logo


E-Mail-Adresse *

Anrede 

Vorname

Nachname

Aktion wählen:
 Anmelden
 Abmelden

Angaben mit * sind Pflichtangaben.


Interview  Seite drucken

Totgelobt und wirkungslos verpufft?

Professorin Marianne Heimbach-Steins
© Universität Bamberg
Professorin Marianne Heimbach-Steins.

Interview mit Religionssoziologin Marianne Heimbach-Steins zum Sozialwort der Kirchen

Als die großen Kirchen in Deutschland vor zehn Jahren ihr gemeinsames Sozialwort präsentierten, sollte ein Ruck durch die Gesellschaft gehen. Doch kirchliche Sozialverbände beklagten schon bald, das Papier sei wirkungslos verpufft. Dem widerspricht Professorin Marianne Heimbach-Steins im katholisch.de-Interview. Das Sozialwort sei auch heute noch „eine wichtige Referenzgröße“ für die Politik.

katholisch.de: Frau Heimbach-Steins, in einem aufwendigen Konsultationsprozess haben evangelische und katholische Kirche 1997 ihr Wort „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ veröffentlicht. Hat sich dieser Aufwand überhaupt gelohnt?

Heimbach-Steins:
Dieser Aufwand hat sich unbedingt gelohnt. Erstens haben sich die Kirchen so der Gesellschaft in der Breite geöffnet. Zum Konsultationsprozess waren ja im Grunde genommen alle Menschen in Deutschland eingeladen.

katholisch.de: Und zweitens?

Heimbach-Steins:
Zweitens ist sich die katholische Kirche in dieser Zeit wieder des diakonischen, politischen Auftrags bewusst geworden. Die sozialpolitische und ökologische Verantwortung der Kirche rückte mehr in den Vordergrund. So ist auch ein neues Selbstbewusstsein dahingehend gewachsen, dass Glauben immer etwas zu tun hat mit der Einmischung in gesellschaftliche Prozesse.

katholisch.de: Eine Auffassung, die heute aber immer noch nicht jeder Katholik teilt…

Heimbach-Steins:
Wenn dieses Bewusstsein in der Kirche in den vergangenen zehn Jahren wieder etwas abhanden gekommen ist, dann vor allem deshalb, weil die Kirche sehr stark mit ihren eigenen Strukturen beschäftigt gewesen ist. Die Enzyklika „Deus caritas est“ von Benedikt XVI. bietet nun einige Anknüpfungspunkte, um die politische Diakonie wieder wach zu rütteln.

katholisch.de: Wie waren die Reaktionen auf das Sozialwort?

Heimbach-Steins:
Das Sozialwort war damals in aller Munde, es war ein Thema in der Gesellschaft, in den Kirchen, in den Medien, in der Politik…

katholisch.de: Wie haben denn die politischen Parteien reagiert?

Heimbach-Steins:
Alle Parteien haben sich mit dem Sozialwort auseinander gesetzt und das sehr unterschiedlich. Einige haben aus dem sehr umfangreichen Text das herausgenommen, was gut in ihr eigenes Programm passte. Übrigens kam die positivere Reaktion damals überraschender Weise von der SPD und den Grünen.

katholisch.de: Hatte das Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und den einzelnen Parteien?

Heimbach-Steins:
Ja, das hatte es. In dieser Zeit fand zum Beispiel das erste Spitzengespräch zwischen der katholischen Kirche und den Grünen auf Bundesebene statt. Die über lange Zeit als selbstverständlich angesehene Allianz zwischen katholischer Kirche und CDU/CSU wurde etwas relativiert. In ihren Gesprächen mit den Spitzengremien aller demokratischen Parteien versuchen die Kirchen, einer allzu selektiven Wahrnehmung des Sozialworts entgegenzuwirken.

katholisch.de: Massenarbeitslosigkeit, Umbau des Sozialstaates, Armutsbekämpfung…Viele Probleme, die das Sozialwort anmahnte, sind auch heute noch nicht gelöst. Ist das Wort „wirkungslos verpufft“, wie einige kirchliche Sozialverbände kritisieren?

Heimbach-Steins:
Es ist falsch zu erwarten, dass ein kirchlicher Text die Politik unmittelbar verändert. Die Kirche übernimmt nicht die Aufgabe der Politiker. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, die Schere zwischen arm und reich ist größer geworden – so etwas kann man nicht dem Sozialwort anlasten.

katholisch.de: Aber was kann ein solcher kirchlicher Text dann leisten?

Heimbach-Steins:
Kirchliche Einreden können und müssen den Problemdruck verdeutlichen, Kriterien für eine sozialverträgliche Politik anbieten und vor allem die Anliegen derer zum Ausdruck bringen, die keine Lobby haben. In diesem Sinne sind sie wichtig als kritische Begleiter politischer Prozesse. Man muss sehen, was das Sozialwort damals angemahnt hat, was davon umgesetzt wurde und was nicht. In vielen Punkten ist dieses gemeinsame Wort der Kirchen auch heute noch eine wichtige Referenzgröße.

katholisch.de: Was ist denn zum Beispiel umgesetzt worden?

Heimbach-Steins:
Die Kirchen haben damals im Sozialwort die alte Forderung der Sozialverbände aufgenommen, einen Armuts- und Reichtumsbericht zu erstellen. Das ist wichtig, weil man wissen muss, wer aus welchen Gründen arm und benachteiligt ist und wo die materiellen Ressourcen konzentriert sind. Dies ist dann in der Zeit der rot-grünen Bundesregierung geschehen. Heute ist dieser Bericht selbstverständlich und zu einem wichtigen Instrument sozialpolitischer Orientierung geworden.

katholisch.de: Ist das Sozialwort immer noch aktuell?

Heimbach-Steins:
In einigen Punkten auf jeden Fall. Das Konsultationsverfahren ist auch heute noch nachahmenswert. Ich denke, es gibt einige Themen, die so wichtig sind, dass die Kirchen wieder einen solch aufwendigen Prozess anstrengen sollten. Außerdem sind die Kapitel drei („Perspektiven und Impulse aus dem christlichen Glauben“) und vier („Grundkonsens einer zukunftsfähigen Gesellschaft“), die relativ unabhängig von der Tagespolitik sind, eine Art Grundlegung einer ökumenischen Sozialethik, auf die sich auch künftige Stellungnahmen beziehen sollten.

katholisch.de: Und die tagesaktuellen Themen?

Heimbach-Steins:
Diese Kapitel müssten natürlich von Zeit zu Zeit neu geschrieben werden. Aber zu den einzelnen Themen wie Bildung oder auch Gesundheitsreform haben die beiden Kirchen auch weiter Stellung bezogen – leider meist getrennt von einander.

katholisch.de: Wieso bedauern Sie das?

Heimbach-Steins:
Das Sozialwort hat ein starkes Fundament für ökumenische Stellungnahmen gegeben. Das sollte man nicht verstauben lassen, denn nur gemeinsam haben die Kirchen eine gewichtige Position – gerade in gesellschaftlichen Fragen.

Zur Person

Marianne Heimbach-Steins ist Professorin für Christliche Soziallehre und Allgemeine Religionssoziologie an der Fakultät Katholische Theologie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Sie war von 1996 bis 2006 Beraterin der Kommission VI für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz. Heimbach-Steins ist seit 1996 Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), seit 2005 gehört sie der Arbeitsgruppe Religionsfreiheit der Deutschen Kommission Justitia et Pax an und ist in der Theologischen Kommission des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB). Von 1998 bis 2005 war sie Vorsitzende von AGENDA – Forum katholischer Theologinnen e.V. Sie hat bundesweit an zahlreichen Veranstaltungen zum Konsultationsprozess und zum Gemeinsamen Wort mitgewirkt.
katholisch.de: Wie haben denn die politischen Parteien reagiert?

Heimbach-Steins: Alle Parteien haben sich mit dem Sozialwort auseinander gesetzt und das sehr unterschiedlich. Einige haben aus dem sehr umfangreichen Text das herausgenommen, was gut in ihr eigenes Programm passte. Übrigens kam die positivere Reaktion damals überraschender Weise von der SPD und den Grünen.

katholisch.de: Hatte das Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und den einzelnen Parteien?

Heimbach-Steins: Ja, das hatte es. In dieser Zeit fand zum Beispiel das erste Spitzengespräch zwischen der katholischen Kirche und den Grünen auf Bundesebene statt. Die über lange Zeit als selbstverständlich angesehene Allianz zwischen katholischer Kirche und CDU/CSU wurde etwas relativiert. In ihren Gesprächen mit den Spitzengremien aller demokratischen Parteien versuchen die Kirchen, einer allzu selektiven Wahrnehmung des Sozialworts entgegenzuwirken.

katholisch.de: Massenarbeitslosigkeit, Umbau des Sozialstaates, Armutsbekämpfung…Viele Probleme, die das Sozialwort anmahnte, sind auch heute noch nicht gelöst. Ist das Wort „wirkungslos verpufft“, wie einige kirchliche Sozialverbände kritisieren?

Heimbach-Steins: Es ist falsch zu erwarten, dass ein kirchlicher Text die Politik unmittelbar verändert. Die Kirche übernimmt nicht die Aufgabe der Politiker. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, die Schere zwischen arm und reich ist größer geworden – so etwas kann man nicht dem Sozialwort anlasten.

katholisch.de: Aber was kann ein solcher kirchlicher Text dann leisten?

Heimbach-Steins: Kirchliche Einreden können und müssen den Problemdruck verdeutlichen, Kriterien für eine sozialverträgliche Politik anbieten und vor allem die Anliegen derer zum Ausdruck bringen, die keine Lobby haben. In diesem Sinne sind sie wichtig als kritische Begleiter politischer Prozesse. Man muss sehen, was das Sozialwort damals angemahnt hat, was davon umgesetzt wurde und was nicht. In vielen Punkten ist dieses gemeinsame Wort der Kirchen auch heute noch eine wichtige Referenzgröße.

katholisch.de: Was ist denn zum Beispiel umgesetzt worden?

Heimbach-Steins: Die Kirchen haben damals im Sozialwort die alte Forderung der Sozialverbände aufgenommen, einen Armuts- und Reichtumsbericht zu erstellen. Das ist wichtig, weil man wissen muss, wer aus welchen Gründen arm und benachteiligt ist und wo die materiellen Ressourcen konzentriert sind. Dies ist dann in der Zeit der rot-grünen Bundesregierung geschehen. Heute ist dieser Bericht selbstverständlich und zu einem wichtigen Instrument sozialpolitischer Orientierung geworden.

katholisch.de: Ist das Sozialwort immer noch aktuell?

Heimbach-Steins: In einigen Punkten auf jeden Fall. Das Konsultationsverfahren ist auch heute noch nachahmenswert. Ich denke, es gibt einige Themen, die so wichtig sind, dass die Kirchen wieder einen solch aufwendigen Prozess anstrengen sollten. Außerdem sind die Kapitel drei („Perspektiven und Impulse aus dem christlichen Glauben“) und vier („Grundkonsens einer zukunftsfähigen Gesellschaft“), die relativ unabhängig von der Tagespolitik sind, eine Art Grundlegung einer ökumenischen Sozialethik, auf die sich auch künftige Stellungnahmen beziehen sollten.

katholisch.de: Und die tagesaktuellen Themen?

Heimbach-Steins: Diese Kapitel müssten natürlich von Zeit zu Zeit neu geschrieben werden. Aber zu den einzelnen Themen wie Bildung oder auch Gesundheitsreform haben die beiden Kirchen auch weiter Stellung bezogen – leider meist getrennt von einander.

katholisch.de: Wieso bedauern Sie das?

Heimbach-Steins: Das Sozialwort hat ein starkes Fundament für ökumenische Stellungnahmen gegeben. Das sollte man nicht verstauben lassen, denn nur gemeinsam haben die Kirchen eine gewichtige Position – gerade in gesellschaftlichen Fragen.

Das Interview führte Nadine Ortmanns

zum Anfang zum Anfang
Das Internetportal der Katholischen Kirche in Deutschland
© Katholisch.de
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Katholisch.de-Redaktion