben vom Üben. – Das ganze Leben besteht aus Einüben und Ausüben. Zwei Sätze können die Bedeutsamkeit des Übens unterstreichen: „Vom Kennen zum Können führt nur das Üben“ (O.F. Bollnow); und: „Gewohnheiten sind die Muskeln der Seele.“ (A. Gehlen)
- Es geht um den Liebeswillen Gottes. Ziel des Menschen, der geistlich übt, ist, dass er immer bereiter wird, die unendliche Liebe Gottes in sich wirklich werden zu lassen.
- Es geht darum, dass ein Mensch durch zutiefst beglückende, aber oft auch sehr schmerzhafte Prozesse hindurch, in eine je größere innere Freiheit und Wahrheit wächst, um sein persönliches Ja zur Liebe intensiver sprechen und leben zu können.
- Es geht darum, auf die geschenkte Liebe zu antworten durch die Gestaltung des eigenen Lebens in der Beziehung zu Jesus Christus, der menschgewordenen Liebe Gottes in der Schöpfung und der Geschichte der Menschen.
„Klassische Exerzitien“
Klassische Exerzitien leben von drei Quellkräften:
- Exerzitien sind Zeiten der Stille. Das Schweigen soll helfen, immer mehr die Stimme Gottes zu hören und die „Augen des Herzens zu öffnen, damit wir erkennen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind.“ (Eph 1,18)
- Exerzitien sind Zeiten des Gebetes, der Besinnung auf das eigene Leben und seine Botschaften, der Meditation der Heiligen Schrift, der Kontemplation, der Stille und der Ausrichtung auf die geheimnisvolle Gegenwart Gottes in einem einfachen Dasein.
- Exerzitien sind Zeiten des täglichen Gesprächs mit einem geistlicher Begleiter bzw. einer Begleiterin. Dabei geht es um Fragen wie: Was suche ich „eigentlich“? Was hat sich in mir bewegt und sich mir gezeigt? Geschehen innere Umschichtungen? Kündigen sich Entscheidungen an? Wie geht es weiter auf dem Exerzitienweg?
Verschiedene Formen von Exerzitien
Es gibt 30-tägige, 8-tägige Exerzitien und solche von nur einigen Tagen. Es gibt Exerzitien mit Einzelbegleitung oder ohne und auch mit Vorträgen für alle. Es gibt seit den 90er Jahren wachsend „Exerzitien im Alltag“, die vor allem während der Fasten- und Adventszeit in Pfarrgemeinden angeboten werden. – Exerzitienangebote setzen je nach Angebot sowohl von den Zielen wie von den Methoden her verschiedene Akzente.
Exerzitien für mich?
Wenn jemand eine intensive Sehnsucht nach einem lebendigeren Glaubensleben verspürt; wenn jemand sein Leben neu orientieren und seine Entscheidungen mehr auf Gott hin ausrichten möchte - dann klingt dies „Exerzitien-verdächtig“.
Zum Schluss ein wenig Geschichte
Geistliches Üben gibt es in allen Religionen und überall, wo versucht wird, Glaube und Hoffnung und Liebe zu leben. Ein bezeichnendes Wort dafür aus der Bibel: „Übe dich in der Frömmigkeit (wörtlich: Gottseligkeit)! Denn körperliche Übung nützt nur wenig, die Frömmigkeit aber ist nützlich zu allem. Ihr ist das gegenwärtige und das zukünftige Leben verheißen.“ (1 Tim 4,7). Die Mönche der ersten Jahrhunderte wurden auch als „Asketen“, d.h. als „Übende“ bezeichnet. Sowohl in den Klöstern wie in der christlichen Erziehung gab und gibt es notwendig das Moment des Lernens und Übens. Ignatius von Loyola hat den Exerzitienweg stark geprägt und den geistlichen Übungen einen wichtigen Platz gegeben. Sie seien „das Allerbeste, was ich in diesem Leben denken, verspüren und verstehen kann.“ – In Exerzitien geht es um jene „fröhliche Hartnäckigkeit“ (C. Bamberg), mit der ein Mensch auf der Spur dessen bleiben will, der „der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.“ (Joh 14,6)
Pater Dr. Willi Lambert SJ, Jesuitenkommunität St. Michael München
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