Friedensrufer und Einheitsprophet
Johannes Paul II. hinterließ tiefe Spuren in Kirche und Politik
Er regierte so lange wie nur ein einziger Petrus-Nachfolger zuvor. Und er prägte die katholische Kirche und ihre Rolle in der Welt stärker als die meisten seiner 265 Vorgänger. Der Papst aus Polen, der erste Nichtitaliener nach 455 Jahren, starb, wie er es vermutlich gewollt hat: inmitten seiner Arbeit im Dienst für Gott, Kirche, Welt und den Menschen. Noch vor sechs Tagen hatte er zu Ostern, wenn auch nur stimmlos, den Segen "Urbi et orbi" erteilt. Danach versagten ihm nach langer schwerer Krankheit die Kräfte.Fast eine Generation lang hat Johannes Paul II. die katholische Weltkirche mit ständig neuen Initiativen und mit der immer gleichen Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen begleitet. Als begnadeter Kommunikator begeisterte er Menschenmassen. Er machte die Kirche immer wieder präsent, verschaffte ihr Aufmerksamkeit in der Welt. Als Mahner und als Gewissen, als Weltreisender und politischer Akteur für Frieden und Gerechtigkeit, für Menschenrechte und Lebensschutz wurde er zur moralischen Autorität über Glaubens- und Kulturgrenzen hinweg.
In die Geschichte wird Johannes Paul II. als der Papst eingehen, der maßgeblich die Weichen für den Fall des Eisernen Vorhangs 1989 stellte. Der mit Nachdruck die Einheit der Christen förderte, vor allem mit der Orthodoxie. Trotz mancher Rückschläge bleibt seine ökumenische Bilanz positiv. Einen entscheidenden Durchbruch schaffte der 1920 in Wadowice in der Nähe von Auschwitz geborene Karol Wojtyla bei der Aussöhnung mit dem Judentum. In seinem Pontifikat normalisierten der Vatikan und der Staat Israel nach 45 Jahren Dissonanz ihre Beziehungen. Mit seinem ersten Besuch in einer Synagoge, mit dem historischen Gang zur Jerusalemer Klagemauer und der bewegenden Zeremonie im Holocaust-Mahnmal "Jad Vaschem" setzte Johannes Paul II. im Jahr 2000 Meilensteine.
Kontakte zu anderen Religionen
Gleichzeitig bemühte er sich um Kontakte zu den anderen Religionen. Gegen Widerstände in der Kurie lud er zu den Weltfriedenstreffen nach Assisi. Er suchte den heiklen Brückenschlag zum Islam, betrat in Damaskus als erster Papst eine Moschee. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 warnte er vor einer Islam-Phobie und einem "Religionskrieg". Zwar konnte er den Waffengang im Irak nicht verhindern. Dass aber der befürchtete Zusammenstoß der Kulturen und Religionen ausblieb, ist auch dem Papst aus Polen zu verdanken.
Johannes Paul II. wollte die Einheit der Weltkirche bewahren - nicht durch Abkapselung, sondern in Weltoffenheit. Bereits in seiner Antrittsrede forderte er: "Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus. Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme für seine rettende Macht".
War es ein Akt der Vorsehung, dass die Kardinäle am 16. Oktober 1978, im zweiten Konklave des Drei-Päpste-Jahres, den 58-jährigen Krakauer Kardinal Karol Wojtyla an die Spitze der katholischen Kirche wählten? Nach den unruhigen Konzils- und Nachkonzilsjahren erschien der dynamische und polyglotte Theologe als der Hoffnungsträger, das Schiff Petri in ruhigere Gewässer zu steuern. Sein Organisationstalent, sein Mediengeschick, seine internationale Erfahrung, sein Standvermögen gegenüber totalitären Machthabern und nicht zuletzt seine robuste Gesundheit galten als beste Voraussetzungen für das kirchliche Spitzenamt.
Die Stärken seines Pontifikats lagen zweifellos im "Politischen" - auch wenn Karol Wojtyla politische Ambitionen energisch bestritt. Die hautnahe Erfahrung mit dem Kommunismus führte dazu, dass gerade Menschenrechte und Lebensschutz zu seinen "starken" Themen wurden. Wie sehr er die Kreise der Ostblock-Herrscher störte, ließ das Attentat vom 13. Mai 1981 erahnen. Trotz aller Verschleierungsversuche deutet bis heute vieles auf einen Mordbefehl aus dem Osten hin.
Dank der Deutschen
Selbst sein früherer Gegenspieler aus dem Kreml, Michail Gorbatschow, aber auch die US-Präsidenten bis zu George W. Bush bescheinigten dem Papst einen maßgeblichen Beitrag zum Sturz des Kommunismus. Helmut Kohl würdigte den Papst 1996 vor dem Brandenburger Tor als Mann, der sich nie mit der "widernatürlichen Teilung Europas durch den Eisernen Vorhang abgefunden" habe, und dem die Deutschen viel verdankten.
Aber der Kampf des Papstes galt nicht nur dem Kommunismus. Er kämpfte für das Leben und gegen Abtreibung, Euthanasie und Klon-Versuche. Er forderte Schutz für Ehe und Familie, verurteilte die "Homo-Ehe" und veranlasste konsequentes Durchgreifen bei den weltweiten Missbrauchs-Skandalen. Mit seiner entschiedenen Haltung in Wirtschaftsfragen galt er für manche als der letzte Anti-Kapitalist.
Marktwirtschaft musste für ihn sozial, Globalisierung solidarisch sein. Und wie er im Kuba Fides Castros die christliche Botschaft von Freiheit und Gerechtigkeit predigte, Menschenrechtsverletzungen anprangerte und Religionsfreiheit forderte, so las er auch rechtsgerichteten Diktatoren wie Chiles Pinochet oder Paraguays Stroessner die Leviten.
Markenzeichen Auslandsreisen
Markenzeichen und Führungsinstrument waren für Johannes Paul II. die 104 Auslandsreisen mit 1,2 Millionen Kilometern in 129 Länder. Als moderner Völkerapostel wollte er das Evangelium bis an die Grenzen der Erde tragen. Weiße Flecken auf seiner Reisekarte blieben China, Vietnam und etliche arabisch-islamische Staaten. Auch sein Traumziel Moskau hat er nicht erreicht. Zwar fehlte infolge seiner häufigen Abwesenheit von der Kurie mitunter die führende, gestaltende Hand. Und in den letzten Jahres seines Pontifikats ließ sich der Papst zunehmend von Mitarbeitern entlasten, vor allem von Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano und Kardinaldekan Joseph Ratzinger.
Dafür hat Johannes Paul II. aber - dank Fernsehen, Flugzeug und Internet - so viele Menschen erreicht wie kein Papst zuvor. Er verfasste 14 Enzykliken und unzählige Apostolische Schreiben und Botschaften. Täglich hielt er zwei bis vier Reden, pro Jahr etwa 900 - auch wenn sie in den letzten Jahren immer kürzer wurden und er zunehmend Mühe beim Sprechen hatte. Er empfing fast 900 Staats- und Regierungschefs, berief 15 Bischofssynoden ein und proklamierte 1.800 Heilige und Selige.
Seit Amtsbeginn wurde der Papst, der goldenen Tragsessel und majestätisches "Wir" ablegte, der seinen Attentäter im Gefängnis besuchte und der auch als oberster Mann der Kirche noch Ski fuhr, als "Superstar" gefeiert. Allerdings schlug der Enthusiasmus in manchen Ländern auf Grund der harten Haltung in Moralfragen, aber auch wegen seines Neins zur Interkommunion in Kritik um. Dennoch feierten ihn die Pilgermassen während des Heiligen Jahres und die Medien in New York, Manila, Toronto, Mexiko und Lourdes als Hoffnungsträger. Das Irak-Engagement brachte ihm Anerkennung weit über die Kirche hinaus ein. Und mit seiner eisernen Energie in seiner Gebrechlichkeit beeindruckte er auch Kritiker.
Nach 1989 schien das Pontifikat von Johannes Paul II. seinen Höhepunkt überschritten zu haben. Neben einem Aufschwung der Kirchen in der Dritten Welt musste der Papst schmerzliche Einbrüche im säkularisierten Westen erleben. Auch in den "befreiten" Staaten des Ostens wurde die Stimme der Kirche nicht in dem Maße gehört, wie er es sich erhofft hatte. Zudem konnte er den Bruch mit den Traditionalisten unter Erzbischof Marcel Lefebvre nicht verhindern.
Viele Krankheiten
Mitte der 90er Jahre wurde es ruhiger um die Kirchenspitze. Dazu trugen auch mehrere Krankheiten des Papstes bei, eine missglückte Hüft- und zwei schwere Darm-Operationen. Zudem war schon seit dem Golfkrieg 1991, als der Vatikan der Anti-Saddam-Front seinen Segen verweigerte, der Kontakt zur westlichen Führungsmacht USA belastet - was sich mit dem Irak-Krieg 2003 wiederholte.
Von Beginn an war es erklärte Vision für Johannes Paul II., die Kirche ins dritte Jahrtausend zu führen. Das "Anno Santo 2000" mit 30 Millionen Rom-Pilgern war ein neuer Höhepunkt seines Pontifikats. Mit großen Reden und überraschenden Gesten rückte der immer prophetischer wirkende Papst die Kirche neu in den Mittelpunkt. Das "Mea culpa" für Vergehen von Christen in der Geschichte, die Reisen auf den Spuren der Bibel waren sensationell. Die Vorschläge zur Reduzierung von Auslandsschulden, zum Strafnachlass für Gefangene, zum Moratorium für die Todesstrafe stießen auf Resonanz. Und die "Highlights" hielten an: Der Brückenschlag zur Orthodoxie in Griechenland, zum Islam in Syrien, die Reisen in die GUS-Staaten rund um Russland und schließlich sein Silbernes Pontifikats-Jubiläum.
Es ist unmöglich, den Wojtyla-Papst in ein Schema zu pressen: progressiv oder konservativ, rechts oder links, modern oder altmodisch - die Schablonen stimmen nur in Einzelfällen. Johannes Paul II. hat die Kirche über die Jahrtausendschwelle geführt. Sein Nachfolger wird die Impulse aufgreifen - aber sicher auch andere Akzente setzen.
